Ausstellung "Meine liebste Otte!" in Halle
Farbenfrohe Annäherung
- Benita Koch-Otte: Farbstudien, 1961-1968
Historische Sammlung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel - Foto: Thomas Nawrath
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Über die Stationen Bauhaus und Burg Giebichenstein kam die Textilkünstlerin Benita Koch-Otte 1934 nach Bethel. Ihre farbenfrohe Textilkunst stand lange im Schatten anderer Künstler. Nun rückt eine Ausstellung in Halle (Saale) sie wieder ins Licht.
Von Thomas Nawrath
Halle. Farbenfroh und warmherzig nähert sich die Ausstellung „Meine liebste Otte!“ der Persönlichkeit und dem Werk der Bauhaus-Künstlerin Benita Koch-Otte (1892-1976) an. Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt präsentiert ab dem 27. September etliche Originale der heute wenig bekannten Textilkünstlerin. Gezeigt werden diese gemeinsam mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in den Räumlichkeiten der Stiftung in Halle. Diese liegen nur etwa einen Kilometer entfernt von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, an der „die Otto“ vor 100 Jahren die Leitung der Handweberei-Werkstatt übernahm.
- Ausstellung "Meine liebste Otte!", 27.9.-6.12.2026
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„Sie gehört zu den einflussreichsten Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Doch sie steht oft im Schatten ihrer bekannteren Bauhaus-Freundinnen Anni Albers und Gunta Stölzl“, schildert Manon Bursian, die Direktorin der Kunststiftung. „Die Otte“ wieder ans Licht zu holen und ihrem großartigen Werk den berechtigten Raum zu geben, sei ihr und den Kooperationspartnern von der Burg Giebichenstein, den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel sowie dem Historischen Museum Bielefeld und dem Museum Huelsmann in Bielefeld ein besonderes Anliegen gewesen, erklärt Bursian. Die Ausstellung ist bis zum 6. Dezember in Halle zu sehen.
- Manon Bursian, Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt. Im Hintergrund einige der tibetanischen Teppiche aus der Ausstellung.
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Von der Lernenden zur Bauhaus-Künstlerin
Zwischen April 1920 und September 1925 ist „die Otte“ am Bauhaus in Weimar und erlernt alles, was es zum Weben braucht. Sie hat den Blick fürs Klare und Wesentliche, aber auch für Formen und Farben, heißt es. Walter Gropius resümiert später, Benita Koch-Otte habe Leistungen vorzuweisen, die „außerordentlich genannt werden“ müssen. Sie gehöre „zu den best ausgebildeten Persönlichkeiten“, die „fähig sind, leitende Stellen in der Textilindustrie“ zu übernehmen.
1925 muss sie Weimar mit den anderen Bauhäuslern verlassen und geht zunächst nach Dessau, ehe sie ab September 1926 in Halle die künstlerische Leitung der Handweberei-Werkstatt auf der Burg Giebichenstein übernimmt. Dort hat sie mit ihren Entwürfen und Kunstwerken bleibende Spuren hinterlassen, sagte Franziska Weil, die heute an der „Burg“ Textildesign unterrichtet. Doch mit der Machtergreifung der NSDAP 1933 kam der Bruch. Im Sommer des gleichen Jahres wird ihr und etlichen anderen Fachlehrern durch die Stadt Halle gekündigt. In der Ausstellung sind dazu Original-Dokumente und Briefwechsel zu sehen.
- Offizielles Schreiben an den Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung von Halle (Saale) vom 24. Juni 1933. In der Folge wurde Benita Koch-Otte und weieren Fachlehrern der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein gekündigt und ihre Werkstatt geschlossen.
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„Dunkel und unbekannt“
Ihre persönliche Geschichte bekommt für die Ausstellungsmacher „in diesen Wochen einen Klang, den wir bei der Planung so nicht vorhergesehen hatten“, erzählt die Direktorin der Kunststiftung. Denn mit dem Ende der Werkstatt auf der "Burg" fühlte sich "die Otte" wie „vogelfrei“, schrieb sie in einem Brief an ihre Bauhaus-Freundin Gunta Stölzl. Künstler, noch dazu vom Bauhaus, galten nicht mehr viel. Und so muss sich die engagierte Frau beruflich völlig neu orientieren.
- Heinrich Koch - Fotograf am Bauhaus und der Burg Giebichenstein.
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Sie emigriert und geht mit ihrem Mann, dem Fotografen Heinrich Koch (1896-1934), nach Prag. Doch als dieser im Folgejahr bei einem Unfall stirbt, „ist alles, aber auch alles dunkel und unbekannt“, können wir un ihren Briefen lesen. Selbst für das Weben hat sie keine Lust mehr, „die ist mir gänzlich abhandengekommen“.
„Unsichere Zeiten“
Schließlich nimmt Koch-Otte das Angebot der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel an und geht im September 1934 nach Bielefeld. Sie übernimmt die Leitung des Werkstattbereiches. Dort "findet sie ihre Aufgabe darin, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung im handwerklichen Arbeiten anzuleiten und die Weberei weiterzuentwickeln. Ihr Ansatz gilt noch heute als Vorbild für Inklusion“, erzählt Manon Bursian. KOch-Otte leistet dabei durchaus Pionierarbeit: Sie setzte sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderung eine handwerkliche Ausbildung bis zur Gesellenprüfung absolvieren konnten.
Zudem unterrichtet sie in Bethel bis zu ihrem Ruhestand 1957 Farb- und Formenlehre und hinterlässt kunstvolle Teppiche, innovative Entwürfe und zahlreiche Farbstudien, die mittlerweile viele Sammlungen weltweit schmücken - und bis heute viele Künstler zu neuen Arbeiten inspirieren. In der Schau sind etwa große tibetanische Teppichlandschaften, etliche farbenfrohe Kissen mit fürt die Otto typischen geometrichen Mustern sowie Farbstudien und eine 20-teilige Serie von Arbeiten über das Leben der Bauhaus-Künstlerin zu bestaunen. Der Betrachter erlebt einen wahren Farbentrausch.
- Benita Koch-Otte: Dekorationsstoff, 1926
Neue Sammlung - The Design Museum, München
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Angesichts der aktuellen politischen Lage in Sachsen-Anhalt „lesen sich Teile dieser Biografie heute anders, als wir es vor drei Jahren erwartet hätten“, erinnert die Direktorin der Kunststiftung. Es seien unsichere Zeiten, „auch für uns als Stiftung“. Doch „genau deshalb glauben wir, dass es sich gerade jetzt lohnt, diese Ausstellung zu machen“ und die Künstlerin Benita Koch-Otte genauer zu entdecken. Für viele Künstler sei „das Bauhaus heute noch das Maß aller Dinge und eine endlose Inspirationsquelle“. Zugleich lehre das Bauhaus, „dass die Avantgardbewegungen den Mut, die Leidenschaft und die Energie hatten, um in schwierigen Zeiten Neues zu wagen“, betont Bursian.
epd
Autor:Online-Redaktion |

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