Hoffnung für Kinder 

Bis zu 50 Kinder werden täglich von Nicole Borisuk und den Mitarbeitern im Tageszentrum in Petrivka betreut und gefördert. Auch eine warme Mahlzeit erhalten sie hier.
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  • Foto: Verein »Lebendige Hoffnung«
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Aus dem Erzgebirge nach Odessa: Seit fast 20 Jahren wohnt Nicole Borisuk in der Ukraine. Bereits während des Studiums entdeckte sie ihre Leidenschaft, Straßenkindern zu helfen. Praktische Hilfe ist für sie der Ausdruck ihres Christseins.

Von Malte Heidemann

Die letzten rund 20 Kilometer nach Petrivka haben es in sich. In das Dorf in der Südukraine führt eine denkwürdige Schotterpiste, auf der schon so manches nicht geländetaugliche Fahrzeug kapituliert haben dürfte. Petrivka selbst ist ein unscheinbarer kleiner Ort wie vermutlich viele in den Weiten des Landes, ungefähr 70 Kilometer von Odessa entfernt. Das Besondere dort ist eine soziale Einrichtung, die es in dieser Art in der Ukraine nur selten gibt: ein Tageszentrum für Kinder und Jugendliche, die in wirtschaftlich und sozial schwierigen Verhält-
nissen aufwachsen und in ihrem Leben bislang wenig Liebe erfahren haben.
Gegründet hat das Heim – ebenso wie zwei weitere in einem sozialen Brennpunktviertel Odessas – die aus dem Erzgebirge stammende Nicole Borisuk gemeinsam mit ihrem ukrainischen Mann Vyacheslav; Kindern am Rande der Gesellschaft wollen sie Geborgenheit, ein verlässliches Fundament und eine Lebensperspektive vermitteln. Die Frage liegt nahe, was eine Deutsche eigentlich dazu bewegt, sich ausgerechnet in der Ukraine für vom Schicksal nicht begünstigte Kinder zu engagieren.
Wenn Nicole Borisuk ihre Geschichte erzählt, kommt sie schnell auf ein prägendes Ereignis in ihrem eigenen Leben zu sprechen: Ihrem Vater war es gelungen, mit Hilfe des christlichen Glaubens und einer tragenden Gemeinschaft in der evangelischen Kirche seine Alkoholabhängigkeit dauerhaft zu besiegen – für Nicole und ihre gesamte Familie ein Wendepunkt. Ihr Christsein hat sie stets praktisch verstanden, und so nahm sie nach dem Abitur zielstrebig ein Studium der Sozialpädagogik auf. Dabei entdeckte sie ihr besonderes Interesse für Straßenkinder, machte Praktika in der Mongolei, in Hongkong und in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und lernte dabei, Kindern ohne ein Dach über dem Kopf adäquate Hilfe zu leisten.
Nach dem Diplom siedelte sie 1999 ganz nach Kiew über. In ihrem Projekt lernte sie ihren Mann kennen, nach der Heirat zogen sie nach Odessa. Den ersten Schritt zu eigenen Strukturen bedeutete die Gründung des Vereins »Lebendige Hoffnung«, zusammen mit einem Förderverein in Sachsen, der die Finanzierung aus Deutschland ermöglichen sollte. 2001 gelang es dem Ehepaar, in einem Problemviertel Odessas ein eigenes Haus für zunächst zwölf Kinder zu eröffnen, die dort täglich ab der Mittagszeit Hausaufgabenbetreuung und weitere Lernangebote samt einem warmen Essen erhielten.
Beiden war es von Anfang an wichtig, Kindern aller Glaubensrichtungen und auch aus atheistischen Elternhäusern Bildung und Wissen in Gesundheitsfragen zu vermitteln wie auch eigene christliche Werte vorzuleben. Nach mühevollen ersten Jahren kamen 30 bis 40 Kinder täglich, und viele von ihnen haben einen guten Weg eingeschlagen, wie Nicole Borisuk nicht ohne Stolz hinzufügt.
Bald ergaben sich auch überkonfessionelle Kooperationen mit Kirchen in der Ukraine und vor allem im Ausland, die zur Finanzierung des Projekts beitrugen und es teilweise immer noch tun. Zu den Unterstützern zählen in Deutschland auf katholischer Seite Kirchengemeinden im Erzgebirge, auf evangelischer beispielsweise die Landeskirche Bayern, der Martin-Luther-Verein Neuendettelsau oder das Diakonische Werk Württemberg. Weiter bestehen gute Verbindungen zur Luxemburger All Nations Church oder zu Interdiac in Te?šín/Tschechien.
So konnten die Borisuks 2009 ein zweites Haus in Odessa eröffnen, diesmal ein Familienzentrum, um das Umfeld der Kinder stärker einzubinden. Der Gründung des Hauses in Petrivka noch einmal vier Jahre später ging eine Initiative von Lokalpolitikern voraus, da auf dem Land oft besondere Not herrsche. In der Tat sind jenseits der Städte die Probleme mitunter noch verbreiteter: Nicole Borisuk erzählt von Familien in Petrivka, in denen sich ein Kind mit mehreren Personen ein Bett teilen muss, die ohne Sanitäranlagen oder in einem Haus ohne Dielen auf dem nackten Erdboden leben. Nicht selten sind Kinder nach der Schule sich selbst überlassen, weil die Eltern in der Stadt arbeiten. Oft spielen auch Krankheit, Alkohol und Drogen eine negative Rolle.
»Lebendige Hoffnung« beherbergt in dem ehemaligen Kindergartengebäude, das staatliche Stellen mietfrei zur Verfügung stellen, ganzjährig nun bis zu 50 Kinder in Tagesbetreuung. »Für die Kinder ist emotional entscheidend, dass sie Verlässlichkeit und Kontinuität erfahren. Wir erwarten von ihnen aber auch eine gewisse eigene Verbindlichkeit. Wer etwa die Schule schwänzt, darf nicht ins Zentrum kommen.« Die Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld sei dabei integraler Bestandteil der Betreuung. Die Hilfen, die jedes einzelne Kind der drei Zentren erhält, bestimmt der individuelle Bedarf: Von psychologischer Betreuung bis hin zu Musikstunden ist viel möglich. Die Deutsche arbeitet mit einem 15-köpfigen Team, wovon sechs Mitarbeiter fest angestellt sind, die anderen helfen ehrenamtlich. Dank der internationalen Kontakte leisten zudem immer wieder Freiwillige ein Jahr Dienst in Odessa.
Nicole Borisuk ist sich bewusst, dass gesellschaftliche Ungleichheit und Korruption die Probleme, mit denen sie jeden Tag konfrontiert wird, erheblich mitverursachen. Zugleich sieht sie auch, dass die Menschen oft Gemeinsinn zeigen und das wenige, das sie haben, gerne teilen – dies gibt ihr die Hoffnung, dass es in der Ukraine allmählich gerechter zugehen wird.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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