Seelsorge im Panik-Sound
Was "hinterm Horizont" liegt

Udo Lindenberg | Foto: epd-bild/Philipp Reiss

Aufstieg, Exzesse, Fall und Wiederaufstehen: Udo Lindenbergs Karriere hat alles zu bieten. Aus dem tiefen Münsterland zog er einst weg, um ein buntes Stück deutsch-deutscher Musikgeschichte zu schreiben.

Von Uwe Birnstein

Kürzlich feierte der Panik-Rocker seinen 80. Geburtstag. Mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ oder dem „Sonderzug nach Pankow“ hat Udo Lindenberg den Beweis angetreten, dass Rockmusik mit deutschen Texten nicht nur cool, sondern auch erfolgreich sein kann. Doch erstaunlich oft taucht der Glaube in seinen Liedtexten auf: als Frage an Gott, als Hoffnung auf das, was hinterm Horizont liegt, oder als Protest gegen die Erdzerstörung. Bühne frei für die frömmsten Udo-Songs:

In "Grande Finale" bastelt Lindenberg aus Schöpfung, Atomangst und Weltuntergang eine grelle Apokalypse mit Sündenknall-Effekt. Gott hat die Welt als Übungsstück ad acta gelegt. Seither genießen die Menschen im Schatten ihrer zerstörerischen Erfindungen ihre Macht und ihren Reichtum – „bis der Arsch im Sarge liegt“. Eine Katstrophenrevue mit Rockgitarre. So klingen Propheten, wenn ihnen der Kragen platzt.

In "Gott, wenn es dich gibt" geht es nicht um ein brav auswendig gelerntes Gebet, sondern um ehrliches Ringen. Udo ruft in den grauen Himmel: Gott, bist du da – oder bist nur ein Gerücht? Warum änderst du nichts an diesem „Irrenhaus“ der Welt? So wird der Song zum Lied für Zweifler, die trotzdem nicht aufhören, nach oben zu sprechen

"Wozu sind Kriege da?" lässt Udo ein Kind fragen – und, warum Erwachsene einander töten, bevor sie sich überhaupt kennengelernt haben. Die Frage wirkt entwaffnend naiv. Auch die Religion bekommt hier ihr Fett weg, denn unterschiedliche Ansichten in Glaubensfragen dienen nicht selten der Legitimation von Kriegen. „Wozu sind Kriege da?“ wirkt wie eine Predigt aus Kindersicht: kurz, klar, beschämend – und bis heute bitter nötig.

Hier braucht Udo keinen Termin im Pfarramt. Das macht "Interview mit Gott" klar. Er schaltet direkt nach oben durch und fragt Gott, warum er die Welt so hängenlässt. Die Antwort fällt panisch-praktisch aus: Gegen das, was der Mensch sich selbst eingebrockt hat, hilft kein Beten. Die Erde retten können Menschen nur mit ganz irdischem Einsatz.

"Durch die schweren Zeiten" – so klingt Seelsorge im Panik-Sound: Wieder geht es um einen unsichtbaren Begleiter. Er erlöst einen nicht von den Mühsalen des Lebens, aber er verspricht mitzugehen. Wie ein Schatten, wie eine starke Hand im Rücken oder eine Stimme, die sagt: Du musst nicht allein durch diesen dunklen Tunnel stolpern.

Mit "Horizont" macht Udo aus der Trauer eine kleine Jenseits-Theologie. Der Tod einer Freundin kam so plötzlich, dass er es gar nicht begreifen konnte. Und doch ist Udo sich sicher: Der Tod wird nicht das letzte Wort haben, denn „hinterm Horizont geht’s weiter“. Was genau dort wartet, bleibt offen. Aber dass Freundschaft und Liebe nicht einfach in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, darauf gibt der Song sein Amen.

Birnstein, Uwe: Alles klar, Udo Lindenberg. Wie der Panik-Rocker den Frieden besingt, Gott interviewte und hinter den Horizont blickt; Verlag Neue Stadt, 18 Euro, ISBN 978-3-7346-1293-0

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