Gedenken
"Der Schutzschirm unserer Gesellschaft ist brüchig"

Der Historiker Jens-Christian Wagner ist Direktor der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora. Außerdem ist er Professor für "Geschichte in Medien und Öffentlichkeit" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
  • Der Historiker Jens-Christian Wagner ist Direktor der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora. Außerdem ist er Professor für "Geschichte in Medien und Öffentlichkeit" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
  • Foto: epd-bild/Paul-Philipp Braun
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Jens-Christian Wagner, Historiker an der Uni Jena und Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, kritisiert die zum Ritual erstarrte Gedenkkultur. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst forderte er echtes Reflektieren - denn dann werde klar, dass viele Faktoren, die den Nazis halfen, heute noch wirksam seien. Das Interview führte Nils Sandrisser. 

epd: Herr Wagner, die Generation der Zeitzeugen des Nationalsozialismus stirbt gerade. Was macht das mit unserer Erinnerung an diese Zeit?
Jens-Christian Wagner:
Insgesamt spielt der Abschied von den Zeitgenossen in der Praxis der Gedenkstättenarbeit nicht die Rolle, die ihr manchmal zugeschrieben wird. Auch vor zehn oder 20 Jahren haben 99,9 Prozent aller Besucherinnen und Besucher einer Gedenkstätte dort keine Überlebenden angetroffen. Natürlich gibt es das Format des Zeitzeugengesprächs, insbesondere bei Gedenktagen oder in Schulen. Aber eine größere Rolle für die wissenschaftliche Aufarbeitung als die Überlebenden selbst spielen ihre Berichte, und die sind umso wertvoller, je zeitlich dichter am historischen Geschehen sie abgegeben wurden. Denn nach langer Zeit kann man vielfach nicht mehr unterscheiden, was man selbst erlebt oder gelesen oder von anderen gehört hat. Menschliche Erinnerung ist nun einmal nicht exakt.

Und jenseits der wissenschaftlichen Aufarbeitung?
Wagner:
Sehr schmerzlich ist der Abschied von den Zeitzeugen im Hinblick auf unsere Erinnerungskultur allgemein. Überlebende haben in der Vergangenheit immer ihre Stimmen erhoben, wenn die Schoah angezweifelt wurde, wenn Antisemitismus oder Rassismus in Erscheinung getreten sind. Sie waren eine Art Schutzschirm für unsere Gesellschaft gegen das Abdriften nach rechts. Dieser Schutzschirm ist brüchig geworden. Das sieht man aktuell nicht zuletzt an den unsäglichen Gleichsetzungen der Corona-Schutzmaßnahmen mit NS-Verbrechen.

Vielfach wird beklagt, das Gedenken an die NS-Zeit sei zu einem hohlen Ritual geworden. Was wäre denn nötig, um von einem passiven Erinnern hin zu einer aktiven Aufarbeitung zu kommen?
Wagner:
Ich persönlich habe schon Probleme mit dem Begriff „Erinnern“. Er wird von allen hochgehalten, vor allem in Sonntagsreden an Jahrestagen. Der Begriff ist ein erhobener Zeigefinger. Man muss sich fragen, an was sich eigentlich 16-Jährige erinnern sollen, wenn sie eine Gedenkstätte besuchen. Erinnern kann man sich ja nur an etwas, das man selbst erlebt hat. Wenn man dann Erinnerung einfordert, verpufft das entweder wirkungslos oder löst Abwehrreaktionen aus. Eine Auseinandersetzung - das ist der passendere Begriff - muss immer selbstbestimmt und freiwillig sein.

Eine offensichtliche Abwehrreaktion ist ja die Verdrängung. Fast 29 Prozent der Deutschen sind nach einer Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld aus dem Jahr 2019 der Meinung, ihre Vorfahren seien im Widerstand gewesen und hätten Opfern geholfen. Tatsächlich lag dieser Anteil bei unter einem Prozent. Was ist gegen derartige Verdrängung schmerzhafter Tatsachen zu tun?
Wagner:
Die heutige Erinnerungskultur hat sich viel zu lange darauf beschränkt zu trauern. Auch wenn es richtig ist, um die Opfer zu trauern, fehlt das Nachdenken darüber, warum diese Menschen überhaupt zu Opfern geworden sind. Das wiederum heißt, nachzufragen, warum viele mitgemacht haben, und zwar nur in den wenigsten Fällen auf Befehl. Das Regime hat diesen Menschen nämlich Integrationsangebote gemacht, die bereitwillig angenommen wurden.
Das emotionale Angebot, dazuzugehören zum Beispiel, dieses Wechselspiel zwischen „Die“ und „Wir“. Oder Kriminalisierungsdiskurse: Man erzählte, dass KZ-Häftlinge gefährliche Verbrecher seien. Oder Verheißungen der Ungleichheit: Den Deutschen wurde erzählt, es gehe ihnen besser, wenn es anderen, etwa den Juden oder den Zwangsarbeitern, schlechter geht. Das hatte subjektive Aufstiegserfahrungen zur Folge. Die Arbeiter, die vorher in der Hierarchie ganz unten standen, hatten in den Zwangsarbeitern plötzlich jemanden, der noch weiter unten stand. Rassismus, Antisemitismus und autoritäres Denken spielte bei all dem auch eine Rolle.

Gibt es dabei auch etwas für das Heute zu lernen?
Wagner:
Wenn man sich die genannten Faktoren anschaut - insbesondere die Verheißungen von Ungleichheit, die Kriminalisierungsdiskurse in Bezug auf Ausgegrenzte oder autoritäres Denken - dann stellt man fest, dass das gar nicht genuin nationalsozialistisch ist. Diese Faktoren entfalten auch heute ihre Wirkung. Man denke an die AfD. Hier könnten wir Aktualitätsbezüge jenseits falscher historischer Analogien herstellen. Das wäre aus meiner Sicht effektiver, als mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen und zu sagen „Erinnert euch!“.

Können Gedenkorte die Funktionen der Zeitzeugen ersetzen?
Wagner:
Die ehemaligen Lager sind Tatorte, sie sind Schmauchspuren der Verbrechen. Sie haben einen Beweiswert, der bleibt, auch wenn die Zeitzeugen nicht mehr sind. Das heißt im Umkehrschluss aber, dass wir nicht gut beraten sind, diese Quellen zu rekonstruieren, denn dann würden wir sie potenziell fälschen. Das gilt auch für die Avatare von Zeitzeugen, also Hologramme.
Die Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch beispielsweise wurde befragt und dabei aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen. Man kann ihrer virtuellen Nachbildung Fragen stellen, und dieses Gebilde, das Frau Lasker-Wallfisch darstellt - das sage ich mit Bedacht so distanzierend - gibt dann Antworten. Es sind ihre echten Worte, aber sie werden durch Logarithmen zusammengefügt. Und gegen diese digitalen Nachbauten gelten die selben Einwände wie bei Orten: Da müssen wir ganz, ganz vorsichtig sein, damit wir die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit nicht gefährden.

Mitunter wird die Einrichtung von Gedenkorten sogar bekämpft. Auf dem Bückeberg bei Hameln, wo einst die Reichserntedankfeste stattfanden, ist ein „Dokumentations- und Lernort“ entstanden, der vor Ort auf massiven Widerstand traf. Woran liegt diese Aversion?
Wagner:
Bei der Einrichtung dieses Orts auf dem Bückeberg war ich als Leiter der niedersächsischen Gedenkstättenstiftung beteiligt, und habe in der ganzen Zeit meiner Arbeit für Gedenkstätten noch nie so eine aggressive Anti-Stimmung erlebt. Ich glaube, wenn es am Bückeberg ein KZ gegeben hätte und man hätte dort eine Gedenkstätte für das KZ eingerichtet, hätte es weniger Protest gegeben.
Und zwar genau aus dem Grund, dass da die Täterschaft externalisiert werden kann auf die böse SS, die angeblich mit den normalen Menschen nichts zu tun hatte. Das meine ich mit „Trauern ohne Nachdenken“ und ohne die Frage zu stellen, warum es überhaupt zu diesen Verbrechen kam. Denn wenn man sich diese Frage stellt, muss man sich mit der deutschen Gesellschaft auseinandersetzen. Und genau das wird am Bückeberg getan, wo die Massen ihrem Führer freudetaumelnd zugejubelt haben.

Autor:

Katja Schmidtke

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