Der 76. Sudetendeutsche Tag in Brünn/Brno
Versöhnung in der verlorenen Heimat

Zum ersten Mal in seiner Geschichte fand das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in Tschechien statt. Was als gewagtes Experiment begann, endete mit einem emotionalen Signal – trotz erheblichen politischen Widerstands.

Brünn/Brno, 22.–25. Mai 2026. Sieben Jahrzehnte nach der gewaltsamen Vertreibung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien sind die Sudetendeutschen dorthin zurückgekehrt, wo ihre Geschichte begann: in die mährische Hauptstadt Brünn. Am Pfingstwochenende 2026 kamen Sudetendeutsche und ihre Freunde unter dem Motto „Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání" in der mährischen Hauptstadt zusammen, um ihre jährliche Zusammenkunft erstmals in der Tschechischen Republik zu begehen. Es war ein Augenblick, den viele nicht für möglich gehalten hatten.

Ein historischer Schritt
Seit 1950 kommen beim Sudetendeutschen Tag Menschen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen, Mähren und Schlesien vertrieben wurden. Mittlerweile nehmen auch zahlreiche Nachfahren an der Veranstaltung teil. Dass das Treffen nun erstmals auf tschechischem Boden stattfand, war keineswegs selbstverständlich. Die Initiative ging von tschechischen Künstlern und Intellektuellen aus, die gemeinsam mit den Organisatoren des Festivals „Meeting Brno" vorschlugen, den 76. Sudetendeutschen Tag in der mährischen Metropole auszurichten. Mit einem Begegnungsfest an einem „langen Tisch", Volksmusik und Tanzaufführungen begann am Freitag der 76. Sudetendeutsche Tag. Am Sonntag folgte die Hauptkundgebung auf dem Messegelände. Über 60 Einzelveranstaltungen umfasste das Programm insgesamt, darunter Vorträge, Filmvorführungen und Diskussionsrunden.

Posselt: Der Architekt der Annäherung
Als treibende Kraft auf deutscher Seite erwies sich einmal mehr Bernd Posselt, langjähriger Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. Für Posselt, der seit Jahrzehnten den Dialog mit Tschechien sucht, war Brünn mehr als ein Tagungsort — es war die Erfüllung seines politischen Lebenswerks. Im Gespräch mit Radio Prag International sagte er, das Treffen in Tschechien bedeute ihm sehr viel: „Das ist ein weiterer Schritt auf dem Weg der Verständigung und der Versöhnung — und hin zur Normalität." Auf der Hauptkundgebung verkündete Posselt, die Botschaft der Sudetendeutschen sei keine des Hasses, sondern der Liebe, ein Satz, der in der aufgeheizten politischen Atmosphäre der Tage zuvor wie eine bewusste Gegenbotschaft klang. 

Gottesdienste zu Pfingsten: Gebet in der alten Heimat
Der Pfingstsonntag begann mit den Gottesdiensten, bevor die Hauptkundgebung als politischer Höhepunkt des Sudetendeutschen Tages folgte. Um 9 Uhr morgens wurden auf dem Messegelände ein evangelischer Gottesdienst sowie ein römisch-katholischer Gottesdienst zelebriert, den der emeritierte Erzbischof von Prag Jan Graubner mit tschechischen und deutschen Priestern feierte.
Dass beide Konfessionen an diesem Ort und an diesem Tag gemeinsam ihre Gottesdienste hielten, trug der Realität der sudetendeutschen Volksgruppe Rechnung: Sie war stets konfessionell gemischt, Katholiken aus dem Böhmerwald und dem Sudetenland, Protestanten aus dem Egerland und Nordböhmen.

Der Evangelische Gottesdienst wurde von drei Geistlichen gemeinsam gestaltet: Pfarrerin Mgr. et Mgr. Vlasta Heinrich Groll aus Eger, Pfarrer Mikuláš Vymětal, dem Beauftragten der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder für Minderheiten, sowie Pfarrer Andrej Hliboký aus der Slowakei.
Dem evangelischen Gottesdienst kam dabei eine besondere symbolische Bedeutung zu. Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, der Aussendung und der Begegnung über Grenzen hinweg, das passte auf ungewöhnliche Weise zum Motto „Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání". Für viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die zum ersten Mal das Pfingstgebet in der alten Heimat ihrer Vorfahren sprechen konnten, war der Moment mehr als eine liturgische Pflichtübung. Es war ein Heimkommen im doppelten Sinne des Wortes.

Söder in Brünn: „Ein großes Friedensfest"
Den emotionalen Höhepunkt bildete die Hauptkundgebung am Pfingstsonntag. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von einem „großen Friedensfest" und einem historischen Signal. Die Sudetendeutschen seien „absolute Brückenbauer", die keine Revanche forderten. Söder betonte, Bayern und Tschechien seien nach dem Ende des Kalten Krieges wieder das, was sie immer gewesen seien: das Herzstück Europas.  Bereits am Vortag hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Veranstaltung als ein „historisches Ereignis" und „monumentalen Glücksmoment" für eine junge Generation von Tschechen, Sudetendeutschen, Deutschen und Europäern bezeichnet.

Der Versöhnungsmarsch: Symbol mit Geschichte
Besondere Bedeutung kam dem Brünner Versöhnungsmarsch am Samstag zu. In bewusster Umkehr der historischen Route des Todesmarsches führte dieser von einem Massengrab in Pohořelice (deutsch Pohrlitz) nahe der österreichischen Grenze über 32 Kilometer zurück in die mährische Hauptstadt, ein weithin sichtbares Symbol für Menschlichkeit und Frieden in Europa. 

Karlspreis für den Dissidenten Milan Uhde
Einer der bewegendsten Momente war die Verleihung des Europäischen Karlspreises. Der tschechische Schriftsteller und frühere Dissident Milan Uhde nahm die Auszeichnung entgegen. Der 89-Jährige war Kulturminister, Parlamentspräsident und einer der Erstunterzeichner der Charta 77, der Bürgerrechtsbewegung um den Dramatiker und späteren Präsidenten Václav Havel. Sprecher Bernd Posselt würdigte ihn als einen Herzensfreund der Sudetendeutschen und großen Europäer.

Berührende Rede
Neben den Sudetendeutschen hatten sich 1.500 Tschechen für das Begegnungsfest angemeldet. Die Brünner Oberbürgermeisterin Markéta Vaňková begrüßte die deutschen Gäste persönlich als „liebe Nachbarn" und fand Worte des Bedauerns für die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie fand Worte des Bedauerns für die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg: „Unrecht lässt sich nicht durch weiteres Unrecht aufheben“, sagte die Politikerin. Gleich, ob man Tschechisch oder Deutsch spreche, gehe es immer um konkrete menschliche Schicksale.

Politischer Widerstand und Proteste
Das freundliche Bild auf dem Messegelände täuschte jedoch nicht darüber hinweg, dass das Treffen in Tschechien auch umstritten war. Minister der tschechischen Regierung unter Andrej Babiš blieben dem Vertriebenentreffen fern. Babiš selbst sprach von einer „unglücklichen Angelegenheit". Das Abgeordnetenhaus hatte sich in einer Entschließung mehrheitlich gegen Tschechien als Austragungsort ausgesprochen.

Ein versöhnlicher Abschluss
Den Abschluss des Sudetendeutschen Tages bildete eine stille, aber wirkungsvolle Geste: An einem ehemaligen Gestapo-Gefängnis, dem Kaunitz-Wohnheim, in Brünn wurden Kränze und Blumen niedergelegt. Eine Erinnerung daran, dass die Geschichte dieses Landes Opfer auf allen Seiten kennt.
Ob der 76. Sudetendeutsche Tag wirklich ein Wendepunkt im deutsch-tschechischen Verhältnis war oder nur ein schöner Moment im langen Prozess der Annäherung, wird die Zeit zeigen. Doch dass er überhaupt stattgefunden hat – in Brünn, in der alten Heimat, mit tschechischen Gastgebern und deutschen Gästen an einem langen Tisch, mit Bernd Posselt und Milan Uhde, das ist selbst schon eine Antwort.

Autor:

Thomas Janda

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