An das Putztuch - und los!
Alter Staub im neuen Licht

Staubwischen als Läuterung: Beim Putzen prüft man sich und seine Umwelt.
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Frühjahrsputz ist eine Menschheitsgeißel. Aber er hat eine spirituelle Seite. Man muss nur die Blickrichtung ändern. 

Von Andreas Öhler 

Menschen, die viele – oft nutzlose – Dinge zu Hause herumstehen haben, kennen das Gefühl, dass sich die Gegenstände manchmal gegen sie auflehnen. Nicht nur dass sie sich heimtückisch in den Weg stellen, dass jeder über sie stolpern muss oder sie sich verstecken, wenn man nach ihnen sucht. Sie scheinen auch miteinander geheime Verabredungen zu treffen, sich gegenseitig wie ein flinkes Basketball-Team die Staubbälle zuzuwerfen. Kaum hebt man eine Blumenvase von der Kommode oder zieht ein paar Bücher aus dem Regal, um sie abzuwischen, wird dabei so viel Staub aufgewirbelt, der sich dann sofort auf den bereits gereinigten Dingen niederlegt.
Man kennt das aus den Kindertagen: Bruder und Schwester spielen beim Verwandtenbesuch im Sonntagsstaat im Regenmatsch. Sie werden schmutzig dabei. Panisch reinigt die Mutter mit Erfrischungstüchern und Spucke die schlimmsten Flecken am weißen Kleid des Mädchens, da springt ihr soeben gereinigter Bruder schon wieder beherzt mit beiden Beinen in die Pfütze.
Sisyphos mag geduldig seinen Fels unermüdlich den Berg hochrollen – hätte man ihm als Strafe den Frühjahrs-putz auferlegt, er hätte sofort seinen Dienst am eigenen Leiden quittiert. Warum also tun wir uns diese Tortur freiwillig an, wenn wir doch wissen, dass es ein hoffnungsloses, immer wiederkehrendes Unterfangen ist? Warum mieten wir uns nicht eine Putzkolonne? Weil wir zumindest ahnen, dass der Frühjahrsputz auch eine spirituelle Seite hat. Weil er unserer Seele – passend zur Fastenzeit – ein Reinigungsritual bietet. Dann wird irgendwann zweitrangig, ob der technische Effekt eintritt, den wir uns mit der Grundreinigung versprechen.
Das Frühjahrslicht, das schlagartig mit Maria Lichtmess hereinbricht, macht uns klar, dass wir die letzten Wochen nur hinter blinden Fensterscheiben in dunklen Zimmern überwintert haben, nun aber – mit dem eintretenden Vogelgezwitscher – wollen wir Licht und Luft in unser Leben lassen. Fensterputzen, Gardinenwaschen, Teppiche ausklopfen – das alles lässt die Farben wieder deutlicher hervortreten, man sieht seinen Alltag in anderen, in leuchtenden Tönen. In keiner Jahreszeit werden überdies so gerne und häufig die Möbel gerückt. Das umgestellte Mobiliar ermöglicht, dass man dieselbe Umgebung aus einer anderen Perspektive sieht.
Nicht viel anders verhält es sich mit dem eigenen Glauben. Auch da kann es erhellend sein, wenn man gelegentlich den Blickwinkel ändert und sich allerhand Verstaubtheiten kritisch vor Augen führt. Reinigung von Haus und Seele künden immer von einem Neubeginn. Die Kulturforschung spricht dem Frühjahrsputz deshalb auch rituell-religiöse Ursprünge zu. Eine Spur führt zum iranischen Neujahrsfest, dem Nowruz, das auf den ersten Frühlingstag fällt.
Aber auch die Grundreinigung des Hauses vor dem jüdischen Pessachfest – vor den Feiertagen müssen sämtliche Reste von gesäuertem Brot penibel aus dem Hause verbannt werden – ist ein kultureller Vorläufer. Frühlingsreinigungen am Montag und Dienstag der Karwoche sind in der griechischen Orthodoxie noch erhalten. Vor oder in der Fastenwoche wird dort nicht nur der Körper entschlackt, sondern entsprechend auch das Haus gereinigt. Das Spirituelle daran: Man entdeckt dabei unter anderem Dinge, die man besitzt, aber nicht mehr braucht, man prüft sich und seine Umwelt – scheidet Überflüssiges von Nötigem.
Dass ein Frühjahrsputz auch körperlich anstrengend ist – man rutscht auf Knien, streckt sich auf Leitern – hat etwas von einer Bußübung, die ja auch zum Ziel hat, dass man geläutert aus ihr hervorgeht. Auf dem Buchmarkt haben sich einige Exerzitienmeisterinnen und -meister hervorgetan. Um nur eines zu nennen: „Magic Cleaning“ der japanischen Autorin Marie Kondo. Sie ließ mit ihrem Bestseller über das Aufräumen Millionen Menschen eine Ordnung ihres Alltags andienen.
Nicht anders verhält es sich mit dem Frühjahrsputz. Der Sinn zeigt sich erst, wenn man sich schon auf den Weg gemacht hat. Fragt man, was es bewirken wird, geht man gar nicht mehr los. Und was immer am Ende der Erfolg war, er wird überstrahlt von dem Stolz, es angepackt zu haben.

(kna) 

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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