Medien
Wertschätzung in Karton

Die Postkarte zwang zur Kürze: „Wetter schön. Hotel gut. Essen prima. Sonnige Grüße.“ | Foto: Montage: Steffen Wolf
  • Die Postkarte zwang zur Kürze: „Wetter schön. Hotel gut. Essen prima. Sonnige Grüße.“
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Postkarten gibt es seit über 100 Jahren. Anfangs galt das offene Postblatt zunächst als unanständig. Wie aus einem Stück Karton der Vorläufer von Instagram wurde.

Von Matthias Pankau

Viermal klingelt am 22. Juni 1904 der Postbote bei Fräulein Anna in Karlsruhe. Viermal bringt er Post mit vom gleichen Verehrer. „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“, „Gute Nacht“, dazu gereimte Verse und eine romantische Illustration. Vier Postkarten, vier Grüße, eine Liebeserklärung – verteilt über einen einzigen Tag. Möglich machte das die mehrmalige Postzustellung im Kaiserreich, wie Veit Didczuneit vom Museum für Kommunikation in Berlin erzählt.
Die Postkarte war der Messengerdienst ihrer Epoche. Beinahe wären Karten allerdings nie Teil des Alltags geworden: Als Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals über ein „offenes Postblatt“ diskutiert wurde, formierte sich Widerstand. Persönliche Mitteilungen, die jeder lesen konnte? Man fürchtete um das Briefgeheimnis, den Anstand und die Einnahmen der Post, so Veit Didczuneit. Doch 1869 führte Österreich-Ungarn die erste offene „Correspondenz-Karte“ ein, Deutschland zog ein Jahr später nach. Mit der Halbierung des Portos begann ihr Siegeszug. Die Postkarte machte Kommunikation schneller, billiger und kürzer – als Mittelweg zwischen Brief und Telegramm, bei dem jedes Wort kostete.
Erst mit der Zeit kamen auch Bildmotive auf die Vorderseite der Karten. Wer eine Ansichtskarte verschickte, zeigte zugleich, wo er gewesen war, was ihn beeindruckte und wie er gesehen werden wollte. Die Postkarte wurde zum ersten Medium der Selbstinszenierung. Lange bevor Menschen ihre Reisen auf Instagram dokumentierten, taten sie genau das auf Karton.
Um 1900 explodierte der Markt. Allein in dem Jahr transportierte die Reichspost 440 Millionen Ansichtskarten. Urlaubsorte, Sportereignisse, technische Sensationen, Politik, Humor, Liebe, Krieg – kaum ein Thema blieb ausgespart. Selbst die Briefmarke sprach, zumal bei Verliebten, berichtet Didczuneit. Schräg aufgeklebt konnte sie bedeuten: „Ich liebe dich.“ Anders platziert: „Schreib sofort!“
Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt die Postkarte ein „Zwitter-Medium“ an der Schnittstelle von alter und neuer Medienwirklichkeit. Sie zwinge einerseits zur Kürze und zur Verdichtung: „Wetter schön. Hotel gut. Essen prima. Sonnige Grüße.“ Viel moderner und Insta-tauglicher lässt sich eine Reise kaum zusammenfassen. Andererseits handele es sich um ein Medium, das schon vom Aufwand her im Kontrast zur Schnell-schnell-Dynamik des Digitalen stehe.
Heute verschwindet dieses Medium leise: Rund 900 Millionen. 400 Millionen. 147 Millionen. 96 Millionen. Die Zahlen der in Deutschland verschickten Postkarten von den 1980er-Jahren bis Mitte der 2020er zeugen von ihrem Niedergang.
Denn gerade weil heute Milliarden Nachrichten in Sekunden verschickt werden, hat sich die Bedeutung einer Postkarte verändert: Man wählt ein Motiv aus, kauft eine Briefmarke, schreibt mit der Hand, sucht einen Briefkasten und wartet. „Wer heute Postkarten schreibt“, sagt Bernhard Pörksen, „möchte nicht einfach nur rasch einen Gruß loswerden; er möchte ein Zeichen besonderer Wertschätzung senden.“ epd

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