Waffen waren auf uns gerichtet

Cornelia Füllkrug-Weitzel im Stadtteil Al-Hamdaniyah 
in Homs. Der Stadteil wurde weitgehend zerstört.
  • Cornelia Füllkrug-Weitzel im Stadtteil Al-Hamdaniyah
    in Homs. Der Stadteil wurde weitgehend zerstört.
  • Foto: Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe
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Wie sicher ist es in Syrien? Vor kurzem reiste eine Delegation der Alternative für Deutschland (AfD) durch das Bürgerkriegsland. Anschließend erklärte der Thüringer Bundestagsabgeordnete Jürgen Pohl, in bestimmten Regionen sei es »kein Problem, Flüchtlinge zurückzuführen.« Die Direktorin der Diakonie-Katastrophenhilfe, Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel, sieht das anders. Auch sie war in der vergangenen Woche in Syrien und traf dort kirchliche Partner.

Frau Füllkrug-Weitzel, wie sicher haben Sie sich in Syrien gefühlt?
Füllkrug-Weitzel:
Ich habe mich nicht besonders sicher gefühlt: Ich kann sagen, dass wir in Gebieten, die als offiziell befriedet gelten, in Homs zum Beispiel, Gewehrsalven gehört haben. In ländlichen Teilen von Hama haben wir sogar Gefechtslärm gehört. Wir sind eine Straße entlang gefahren, wo von beiden Seiten die Waffen auf uns gerichtet waren.
Auch die Bevölkerung vor Ort fühlt sich nicht sicher. In Regionen, die offiziell schon als befriedet galten, ging es ein Jahr später wieder von vorne los. Terroristische Gruppen wie Al Nusra oder der IS werden derzeit zwar vertrieben. Aber das ist ja kein Sieg oder gar ein Friedensschluss: Sie können anschließend woanders im Land wieder tätig werden.

Wie ist die Lage der Bevölkerung vor Ort?
Füllkrug-Weitzel:
Das ist von Region zu Region unterschiedlich. In Homs etwa trifft man Menschen, deren Wohnungen in Trümmern und Schutt liegen und die seit Jahren kein Dach über dem Kopf haben. Derzeit leiden 4,2 Millionen Menschen in Syrien daran, dass sie kein eigenes Dach über dem Kopf haben.
Die Mieten und die Lebensmittelpreise sind enorm gestiegen, die Leute können sich ihr Leben nicht mehr leisten. Die staatlichen Krankenhäuser sind nicht mehr funktionsfähig und mit Kriegsversehrten überlastet, die privaten sind zu teuer. Man stirbt, weil man sich zum Beispiel keinen Kaiserschnitt mehr leisten kann.

Können Menschen in Syrien heute aus eigener Kraft überleben?
Füllkrug-Weitzel:
Nach Angaben der Vereinten Nationen brauchen 13,1 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Das sagt ja schon einiges aus. 85 Prozent der Bevölkerung in Syrien sind arm, 69 Prozent sogar extrem arm. Viel hängt davon ab, ob jemand ein Stück Land sein Eigen nennt, das er irgendwie bewirtschaften kann. Das geht aber auch nur, wenn da keine Blindgänger mehr liegen und die Gegend befriedet ist.

Was müssen Deutschland und Europa aus Ihrer Sicht tun?
Füllkrug-Weitzel:
Die neue Bundesregierung, aber auch die EU sollte sich für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts dort einsetzen, wo noch gekämpft wird, zum Beispiel in den Regionen Afrin und Ost-Ghuta. Dort müssen humanitäre Zugänge geschaffen werden. Derzeit gibt dort keine der Kriegsparteien auch nur einen Pfennig auf das humanitäre Völkerrecht.

Wie ist das mit den Flüchtlingen, die in Deutschland leben?
Füllkrug-Weitzel:
Diese Menschen sollten hierbleiben dürfen, bis die Bedingungen für eine sichere Rückkehr hergestellt sind. Dazu gehört eine politische Lösung für alle Bevölkerungsgruppen. Und was mehr als überfällig ist: Wir müssen die Waffenexporte in die Krisenregion stoppen. Es ist völlig egal, an wen wir die Waffen liefern: Am Ende ist es nicht kontrollierbar, was damit geschieht.

Fragen: Benjamin Lassiwe

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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