Das Buch zum Buch

Rezension von Mirjam Petermann

Vor fast drei Jahren erschien der Roman »Judas« des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Nun veröffentlichte er einen »Zwischenruf« im Kleinstformat mit dem Titel »Jesus und Judas«. Darin beschreibt der Autor seinen autobiografischen Zugang zum Christentum und seine Sympathie für die Person Jesus – für orthodoxe Juden eigentlich eine Unmöglichkeit. Empört habe ihn bereits als Jugendlicher die Judas-Geschichte: »Als ich diese Geschichte las, stieg ein heftiger Zorn, ja Wut in mir auf«, schreibt er. Als unlogisch betrachtet er es, dass der Großgrundbesitzer Judas für umgerechnet circa sechshundert Euro Jesus verraten haben soll, obwohl alle wussten, wer Jesus war und er sich nicht versteckte. Auch Judas Suizid scheint ihm unrealistisch.
Umso fataler, welche Wirkung diese Episode in den vergangenen zweitausend Jahren hatte. »Judas« stehe seit jeher für »Verräter«, die Wortbedeutung wurde auf »Jude« einfach übertragen: »In meinen Augen ist die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus«, schreibt Oz.
In seinem Roman ließ er deshalb den Studenten Schmuel Asch eine alternative These formulieren. Sie besagt, dass Judas von ganzem Herzen an Jesus geglaubt, ihn niemals verraten und sich aufgrund des Ausbleibens eines offensichtlichen Wunders am Kreuz umgebracht habe.
Man kann sich fragen, warum ein Autor eine sachliche Ergänzung zu seinem literarischen Text schreibt, zumal sie keine neuen Gedanken als die bereits verarbeiteten beinhaltet. Anregend ist vor allem der biografische Hintergrund jedoch allemal. Vielleicht will Oz die Problematik der Wirkungsgeschichte der Judas-Episode ohne Umschweife und poetische Sprache auf den Punkt bringen – das Gleiche gilt wohl auch für die Schwierigkeit für Juden, Jesus ebenfalls als Juden anzuerkennen, die Oz ebenso thematisiert.
Ergänzt wird der Zwischenruf durch Jesustexte der Evangelien und ein Nachwort des bedeutenden Rabbiners Walter Homolka. Er beschreibt den Zusammenhang zwischen antisemitischer Politik und jüdischer Jesus-Forschung in den vergangenen 2 000 Jahren und die heutigen Herausforderungen für den christlich-jüdischen Dialog.

Amos Oz: »Jesus und Judas. Ein Zwischenruf«, Patmos-Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-8436-1051-3, 12 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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