Hiob, der Mann
AUS DEM LANDE UZ

Hiob als Wetteinsatz – Ein theologisches Nachdenken zum kommenden Sontag

Im Buch Hiob begegnen wir einer der befremdlichsten Szenen der Heiligen Schrift. Nicht eine fromme Erbauungsgeschichte wird da erzählt, sondern eine Szene im himmlischen Gerichtssaal, in der Gott selbst in das Spiel mit dem Satan eintritt. Und es ist nicht weniger als der Mensch Hiob, der zum Einsatz dieser Wette wird: „Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Hiob?“ fragt Gott. Die Szene wirkt wie eine Provokation, ja, wie ein Affront gegen unser religiöses Empfinden: Darf Gott den Menschen sozusagen als Einsatz in ein Spiel geben?

Hier liegt der Kern der Zumutung: Gott setzt Hiob, den Gerechten, als Pfand auf den Tisch der Auseinandersetzung. Er wirft ihn gleichsam in den Ring. Der Satan aber wirft nichts hinein. Er setzt nichts, er riskiert nichts. Er bleibt der kalte Beobachter, der nur darauf lauert, ob der Mensch in der Prüfung zerbricht.

Damit zeigt sich schon die Asymmetrie: der Teufel ist parasitär, er lebt davon, dass er andere in den Abgrund zieht, ohne je selbst etwas zu riskieren. Gott dagegen „riskiert“ – und zwar nicht, weil er unsicher wäre, sondern weil er sich ganz auf die Treue des Menschen verlässt, den er geschaffen hat und kennt.

Zwei innere Monologe
Satan denkt:

„Dieser Hiob, dieser Frömmler, er kniet und betet nur, weil es ihm gut geht. Lass ihn nur Krankheit, Armut, Trauer erfahren – dann wird er Dir den Rücken kehren. Und wenn er fällt, dann triumphiere ich. Ich selbst muss nichts einsetzen, ich habe nichts, was ich hergeben könnte. Ich bin der, der nur zerstört. Meine Münze ist das Nichts, und das setze ich ein. Das ist mein Kapital: der Abgrund.“

Gott denkt:
„Ich kenne den, den ich geschaffen habe. Ich habe ihm mehr zugetraut, als er sich selbst zutraut. Ich weiß, dass sein Herz nicht auf dem Besitz ruht, sondern auf mir. Wenn ich ihn in den Ring stelle, dann nicht, weil ich ihn preisgebe, sondern weil ich ihn erhöhe. Mein Wetteinsatz ist nicht die Entwertung des Menschen, sondern seine Würde. Denn Hiob soll zeigen, dass der Mensch Gott auch dann treu bleibt, wenn alle äußeren Sicherheiten fortgenommen sind. Ich setze Hiob ein, weil ich weiß, dass er nicht verloren ist.“

Das Pfand, das fühlt
Normalerweise: Wer Geld als Einsatz auf den Tisch legt, die Münze oder der Schein fühlt nichts. Er wandert kühl von Hand zu Hand. Aber hier, im Fall Hiobs, ist der Einsatz lebendig. Hiob ist nicht stumm wie zehn Euro, sondern er leidet, er schreit, er protestiert. Er erlebt sich selbst als Spielball. Und eben hier wird die Zumutung des Textes existentiell: Wie fühlt sich das Pfand, das Gott gegeben hat?

Hiob weiß nicht, dass er im Himmel verhandelt wird. Er ahnt nicht, dass er zum Prüfstein einer kosmischen Auseinandersetzung geworden ist. Er erlebt nur den Sturz: von Reichtum zu Armut, von Gesundheit zu Krankheit, von Familie zu Einsamkeit. In dieser Blindheit tastet er und fragt: „Warum?“

Und doch – und das ist das Geheimnis – bleibt das Pfand nicht passiv. Es erhebt seine Stimme. Es sagt: „Ich will nicht in die Tasche des Bösen fallen. Ich klammere mich, trotz allem, an den, der mich geschaffen hat.“ In diesem Sinne ist Hiob das erste sprechende Pfand. Er widerspricht dem Bild des kalten Chips auf dem Spieltisch. Er will nicht neutral sein. Er will heimgehören – zu Gott. 

Man könnte mit einigermaßen großem Recht behaupten,: Die Szene ist die Urszene der „kosmischen Spielkasinos“. Gott und Satan treten auf wie Spieler in einer metaphysischen Spielhölle. Der Unterschied aber ist entscheidend: Der Satan ist wie ein Spieler ohne eigenes Portemonnaie, der immer nur auf fremde Kosten spielt. Gott dagegen setzt seinen eigenen Freund in den Ring – und damit letztlich sich selbst. Denn im Pfand Hiob riskiert er nicht weniger als seine eigene Glaubwürdigkeit: Wird der Mensch Gott treu bleiben? Oder ist alles nur ein Geschäft nach dem Muster „Frömmigkeit gegen Wohlstand“?

So erweist sich die Wette nicht als ein leichtfertiges Spiel, sondern als dramatisches Offenbarungsdrama. Der Mensch wird nicht wie eine Münze gleichgültig verschoben, sondern er leidet, er fragt, er glaubt. Hiob ist Pfand – aber ein lebendiges Pfand. Und in diesem paradoxen Wagnis wird deutlich: Nicht der Teufel ist der eigentliche Spieler, sondern Gott, der seine Geschöpfe in Freiheit nimmt und ihnen zutraut, auch ohne äußeren Vorteil bei ihm zu bleiben.

Das „Wettpfand Hiob“ ist also kein Opfer, das man kalt verspielt, sondern es ist der Mensch, der durch das Leiden hindurch zur Wahrheit seiner Gottesbeziehung findet. Und eben darin liegt die große, unbequeme Würde des Menschen: Er ist kein totes Pfand, sondern ein fühlendes, ringendes, betendes Wesen – und gerade deshalb der einzige Einsatz, der im Spiel zwischen Gott und Satan wirklich Gewicht hat.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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