Geschwister Scholl
Ein Bahnhofszaun mit Geschichte

Gusseiserne Erinnerung: Der Zaun am Münchner Ostbahnhof, an dem das bekannte Foto der "Weißen Rose" entstand, soll einem Bauprojekt weichen.
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  • Foto: wikimedia.org/Amrei-Marie
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Eines der berühmtesten Fotos der NS-Widerstandsgruppe «Weiße Rose» entstand an einem Sommertag im Juli 1942 vor einem Zaun am Münchner Ostbahnhof.

Von Helmut Frank

Dabei nimmt Sophie Scholl Abschied von ihrem Bruder Hans und anderen Freunden der «Weißen Rose», die zu ihrem Einsatz als Sanitäter von München aus an die Ostfront fahren müssen. Die jungen Männer auf dem Bahnhofsgelände und Sophie Scholl, die im Mai vor 100 Jahren geboren wurde, trennt ein Eisenzaun.
Die Aufnahmen des Medizinstudenten Jürgen Wittenstein vom 23. Juli 1942 gehören zu den wenigen Bildern, die mehrere Mitglieder der «Weißen Rose» zusammen zeigen. Jetzt soll der historische Zaun einem Bauprojekt weichen: Auf der Brachfläche zwischen Ostbahnhof und Haidenauplatz baut die Münchner Immobilienfirma GVG bis 2030 die «Orleanshöfe» – insgesamt fünf Gebäudekomplexe mit Wohnungen, Läden und Büros.

«Es ist undenkbar, dass der Zaun einfach verschwindet», sagte Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie hat sich dafür eingesetzt, dass zwei Elemente der Einfriedung im Münchner Stadtarchiv eingelagert werden. Und der Rest? Ihr gefällt ein Vorschlag, dass Schulen, die nach Mitgliedern der «Weißen Rose» benannt wurden, Elemente des Zauns für ihre Erinnerungsarbeit verwenden können. Unabhängig davon wünscht sie sich zusammen mit vielen anderen, dass in den Orleanshöfen, die dort entstehen, ein Erinnerungsort eingerichtet wird.

Der Zaun hat für Kronawitter in Verbindung mit den Fotos einen besonderen Wert, die Erinnerung weiterzutragen. «In der Zusammenschau von Ort und Fotos wird die Erinnerung an die ›Weiße Rose‹ mobilisiert und Empathie erzeugt», sagt die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete. Die Bilder hätten ikonografischen Charakter: «Es sind Meisterfotos, sie machen die ›Weiße Rose‹ sichtbar.» In den Aufnahmen werde deutlich, dass Sophie Scholl in der Widerstandsgruppe eine besondere Stellung hatte. Sie hatte sich als selbstständige und verantwortungsbereite junge Frau im Widerstand eingebracht. Außerdem erinnern die Bilder an den Sanitätseinsatz an der Ostfront, den die Männer der «Weißen Rose» leisten mussten, und der sie prägte.

Derzeit gute Chancen für eine neue Verwendung des Zauns sieht Jörg Spengler (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsitzender des Bezirksausschusses Haidhausen/Au in München. Der Geschichtslehrer an einer Realschule in Fürstenfeldbruck unterstützt die Idee, dass die übrigen rund 160 Zaunelemente an interessierte Bildungseinrichtungen und Schulen abgegeben werden. Der Bezirksausschuss befürwortet außerdem einen Erinnerungsort an der Orleansstraße in der Mitte des Areals. Dort sollen zwei Zaunelemente aufgestellt werden, flankiert von einer Stele mit den historischen Bildern und einem erklärenden Text. An die Sommerszene der «Weißen Rose» wird zudem am ursprünglichen Ort auch weiterhin eine Gedenktafel an einem Haus der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Wogeno erinnern.

Denn die Bilder markieren außerdem einen wichtigen Moment in der Entwicklung der «Weißen Rose». Durch die dreimonatige «Front-Famulatur» in Polen und Russland wurden Hans Scholl und Alexander Schmorell noch entschlossener in ihrer Haltung gegen das NS-Regime. Sie sahen das Leid im Warschauer Ghetto und die Gnadenlosigkeit des Kriegs an der Ostfront. In einem verschlüsselten Brief vom 17. August 1942 schrieb Hans Scholl, dass dieses Elend «auf alle einen sehr entschiedenen Eindruck gemacht» habe.

Zurück in Deutschland im November 1942, verschärfte sich der Ton der Flugblätter. Nun ging es um eine «Widerstandsbewegung in Deutschland». Nur Monate später wurden die jungen Widerstandskämpfer von den Nazis nach einem Schauprozess im Gefängnis Stadelheim ermordet.

(epd) 

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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