Zur Therapie in die Sakristei

Guter Plan: Mathias Buß (l.) und Wolfgang Kempf möchten mit ihrem Projekt »Vivendium« den Kirchenraum öffnen und neu in das Stadtleben einbinden.
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Blankenhain: Psychotherapie in der Sakristei? Musiktherapie auf der Orgelempore? Einigen Gemeindemitgliedern geht das zu weit. Die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen findet das Projekt »Vivendium« von Mathias Buß und Wolfgang Kempf spannend.
Von Katharina Hille

Als Modellvorhaben des Ideenaufrufes »Stadtland: Kirche. Querdenker für Thüringen 2017« ist die »Gesundheits- und Tageslichtkirche« St. Severi in Blankenhain von der IBA Thüringen ausgewählt worden. Ein Leitthema der IBA ist der demografische Wandel, der auch vor den Kirchen nicht Halt macht. »Was wird aus unserem Gotteshaus, wenn in zwei, drei Generationen nur noch wenige Christen kommen?«, fragt sich Günter Widiger, seit Mitte der 1980er-Jahre Pfarrer in der Porzellanstadt südlich von Weimar. Bevor er in Rente geht, will er die Chance nutzen, eine neue Ära zu begründen. »Heilige Orte können heilende Orte sein« – in dieser Überzeugung trafen die Überlegungen von Mathias Buß und Wolfgang Kempf auf einen aufgeschlossenen Pfarrer. Wichtig ist ihnen: Die Kirche bleibt eine Kirche. Sie wird nicht umgenutzt, sondern erweitert, nach neuen Seiten geöffnet.
Mathias Buß, Absolvent der Weimarer Bauhaus-Uni, Architekt und Bildender Künstler, beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was Architektur leisten kann, um Kirche wieder stärker als Lebens-Raum, als Ort und Teil der Persönlichkeitsentwicklung ins Bewusstsein zu bringen. »Kirchengebäude waren schon immer Orte der Einkehr und Besinnung. Sie dienten der Sorge um Seele und Geist und waren mitunter direkt Hospitälern angeschlossen«, argumentiert er. »Heute werden die psychisch, geistig-seelischen Bedürfnisse menschlicher Gesundheit aus medizinischer Sicht überwiegend von der Psychotherapie und Psychosomatik aufgefangen. Wir möchten mit unserem Projekt Theologie und Medizin neu zueinander in Beziehung setzen.«
Buß und Kempf nennen ihr Projekt »Vivendium« – eine Sprachschöpfung aus vivendum (Leben) und ars vivendi (Lebenskunst). Um die Kirche herum werden Therapieangebote geschaffen und so Gesundheit und Seelsorge, Medizin und Theologie miteinander verzahnt. Dazu braucht es mehrere Partner. Neben der Kirchgemeinde, der EKM und der Diakoniestiftung Weimar–Bad Lobenstein haben die Projektentwickler auch das nahegelegene HELIOS-Klinikum und die Kommune sowie private Investoren für ihre Ideen begeistert. Die derzeit leer stehende alte Kantorei soll zu einer Kureinrichtung und andere ehemalige Klinikgebäude für seniorengerechtes Wohnen umgebaut werden, ein Grünzug bis zum Schloß führen. Viel Zeit bleibt nicht – 2023 ist IBA-Präsentationsjahr.
Kritiker des Projektes fürchten um den Geist ihrer Kirche. Sie ist mit 30 bis 50 regelmäßigen Gottesdienstbesuchern noch relativ gut besucht. Wenn hier Therapeuten einziehen, was bleibt dann von der Kirche?
Buß und Kempf betonen: Kirche soll in erster Linie ein Gotteshaus sein, zu Gebet, Einkehr und Stille einladen. Damit Kirchenbesucher nicht gestört werden, erhalten die Therapieräume separate Zugänge. Die spätgotische Hallenkirche könnte sogar ihren alten Haupteingang an der Westseite zurück- und mit behutsamen baulichen Eingriffen eine »Winterkirche« dazubekommen. Und neue Besucher, denen die ganzheitliche Sorge um die Gesundheit von Körper und Seele einen neuen Lebens-Raum erschließt.

Guter Plan: Mathias Buß (l.) und Wolfgang Kempf möchten mit ihrem Projekt »Vivendium« den Kirchenraum öffnen und neu in das Stadtleben einbinden.
Bauliche Öffnung: An der Westseite der Hallenkirche könnte der alte Haupteingang wieder freigelegt werden. Die Therapieräume würden separate Zugänge erhalten.
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EKM Süd aus Weimar

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