Der Narr – ein Spiegel der Welt und ihrer Eitelkeit

Faul: Dem ist nicht nach Fasching zumute – aber das ist erlaubt.
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Gibt es das in der so genannten närrischen Zeit: Grenzen des Humors und des Zumutbaren, des »noch Tragbaren« in doppeltem Sinne? Grenzen dessen, was an Kostümen, an Nacktheit, derbem Humor und Spott »noch geht«?

Von Christel Köhle-Hezinger 

Das, was meine Großmutter noch mit »Schamlos!« bedacht hätte, hat seine klare, eindeutige Gültigkeit verloren. Was in Brasilien als »Karneval in Rio« üblich ist, was in den Karnevalshochburgen am Rhein oder den traditionellen alemannischen Fastnachts-
Regionen »seit alters her der Brauch« war, kann ganz Verschiedenes meinen – in Rio viel Fleisch zu zeigen und wild zu tanzen, am Rhein über Kirche und Klerus zu spotten, sich als Mönch und Nonne zu verkleiden und danach, am Aschermittwoch, im Kölner Dom das Aschekreuz auf der Stirn zu empfangen. Bräuche waren in früheren Zeiten stets begrenzt üblich und gültig, in jeder Beziehung.
Jeder Brauch hatte, wie alles im Leben, »seine Zeit«. Der Fasching begann nach Martini, dem Ende des bäuerlichen Arbeitsjahres, am 11. 11. mit einem meist zahmen Auftakt, in der Regel aber so richtig erst nach Dreikönig. Und er endete, punktgenau und ohne Pardon, am Faschingsdienstag um Mitternacht.
Was in dieser Zeit von wem in welchen Formen gefeiert wurde – das gehörte zum Bestand des überlieferten Wissens um die jeweiligen örtlichen oder regionalen Traditionen, und es wurde innerhalb dieses festen Rahmens von der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit toleriert. Freilich auch, das schließt sich nicht aus, immer wieder durch Erlasse und Ermahnungen von den Kanzeln dem Volk in Erinnerung gerufen.
Man wusste wohl, was man zu tun und zu lassen hatte. Man wusste, wann es das fette Schmalzgebackene gab und wann den Hering; wann Tanz und Musik angesagt waren, wie sie zu sein und wann sie zu schweigen hatten und welche Narren-Ausrufe, Umzüge und Gaben vor Ort üblich waren; auch, dass eine »Narrenmesse« in der Kirche, vom Pfarrer in der Art einer regulären Meßfeier zelebriert, genauswenig gotteslästerlich war wie das Begraben der Fastnacht nach scheinbar streng kirchlichem Ritus.
Und, ganz wichtig: man wusste auch, wie weit Körperkontakte und Reize gehen sollten … sollten! Dass dies oft nur Vorgabe, nicht immer aber »fromme Praxis« war, ist aus den Akten ersichtlich. Die Klagen der Pfarrer und der Obrigkeit darüber, dass neun Monate nach Karneval – ähnlich wie nach der Kirmes – auffällig viele Kinder geboren wurden, finden sich ebenso häufig wie die Versuche, solchem »Treiben Einhalt zu gebieten«.
Die Grenzen haben sich in jeder Beziehung verwischt – auch, weil Grenzen global gefallen sind. Die Menschen reisen, die Medien vermitteln und übertragen Bilder von fremden Kulturen und Traditionen als »Events«.
Was früher auf einen bestimmten Kulturraum begrenzt und in diesem fraglos gültig war, scheint heute bekannt, auch wenn es fremd und exotisch ist. Es scheint damit auch übertragbar, verfügbar, austauschbar. So entstehen neue Kulturformen, für viele auch Zumutungen, Ärger, Fragen: Muss, darf Fasching alles – zeigen, verhöhnen, in Frage stellen? Dies sind aus der Sicht der Brauchgeschichte jedoch falsche Fragen. Denn sie sind nicht allein zu stellen an Fasching und Karneval; deren Wurzeln sind, wie die unserer Kulturformen insgesamt, im christlichen Mittelalter zu suchen. Sie sind mit der Kirche unlösbar verknüpft. Der Narr mit seiner Narrenkappe und den Schellen war ein Spiegel der Welt und ihrer Eitelkeit. Auch ein Memento mori: eine Erinnerung an Sterben und Vergänglichkeit im Sinne eines großen Welttheaters. 

Die Autorin ist emeritierte Professorin für Volkskunde.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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