Wahrhaftigkeit statt Opportunismus
Pfarrer Carl Bernhard Ferdinand Beleites 1932-2021

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Am 17. Juli 2021 starb Carl Beleites 89-jährig im Christlichen Hospiz in Neustadt/Harz. Er war von 1960 bis 1967 evangelischer Pfarrer in Siersleben bei Eisleben und von 1967 bis 1995 in Trebnitz bei Zeitz. Seinen Ruhestand verbrachte er ab 1996 in Nordhausen, der Heimatstadt seiner Frau Annemarie, geb. Zierdt. Von 1997 bis 2000 betreute er in den Sommermonaten deutsche evangelische Gemeinden in Rumänien.

Carl Beleites wurde am 23. Mai 1932 als Sohn des Arztes Bernhard Beleites und der Gärtnerin Irmgard Beleites, geb. Hinsch, in Halle/Saale geboren. Er war das sechste von acht Geschwistern. Sein Rufname Carl bezieht sich auf seinen drei Jahre vor seiner Geburt verstorbenen Großvater Carl Beleites (1860-1929), der sich, aus Bromberg kommend, 1893 als Hals-Nasen-Ohrenarzt in Halle niedergelassen und hier den mitteldeutschen Stamm der Familie Beleites begründet hatte. Der Zweitname Bernhard ist nicht nur der Rufname seines Vaters, sondern auch dessen Großvaters mütterlicherseits, Bernhard Hesse (1818-1898), der Pfarrer an der Kirche St. Bernhardin in Breslau war und 1872 als Oberhofprediger an die Herderkirche in Weimar berufen wurde. Der Name Ferdinand bezieht sich wiederum auf Bernhard Hesses Schwiegervater, den Breslauer Juristen und Politiker Ferdinand Fischer (1805-1880), der Buchautor und Mitglied des Preußischen Landtags war.

Kindheit im Krieg
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 genoss Carl eine wohlbehütete Kindheit in einer im Halleschen Paulusviertel gelegenen Arztvilla mit Personal einschließlich Kindermädchen. Doch nachdem der Vater 1939 zum Kriegsdienst eingezogen war, musste die Mutter mehr oder weniger allein für die Kinder sorgen.

Für Carl begann eine entsagungsvolle Zeit und er musste viel in der Fremde sein. Von Juni bis September 1941 war er zur Kur im Haus Sonnegg bei Hirschegg im Algäu (am Hohen Ifen). Seine Schwestern Maria und Barbara waren einen Teil dieser Zeit ebenfalls dort. Von Januar bis Juni 1944 lebte er im Internat der Albrecht-Dürer-Oberschule in Bromberg.

Unvergessen blieben ihm die Schrecken der Luftangriffe auf Halle, die er 1944 und 45 unter großen Ängsten im Luftschutzkeller des Elternhauses erlebt hat. Bei einem Großangriff auf Halle am Ostersonnabend 1945 wurden die Franckeschen Stiftungen und das Latinum teilweise zerstört, wobei auch einige seiner Mitschüler ums Leben kamen. Angesichts der drohenden Bombenangriffe sollten ab Juni 1944 die Kinder der Stadt Halle zur „Kinderlandverschickung“ (KLV) evakuiert werden. So kam Carl ab September 1944 ins KLV-Lager Rottleberode, im dortigen Gasthaus „Zur Krone“. Noch im Herbst 1944 wurde das KLV-Lager von Rottleberode in den Gasthof von Oberheldrungen verlegt. Ostern 1945 erlebte er die Lagerauflösung und die Flucht. Die halleschen Kinder sind von Oberheldrungen bis Roßbach gelaufen, dann mit dem Zug nach Querfurt und dann mit einem Maultierwagen von Schafstedt nach Halle abgeholt worden. Dort ist er vom Stadtrand allein nach Hause gelaufen.

Nachdem Mitte 1945 in Halle die amerikanische von der sowjetischen Besatzungsmacht abgelöst worden war, bezogen russische Militärs Carls Elternhaus, er musste mit der Familie in Koks- und Kartoffelkeller, Plättstube und Waschküche umziehen. Bis Mitte 1948 mussten sie ganz das Haus verlassen. Die ersten Jahre nach dem Krieg wohnten sie unter beengten Verhältnissen, es fehlte an Essen und Brennstoffen, es wurde gehungert und gefroren.

Im Sommer 1945 war Carl mit seinen Schwestern Barbara und Maria acht Wochen zur landwirtschaftlichen Arbeit nach Tornau bei Halle, dann nach Brachstedt zu Gutsbesitzer Rabe geschickt worden. Dort hat er mit Erbsen gepflückt, Rüben verzogen, Ähren gelesen, Getreidegarben aufgestellt und Kartoffeln geerntet. Aber es gab auch ein Deputat mit dem die Kinder zur Ernährung der Familie beitragen konnten. Carl hat tatsächlich oft gehungert; er war unterernährt und in seiner Entwicklung zurückgeblieben.

So wurde er im April und Mai 1946 für acht Wochen „zum Aufpäppeln“ nach Herrengosserstedt bei Eckartsberga geschickt und lebte hier bei Familie Hölzer. In Herrengosserstedt traf er sich abends auf dem Dorfplatz mit anderen Schicksalsgenossen aus Halle, wie Volker König, Gottfried Walter, Klaus Propp und (dem späteren Mathematiker) Ludwig Stammler, zu denen er zeitlebens Kontakt hielt.

Über den Hallenser Andachtskreis zum Theologiestudium
Seinen Konfirmandenunterricht hatte Carl Beleites bei Pfarrer William Nagel an der Kirche St. Ulrich in Halle und er wurde 1947 durch ihn konfirmiert. Nagel war ein Pfarrer, den er als einen offenen und aufrichtigen Menschen sehr schätzte. Am 1. Juni 1948 starb Carls Vater, Bernhard Beleites, im Alter von 51 Jahren an den Folgen eines Nierenleidens. Am Ende seines Lebens bat der Vater, der in beiden Weltkriegen – anfangs zustimmend – an der Front war, seine drei jüngeren Söhne, nie eine Waffe in die Hand zu nehmen. So wurde Carl Beleites zu einem überzeugten Pazifisten und blieb lebenslang ein Kriegsgegner.

Noch zum Ende seiner Schulzeit an den Franckeschen Stiftungen nahm er 1950 an der Jugendevangelisation der Stadtmission teil. Zusammen mit Gebhard von Biela (dem Sohn des Superintendenten von Schochwitz im Mansfelder Land), der Klassenkameradin Christa Hildebrandt und anderen gestaltete er Morgenandachten, die vor Schulbeginn in der Glauchaer Kirche abgehalten wurden. Als der Schulleiter ihn mit den Worten „Du gehörst dazu“ zur Rede gestellt hatte, wurde ihm bewusst, dass er sich im Kampf des sozialistischen Staates gegen die Kirche auf der Seite der Kirche befand. Durch den Hallenser Andachtskreis wurde Carl Beleites theologisch inspiriert und interessiert.

Sein künstlerisches Talent lag weniger auf der musikalischen Seite, dafür umso mehr auf der Seite des Malens und plastischen Gestaltens. 1953/54 sowie 1957/58 besuchte er Malkurse bei dem Maler Conrad Felixmüller (1897-1977) in Halle. 1954 unternahm er zusammen mit seiner Schwester Gertrud eine Radtour nach Süddeutschland. Das Adressbuch des Vaters führte sie zu freundlichen Gastgebern. Zunächst besuchten sie in Ludwigsburg die frühere Lehrerin Dr. Gertrud Brinckmann (genannt: „die Bri“). Dann fuhren sie nach Freiburg und wagten einen Besuch bei der Schwester des Vaters, Margot Bröse, zu der die Hallenser Familie seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte – und sie wurden dort freundlich aufgenommen. Margots Mann, Siegfried Bröse, war Vorsitzender des Freiburger Kunstvereins und vermittelte einen Besuch bei dem Maler Otto Dix (1891-1969) in Hemmenhofen am Bodensee. Schließlich weilten sie in Augsburg bei Carls Patenonkel Paul Weigel, einem Studienkollegen des Vaters.

Carl Beleites entschloss sich zum Studium der Theologie. Von 1951-54 studierte er an der Martin-Luther-Universität in Halle, 1954-56 an der Humboldt-Universität in Berlin. 1956 legte er sein Theologisches Examen an der Humboldt-Universität Berlin ab. Dann wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Kurt Aland (1915-1994) an der Universität in Halle. Dort blieb er bis zur Flucht Kurt Alands nach West-Berlin Mitte 1958. Der junge Theologe Carl Beleites war in diesen Jahren einbezogen in die neutestamentliche Textforschung Alands; der Auswertung und dem Vergleich alter Handschriften, die dem Ziel dienten, dem „Urtext“ des Neuen Testaments möglichst nahe zu kommen. Mit der Flucht Alands in den Westen war zugleich seine Perspektive einer wissenschaftlichen Laufbahn an der Theologischen Fakultät verloren gegangen.

1958 besuchte er (zusammen mit Hansjörg Erke und Martin Kramer) in Magdeburg ein theologisches Kolloquium bei Bischof Johannes Jänicke (1900-1979) – der über seine Ehefrau Eva, geb. Rudolphi, (1901-1965) zum Freundeskreis der Familie Beleites gehörte und dort „Onkel Hans“ genannt wurde. Kurz darauf wurde Carl Beleites für sechs Monate zum Vikariat bei Pfarrer Gerhard Miehe nach Beckwitz bei Torgau entsandt. Daran schloss sich im September 1958 der Besuch des Predigerseminars in Wittenberg an.

Ökumenische Aufbaulager
Einen großen Einfluss auf sein späteres Leben hatten die Ökumenischen Aufbaulager der Gossner-Mission, an denen er seit Mitte der 1950er Jahre regelmäßig teilnahm und bald auch die Leitung einiger Lagereinsätze übernommen hatte. Bei den von dem Katecheten Wolf-Dietrich Gutsch (1931-1981) initiierten Ökumenischen Aufbaulagern der Gossner-Mission ging es darum, den Glauben mit dem Tun zu verbinden und den vom Krieg besonders betroffenen Menschen und Städten mit tätiger Hilfe zur Seite zu stehen. Carl Beleites nahm, teils auch in organisatorischer Verantwortung, an den Ökumenischen Aufbaulagern 1955 in Rostock (zusammen mit dem späteren Bischof Gottfried Forck), 1957 in Halberstadt, 1958 in Eisenach, 1959 in Dresden und 1961 in Berlin teil.

Zumeist beteiligte man sich an Abriss- und Aufräumarbeiten. So wurden in Dresden in Seevorstadt West rund um die Annenkirche Kabelschächte verfüllt. In Berlin half man mit Malerarbeiten bei älteren Gemeindegliedern einer West-Berliner Gemeinde. In Anerkennung seiner Leistungen beim Wiederaufbau der Städte wurde er mit der „Goldenen Aufbaunadel“ der Stadt Halberstadt und der „Silbernen Aufbaunadel“ der Stadt Dresden geehrt. Aus den bei den Aufbaulagern geknüpften Kontakten entwickelte sich ein sehr beständiger Freundeskreis. Noch bis 2019 fuhr er regelmäßig zum Seniorenkreis des Ökumenischen Jugenddienstes.

Auch die Hochzeit von Carl Beleites mit der Sprachheilpädagogin Annemarie Zierdt am 16. August 1961 in Berlin fand im Rahmen eines Ökumenischen Aufbaulagers statt. Beide hatten sich zunächst bei der Jungen Gemeinde in Halle kennen gelernt und dann in der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin wieder getroffen. Annemarie stammte aus Niedersachswerfen bei Nordhausen, war in Gerbstedt/Mansfeld aufgewachsen und studierte in Berlin Sprachheilpädagogik.

Ein weiterer Wirkungskreis, der über viele Jahrzehnte Bestand hatte, war die überregionale und überkonfessionelle Arbeitsgemeinschaft Soziologie und Theologie (AST), an deren Jahrestreffen Carl Beleites seit Ende der 1950er Jahre bis in die 1990er Jahre hinein teilnahm. Dort lernte er den Hohenmölsener Superintendenten Günter Kuhn (1928-2018) und den Theißener Pfarrer Erich Schweidler (1931-2009) kennen, die schließlich für seinen Wechsel in den Kirchenkreis Hohenmölsen im Jahr 1967 maßgeblich waren. Die AST-Jahrestagungen mit etwa 50 Teilnehmern fanden zumeist am Stephanusstift in Berlin-Weißensee statt.

Die Jahre in Siersleben und die Tauffrage
Nachdem Carl Beleites 1960 in Magdeburg durch Bischof Johannes Jänicke ordiniert worden war, trat er im November 1960 die Pfarrstelle in Siersleben bei Eisleben an. Zu ihr gehörten auch die Orte Augsdorf, Thondorf und Hübitz. Seine Dienstfahrten absolvierte er mit einem Motorroller des Typs „Berlin“. Im Sommer 1966 sind Carl Beleites und seine Frau Annemarie mit diesem Zweirad bis nach Ungarn gefahren, wo sie die befreundete Familie Simonfay in Stuhlweißenburg/ Székesfehérvár besuchten. Die sieben Sierslebener Jahre waren für den jungen Pfarrer eine gute und erfüllende Zeit – die aber zunehmend durch einen theologischen Streit überschattet wurde.

Zur Konfrontation um die Tauffrage kam es auf recht banale Weise: Es ging um Hansi Jank, ein Kleinkind aus der Nachbarschaft. Dessen Eltern waren im DDR-Schuldienst und hatten sich nach dem Taufgespräch gegen die Taufe ihres Kindes entschieden. Daraufhin kam die Großmutter zum Pfarrer und bat darum, das Kind gegen den Willen der Eltern abseits eines Gottesdienstes heimlich taufen zu lassen. Er lehnte das ab mit Verweis auf die Verantwortung der Eltern: An jedem Bauzaun stehe: „Eltern haften für ihre Kinder.“ Der Großmutter des Kindes sagte er „Taufe ist keine Notimpfung“. Gott liebe alle Kinder, unabhängig davon, ob sie getauft seinen oder nicht.

Und jetzt kam ihm der Gedanke, dass er sich gegenüber dieser Frau unglaubwürdig machen würde, wenn er kurz darauf seinen eigenen Sohn, Andreas, als Säugling taufen würde. Erst jetzt begann er sich theologisch mit der Tauffrage auseinanderzusetzen – und befand sich nun inmitten eines theologischen Großkonflikts der 1960er Jahre. Das Argument, dass in der Bibel Taufe stets mit einem Bekenntnis des mündigen Getauften verbunden ist, und Säuglingstaufe und Konfirmation erst eingeführt wurden, als die Kirche die staatliche Aufgabe der Einwohnerregistrierung übernommen hatte, überzeugte ihn. Ab 1962 kam es dann zu theologischen Konflikten um die Frage der Säuglingstaufe, insbesondere mit dem Mansfelder Superintendenten Staemmler und im dortigen Pfarrkonvent.

Zur vom Superintendenten anberaumten Gemeindeversammlung am 7. Februar 1965 in Siersleben kam zur Unterstützung (in Vertretung von Landesjugendpfarrer Günther Steinacker) der Theologe und spätere Erfurter Propst Dr. Heino Falcke aus Gnadau. Die anschließende Abstimmung im Gemeindekirchenrat votierte mehrheitlich für das Verbleiben des Pfarrers Beleites in Siersleben. Doch die Konflikte im Pfarrkonvent schwelten weiter; so dass er schließlich das Angebot des Hohenmölsener Superintendenten, Günter Kuhn, annahm und im November 1967 auf die Pfarrstelle in Trebnitz im Kirchenkreis Hohenmölsen wechselte. In die Sierslebener Jahre fällt auch die Geburt der drei Söhne Andreas (1962), Michael (1964) und Johannes (1967).

29 Jahre in Trebnitz
Von November 1967 bis Oktober 1995 wirkte Carl Beleites als Pfarrer in Trebnitz, nördlich von Zeitz. Hierzu gehörten auch die Ortsteile Oberschwöditz und Trebnitz-Siedlung sowie der Nachbarort Luckenau. Ab 1976 hatte er auch die Gemeindebetreuung im über 20 Kilometer entfernten, nördlich von Hohenmölsen gelegenen Muschwitz übernommen. Dazu kamen zahlreiche weitere Pfarramtsvertretungen im Kirchenkreis Hohenmölsen.

Der Wechsel aus dem Mansfelder Land in das Zeitz-Weißenfelser Braunkohlerevier war ihm anfangs nicht leicht gefallen. Besonders seine Frau Annemarie, die in Gerbstedt, einem Nachbarort von Siersleben, aufgewachsen war, empfand den Wechsel nach Trebnitz eher als eine Strafversetzung. Schließlich waren im Mansfeld straffällige Kupferbergleute meist in die Kohlereviere geschickt worden. Beides waren Bergbaugebiete. Im Mansfelder Land wurde seit Jahrhunderten im Tiefbau Kupferschiefer abgebaut, es gab eine stolze Bergmannstradition, eine reiche Kulturgeschichte und eine protestantische Kirche, die fest in der Gesellschaft verankert war. Im Zeitz-Weißenfelser Revier hingegen wurde erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts im großen Stil Bergbau betrieben, und zwar Braunkohleabbau im Tagebau, wo immer wieder auch ganze Dörfer weggebaggert wurden.

Beide neuen Predigtstätten von Carl Beleites, die Kirchen in Trebnitz und in Luckenau, befanden sich nur 50 Meter von der Tagebaukante entfernt. Carl Beleites hat dann bei seinen Pfarramtsvertretungen in Steingrimma und Döbris östlich von Hohenmölsen miterleben müssen, wie die Stimmung in den Dörfern war, bevor ihre Einwohner 1980 ausgesiedelt und anschließend deren Dörfer abgerissen und vom Tagebau überbaggert wurden.

Nachdem im Zeitz-Weißenfelser Kohlerevier eine starke Arbeiterbewegung bereits in den 1920er und 30er Jahren mit Erfolg zum massenhaften Kirchenaustritt aufgerufen hatte, war in diesem Gebiet die Kirchenfeindlichkeit des DDR-Sozialismus auf fruchtbaren Boden gefallen. In den 1960er -70er und -80er Jahren war Kirche hier eine Minderheitenangelegenheit, für die sich die wenigen verbliebenen Gemeindeglieder auch gegenüber den meisten ihrer Mitmenschen rechtfertigen mussten. Die „Grubendörfer“, zu denen Trebnitz gehörte, waren von großen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebauten Mietshäusern geprägt, in denen die Fabrikarbeiter wohnten, die in den nahegelegenen Betrieben der Braunkohleindustrie ihre Arbeit hatten. Allein in den „Bauerndörfern“, wie z. B. in Oberschwöditz, gab es ein normales Verhältnis zur Kirche. Zu der geschundenen Landschaft kam eine kaum vorstellbare Umweltverschmutzung hinzu: Seen, die sich in den Tagebaurestlöchern gebildet hatten, wurden mit Ascheschlämmen und Phenolabwässern aus Kraftwerk und Schwelerei zugespült; die Luft war so von Abgasen und Kohlenstaub erfüllt, dass in der ganzen Gegend die Ziegeldächer schwarzgrau gefärbt waren und man oft die Wäsche nicht draußen trocknen konnte.

Dennoch hatten sich die Verheißungen des Hohenmölsener Superintendenten Günter Kuhn erfüllt: Im Gegensatz zum Mansfelder Kirchenkreis gab es im Pfarrkonvent Hohenmölsen eine ausgesprochen offene und substanzielle theologische Zusammenarbeit. Insbesondere mit Günter Kuhn und den Pfarrern Erich Schweidler (Theißen), Manfred Geue (Teuchern) und Dietmar Meckel (Zeitz-Aue) entwickelte sich ein tiefgründiger Austausch über theologische Fragen.

Nach dem Zusammenschluss der Kirchenkreise Zeitz, Osterfeld und Hohenmölsen 1970/71 kam es im Pfarrkonvent zu Konflikten mit dem neuen Zeitzer Superintendenten Joachim Hildebrandt, der die offenen Debatten über theologische, soziologische und politische Fragen nicht mehr zuließ. Als sich zeigte, dass die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz (1929-1976) aus Rippicha bei Zeitz im August 1976 auch durch diese innerkirchliche Unterdrückung mit ausgelöst worden war, wurde das Verhältnis zwischen den durch Günter Kuhn geprägten Freigeistern und dem auf Ruhe und Ordnung bedachten Joachim Hildebrandt eisig.

Eine neue Aufbruchsstimmung kam erst mit der politischen Wende der Jahre 1989 und 90. Wie viele andere Pfarrer zog es auch den Pfarrer Carl Beleites in die Politik. Doch er blieb in seinem Dorf, das er nun von einer neuen und freieren Seite kennen- und schätzen lernte. Sein kommunalpolitisches Engagement in Trebnitz entsprach auch ganz seiner Theologie, die stets von der Basis her dachte. Seit 1990 war er für die Bürgerinitiative Trebnitz im Gemeinderat und übernahm den Gemeinderatsvorsitz. Zudem begann er eine aktive Mitarbeit im Trebnitzer Heimatverein. Nun war Trebnitz ganz „sein“ Heimatort geworden, er fühlte sich zugehörig und er wurde von den Trebnitzern geschätzt. Als er 1996 im ersten Ruhestandsjahr mit seiner Frau in ihre frühere Heimat nach Nordhausen zog, fiel ihm der Abschied von Trebnitz schwerer, als es je zuvor der Fall gewesen wäre.

Die Sommer in Rumänien
Im Jahr 1992 lernte er bei einer Rumänien-Reise mit seinem Sohn Johannes und dessen Freund Christian Hönemann evangelische Gemeinden in Siebenbürgen kennen, insbesondere in Mediasch und Hermannstadt. Durch die Vermittlung des Pfarrers und Schriftstellers Eginald Schlattner und des Bischofs Klein in Hermannstadt kam Carl Beleites im Sommer 1997 für drei Monate als Evangelischer Pfarrer zur Betreuung deutscher Gemeinden nach Bukarest und Umgebung; u. a. wirkte er auch in Constanta am Schwarzen Meer.

In den Sommern 1998 und 1999 war er für je zwei Monate als Pfarrer in Petersdorf bei Mühlbach/Sebeş. Auf Einladung des Pfarrers Christian Plajer kam er im Sommer 2000 für zwei Monate zum Pfarrdienst nach Kronstadt und predigte dort auch in der berühmten gotischen „Schwarzen Kirche“.

Angesichts des absehbaren Untergangs der deutschen Kultur in Siebenbürgen fand sich der Reformtheologe Carl Beleites hier in einer Situation, in der die noch verbliebenen Deutschen vor allem an einer Wahrung ihrer religiösen und kulturellen Traditionen und nicht an Debatten über geistliche Reformen interessiert waren. Ihre Enttäuschung darüber, dass hier viele Pfarrer ihre Gemeinden früher verlassen hatten als die Gemeindeglieder, konnte er teilen.

Ruhestand und Rückblicke
Sehr bewegend für Carl Beleites war die Polen-Reise zu den Orten seiner Kindheit mit seinem Sohn Michael im Juni 2008. Die Stadt Bromberg/Bydgoszcz und ihre Umgebung war die Heimat vieler seiner Vorfahren, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits. Das Wiedersehen der früheren Albrecht-Dürer-Oberschule in Bromberg, wo er 1944 ein halbes Jahr im Internat verbringen musste, weckte bei ihm eher gemischte Gefühle.

Beim Besuch der früheren Güter der Eltern und Großeltern seiner Mutter in Lachmirowitz/Lachmirowice am Gopło-See und in Gondes/Gadecz an der Weichsel war er überaus glücklich, viele sehr schöne Kindheitserinnerungen wieder auffrischen zu können.

In der Stadt Nordhausen hatte er sich bald eingelebt und sie als den Ort seines Ruhestandes angenommen. Schließlich sollte er hier noch einmal 25 Jahre seines Lebens verbringen. Nun erinnerte er sich an sein Talent zum Malen. Er nahm an Malkursen der Jugendkunstschule Nordhausen teil und fertigte schöne Bilder in Öl und Acryl. Bei Ausstellungen der Jugendkunstschule in den Jahren 2018 und 2020 wurden etliche seiner Bilder gezeigt.

Auch sein großes Interesse an theologischen Fragen blieb bis zuletzt bestehen. Von Nordhausen aus besuchte er viele Akademietagungen. Und er schrieb weiter theologische Aufsätze, die teils auch publiziert worden sind. Zu Beginn eines jeden Jahres bekam sein großer Bekannten- und Freundeskreis seine Gedanken zur jeweils aktuellen Jahreslosung zugesandt.

Theologische Positionen
Von seinem theologischen Lehrer Kurt Aland hatte Carl Beleites gelernt, dass auch kulturprägende Glaubenssätze auf falschen oder verfälschten Übersetzungen beruhen können. Seither hat er versucht, die Botschaft der Bibel aus ihren Zusammenhängen heraus zu verstehen. Aussagen, die aus seiner Sicht im Widerspruch zu den Intentionen der Kernbotschaft standen, hat er kritisch hinterfragt und analytisch nach Worten gesucht, die der Bedeutung in den Sprachen der Verfasser näher kamen. Er sagte, es gelte, „die Schrift des Alten Testaments von ihrem Anliegen her zu verstehen. Abkehr von Macht, Besitz über den täglichen Bedarf hinaus, von Knechtung. […] Krieg, Kämpfe stehen gegen den Gott des Evangeliums. […] Vergeben ist das Zentrum der Botschaft“. Bei Matthäus stehe „Richtet nicht!“

Aus seiner Sicht gehe auch die Rede von der Allmacht Gottes auf eine falsche Übersetzung zurück. Carl Beleites wandte sich gegen eine Bibelauslegung, die dazu diente, das Obrigkeitsdenken einer Kirche zu befestigen, die ihren Einfluss der Tatsache verdankte, dass der Römische Kaiser Konstantin im Jahr 393 das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte. Die biblische Botschaft diene einer geistlichen Erneuerung von der Basis her und nicht der Entmündigung des Volkes. Es müsse um eine Selbstermächtigung der Gemeinden zur Verkündigung des Wortes Gottes gehen und nicht um eine Festigung des Obrigkeitsdenkens.

Kirche im Sozialismus
Als ein Freund des freien Wortes und Gegner obrigkeitsstaatlicher Strukturen geriet Carl Beleites bald in Konflikte mit dem politischen System der DDR. Auf die Auseinandersetzung um den Hallenser Andachtskreis folgte während des Theologiestudiums in Berlin eine Vorladung zum Prorektor, weil er die Rede von der in der DDR bestehenden „Meinungsfreiheit“ öffentlich infrage gestellt hatte.

Nie hatte er an einer Wahl in der DDR teilgenommen, und er begründete das offensiv damit, dass es ja faktisch nichts zu wählen gab. Die staatlichen Reaktionen reichten so weit, dass man – im Stil der Kampagnen gegen die Verweigerer der Zwangs-kollektivierung von 1960 – einen diffamierenden Spruch an die Hauswand malte. So stand im Jahr 1961 eines Tages in großen weißen Buchstaben der Spruch neben dem Eingang am Sierslebener Pfarrhaus: „Pfaff! Du warst nicht zur Wahl ob Krieg, ob Frieden ist Dir egal“.

Den Eltern seines Neffen und Patenkinds Bernhard Beleites (1955-2021) schrieb er 1969 zur Frage der Jugendweihe: „Nicht den Opportunisten, denen, die sich in dieser Welt eingerichtet haben, sollt Ihr helfen, sondern denen, die einen geraden Weg suchen. Was wir aber brauchen, sind ganz starke, die bereit sind viel zu opfern für die Freiheit, den Frieden und die Würde der Menschen. […] Weil ich gegen jeden Kult bin, bin ich auch gegen jeden Ersatzkult. Die Jugendweihe ist so ein Ersatzkult. Ich bin auch gegen den Kult in der Kirche und gegen die mit jedem Kult verbundenen Lügen.“

Nachdem sich im August 1976 sein Amtsbruder aus dem Zeitzer Pfarrkonvent, Oskar Brüsewitz, aus Protest gegen den kommunistischen Staat öffentlich selbst verbrannt hatte, stand auch Carl Beleites unter einer offensiven Beobachtung durch die Stasi. Mehrfach wurde er auf seinen Fahrten aufdringlich von Stasi-Fahrzeugen verfolgt. Ungeachtet dessen widersprach er den staatlich organisierten Verleumdungen seines Kollegen und er war einer der sechs Pfarrer, die bei Brüsewitz‘ Beerdigung am 26. August 1976 in Rippicha den Sarg zur Grabstelle trugen.

Die staatliche Diskriminierung der Kirchen erfuhr er nicht nur durch die Schwierigkeiten seiner Ehefrau, eine Arbeitsstelle als Sprachheilpädagogin im Bereich der „Volksbildung“ zu bekommen und durch die Benachteiligung seiner Kinder in der Schule. Sehr schwer zu ertragen war für ihn die Ohnmacht, den Verfall der ihm anvertrauten Kirchengebäude aufzuhalten. Im Spannungsfeld von Gebäudeverfall, Materialknappheit und Handwerkernotstand der DDR gelang es ihm, die Kirchtürme von Muschwitz, Deuben und Schelkau reparieren zu lassen. Den Verfall der Kirche in seinem Wohnort Trebnitz konnte er zunächst nicht aufhalten. Der Kirchturm und das Kirchenschiff in Trebnitz verloren seit Beginn der 1970er Jahre mehr und mehr Dachschiefer, weil die Kupfernägel, mit denen sie befestigt waren, durch die Luftschadstoffe korrodiert waren, die aus der Braunkohleindustrie des Nachbarortes Deuben emittiert wurden.

Neue Dachschiefer waren in der DDR ebenso wenig zu bekommen wie Kupfernägel. So musste das mehrfach geschwungene Dachprofil des Trebnitzer Kirchturms abgetragen werden, um auf den nun geraden Dachflächen die verfügbaren großen Dachplatten aus Wellbitumen befestigen zu können. Nachdem diese Platten beim nächsten Herbststurm über einen Kilometer weit übers Dorf geflogen waren, stand der Turm so lange offen, bis die darunter befindliche Orgel erhebliche Wasserschäden hatte.

Jetzt sollten Schindeln aus Dachpappe auf den Turm und dafür musste das Dach wieder mit Brettern versehen werden – man hätte also das originale Dachprofil, das seit dem Kirchenbau 1914 das Trebnitzer Dorfbild geprägt hatte, gar nicht abtragen müssen. Und die dafür beschafften Bretter mussten provisorisch auf den Kirchenbänken aufgestapelt werden. Nun aber fand sich über Jahre keine Dachdeckerfirma, die die Reparatur der Kirchendächer ausgeführt hätte. So konnten von Mitte der 1970er bis in die 90er Jahre die Gottesdienste nur im Gemeinderaum abgehalten werden, weil die Kirche als Bretterlager diente.

Trotz all der direkten und indirekten Schikanen, die Carl Beleites durch den sozialistischen Staat erdulden musste, blieben seine theologischen Grundüberzeugungen unvereinbar mit „dem Kapitalismus“. Lange hatte er auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ gehofft. Bezeichnend dafür ist die Episode drei Tage vor seiner Hochzeit am Rande eines Ökumenischen Aufbaulagers, das im August 1961 bei einer West-Berliner Kirchgemeinde stattfand:

Beide, Carl Beleites und seine Braut, Annemarie Zierdt, waren am Abend des 12. August 1961 noch von Annemaries Wohnung in der Ost-Berliner Wollanckstaße aus zum Versammlungsort des Aufbaulagers in West-Berlin gefahren und hatten in der Nacht zum 13. August – dem Tag der Grenzschließung, des „Mauerbaus“ - in West-Berlin übernachtet. Sie befanden sich auf der freien Seite des „Eisernen Vorhangs“ – und sie hatten sich beide dazu entschlossen, noch am selben Morgen nach Ost-Berlin zurückzukehren.

Um politisch ausgewogen informiert zu werden, hörte Carl Beleites zur DDR-Zeit die West-Nachrichten im RIAS und im Deutschlandfunk und las (neben der Kirchenzeitung) das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“. In der Erwartung eines unabhängigen Korrektivs zur neuen politischen Ordnung kündigte er das Abo des „Neuen Deutschland“ 1990 nicht. Er blieb ein kritischer Zeitgenosse. Und er vermisste zunehmend die freien Debatten über theologische, soziologische und politische Grundsatzfragen, die ihn in den äußerlich unfreieren 1970er und 80er Jahren geprägt hatten.

Unter seinen letzten handschriftlichen Notizen, die wir auf dem Nachttisch neben seinem Sterbebett fanden, lesen wir die Sätze: „Ihr könnt nicht Gott (der Liebe und Vergebung) dienen und dem Kapital, denn das ist unbarmherzig.“ Und: "Barmherzigkeit lohnt sich, wenn es auch oft anders aussieht."

So, wie Carl Beleites als Theologe von mündigen Gemeinden ausging, die von unten her ihrem Glauben an Barmherzigkeit, Feindesliebe, Vergebung und ein gerechtes, friedvolles Miteinander Ausdruck verleihen; so hoffte er auch auf politische Verhältnisse, in denen sich diese ur-christlichen Intentionen mit Leben erfüllen lassen.

Wahrheit und Wahrhaftigkeit
Der Theologe Carl Beleites blieb oft unverstanden, weil er auf seiner Wahrheitssuche kaum Rücksicht auf bestehende religiöse Traditionen und Riten nahm, von denen er manche als Kult ablehnte. Dennoch hat seine Wahrheitssuche Wesentliches bewirkt. Viele seiner Gesprächspartner hat er zum Nachdenken gebracht – und zum Selbstdenken angespornt.

Was weiterwirkt, ist nicht nur die Botschaft für Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Vergebung. Es ist auch die Mahnung, den Anspruch auf eine eigene Urteilsbildung nicht aufzugeben. Denn diese ist eine Voraussetzung für Wahrhaftigkeit.

Ohne Wahrhaftigkeit gibt es keine Vertrauensbildung und ohne Vertrauen misslingt das soziale Zusammenleben in jeder politischen Ordnung.

In dankbarer Erinnerung
Michael Beleites, 26. Juli 2021

Autor:

Johann Schneider

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