»Hier hat niemand die Türkei bedroht«

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal 
von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz.
  • Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal
    von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz.
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Türkische Truppen greifen mit deutschen Panzern seit Tagen das vornehmlich von Kurden bewohnte Gebiet um Afrin im Norden Syriens an. Harald Krille sprach darüber mit Kamal Sido von der  Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

Herr Sido, türkische Truppen marschieren im Norden Syriens ein und die Bundesregierung spricht dabei inzwischen von berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei. Was geht dort eigentlich ab?
Sido
: Das, was die Bundesregierung sagt, macht mich regelrecht sauer. Die Türkei hat überhaupt kein Recht, diese Region anzugreifen. Die Türkei greift ein anderes Land an, dessen Bevölkerung müde ist vom jahrelangen Bürgerkrieg. Die Region Afrin war zudem eine relativ stabile, ruhige Region in Syrien. Viele Flüchtlinge aus den heißen Bürgerkriegsgebieten haben sich dort niedergelassen, etwa aus Aleppo.
Ich weiß nicht, was Herr Gabriel oder Frau Merkel mit ihrer Äußerung über die Sicherheitsinteressen meinen. Die in der Region um Afrin lebenden Kurden, Araber, Aleviten und Jesiden sowie die wenigen konvertierten Christen dort haben die Türkei zu keinem Zeitpunkt bedroht.

Die Türkei spricht aber dezidiert von Terrorbekämpfung.
Sido:
Die türkischen Politiker haben die deutsche Bundesregierung und alle Deutschen auch als Nazis bezeichnet. Die türkische Regierung hat noch vor ein paar Jahren die Existenz einer kurdischen Ethnie geleugnet. Die türkische Regierung leugnet bis heute den Massenmord an armenischen Christen im Osmanischen Reich. Wie kann man dieser türkischen Regierung glauben? Das ist lächerlich.

Vor wenigen Tagen erreichte ein Hilferuf der protestantischen Gemeinde von Afrin die Weltöffentlichkeit (siehe unten). Wie viele Christen leben dort?
Sido:
Die Menschen in der Region sind zu rund 95 Prozent kurdischer Abstammung und sind heute sunnitische Muslime. In der Vergangenheit aber gehörten die Kurden in Afrin mehrheitlich zur alevitischen Glaubensrichtung oder zu den Jesiden. Nach dem Vormarsch des »Islamischen Staates« (IS) mit seinen Gräueltaten hatte ein Teil der Menschen, der Muslime die Nase voll vom radikalen Islam. Sie haben sich dem Christentum zugewandt. Das sind etwa 190 Familien mit zirka 500 bis 1.000 Angehörigen. Dazu kommen sicher noch einige altansässige Christen unter den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsregionen.

Und die werden von der Mehrheit akzeptiert?
Sido:
Das ist ja gerade das Besondere an dieser Region, dass hier ein gemäßigter Islam vorherrscht. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, dass der Nachbar zum Christentum konvertiert, ohne ihn dann am nächsten Morgen zu köpfen. Die Christen haben ihre eigene Kirche in Afrin gebaut, der Weihnachtsgottesdienst wurde im Internet und von Voice of America übertragen. Meine eigene Mutter wohnt dort. Sie ist eine sehr konservative Muslima. Aber sie duldet, dass ihr Nachbar Christ werden darf. Sie duldet, dass ihr Sohn sich im fernen Deutschland für die Christen einsetzt, ohne ihn auszustoßen. Und Herr Erdogan, der Freund von Frau Merkel, greift genau diese Menschen an mit Flugzeugen, mit Panzern, mit Raketenwerfern.

Das Makabre daran ist, dass Deutschland auf der einen Seite die kurdischen Kämpfer im Nordirak mit deutschen Waffen ausgerüstet hat, dass andererseits die türkische Armee jetzt mit deutschen Panzern diese Offensive gegen Kurden betreibt.
Sido:
Um es klar zu sagen: Die Kurden in Syrien wollen keine Waffen. Sie wollen das Ende der Kämpfe, sie wollen, dass die Türkei diese Region nicht angreift. Wir als Menschenrechtsorganisation sind grundsätzlich gegen Waffenlieferungen, egal an welche Gruppe, egal an welchen Staat. Deshalb fordern wir einen Stopp aller Waffenlieferungen, auch solcher an die Türkei. Denn dieser Staat führt einen Vernichtungsfeldzug gegen eine friedliche Bevölkerung.

Was ist in diesem Zusammenhang von der »Freien Syrischen Armee« zu halten, deren Kampf die Türkei angeblich unterstützt?
Sido:
Es gibt keine »Freie Syrische Armee« (FSA). Die FSA ist ein Deckmantel, unter dem sich radikale islamistische Gruppen tummeln. Wenn diese Gruppen sich in Marsch setzen, hört man Rufe »Allahu Akbar«, also »Allah ist groß«. Sie rufen »Vernichtung den Ungläubigen«. Wenn man ihre Programme anschaut, ich habe mich gerade extra noch einmal damit beschäftigt, dann ist ihr Ziel klar: Sie wollen einen Scharia-Staat.

Was würden Sie sich von den Christen und den Kirchen in Deutschland wünschen?
Sido:
Ich mache den beiden großen Kirchen in Deutschland den Vorwurf, dass sie sich bisher nicht oder kaum für den Schutz der Kurden in Afrin eingesetzt haben. Ausgerechnet die Kurden, die Glaubensfreiheit für Christen, Jesiden, Aleviten und andere akzeptieren und fördern, werden jetzt von der Türkei angegriffen. Wenn diese tolerante muslimische kurdische Bevölkerung vernichtet wird, dann ist es mit der Glaubensfreiheit auch
dort vorbei.

Dr. Kamal Sido ist sunnitischer Kurde und stammt aus Afrin. Der Historiker und Orien­talist leitet seit 2006 das Nahostreferat der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. www.gfbv.de



Aus dem Appell der Christen von Afrin

»Im Namen der Kirche des guten Hirten in Afrin appelliere ich an die internationale Staatengemeinschaft und an die christlichen Kirchen:
Bitte, schützen Sie uns, die gläubigen Christen in Afrin. Lassen Sie uns nicht allein: Wir benötigen, wie alle Menschen in Afrin, dringend internationalen Schutz (…) Unsere Häuser stehen in diesem Moment unter schwerem Beschuss der türkischen Armee und der von der Türkei unterstützten radikalislamischen Fraktion. Sie wollen unser Gebiet erobern und uns vertreiben. Wir haben Angst. Wir rufen unsere Schwestern und Brüder dazu auf, für uns zu beten.«
Pastor Valentin Hanan, Afrin, am 21. Januar 2018

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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