Die einende Kraft des Spiels

Das wichtigste Fest des Jahres: Mehr als jeder fünfte Bürger der ostspanischen Stadt Alcoy ist bei den viertägigen Feierlichkeiten aktiv dabei.
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Im spanischen Alcoy erzählt jedes Jahr ein opulentes Rollenspiel die jahrhundertealte Geschichte der Belagerung der Stadt durch die Mauren und den Sieg des Heiligen Georg.

Von Günter Schenk

Auf Dromedaren erobern die Mauren die Stadt, mit leicht bekleideten Tänzerinnen und orientalischen Klängen. Märsche begleiten die christlichen Truppen, die mit Pfeil und Bogen, Gewehren und anderem Schießgerät in ritterlicher Rüstung in die Schlacht ziehen. So geschieht es jedes Jahr Mitte April, wenn im spanischen Alcoy die »Fiesta de Moros y Cristianos« über die Bühne geht – ein Fest mit bis zu 15 000 Kostümierten.
Alcoys Historienspektakel gehört zu Spaniens wenigen Festen von internationalem touristischen Interesse. Für die Einheimischen ist es wichtiger als alle anderen Feste im Jahr zusammen. Denn es ist der Kampf zwischen Mauren und Christen, der in der katholisch geprägten Industriestadt zwischen Valencia und Alicante ihre Identität bestimmt.
Schon am Vorabend zum großen Aufzug der Truppen versammeln sich die Alcoyanos auf der Plaza de Espana, dem zentralen Treffpunkt der Stadt. Zum Auftakt des Festes spielen mehr als zwanzig Kapellen zum Paso Doble auf, singen Tausende die lokale Hymne, ehe sie in die umliegenden Lokale ziehen. Dann kommt die »Oletta de músic« auf den Tisch, ein kalorienreiches Festgericht aus grünen Bohnen, Schweinefleisch, Speckschwarten und Blutwurst. Am nächsten Tag wächst das Fest zum Massenauflauf, wenn die Christen in die Altstadt einziehen. Bis zu 18.000 Stühle, Sessel und Tribünenplätze säumen den Weg ihres Aufmarsches.
Das Fest ist gelebte Lokalgeschichte: Es erinnert an das Jahr 1276, als der maurische Heerführer Al-Azraq mit seinen Truppen vor den Toren Alcoys stand und die Christen zum Kampf herausforderte. Die Schlacht endete mit Al-Azraqs Tod. Die Legende schreibt den Sieg dem Heiligen Georg zu, der am Himmel über dem Schlachtfeld auf einem weißen Pferd erschienen sei.
Mit Beilen, Äxten, Schusswaffen und Pfeilen sind die Christen bei ihrem Aufmarsch bewaffnet. Hoch zu Pferd ziehen ihre Anführer mit Fahnen ins Feld. Dahinter marschieren die Truppen, allen voran die sogenannten Escuadras, geschlossene Formationen, zehn Mann eng nebeneinander.
Jahrhundertelang war der Aufmarsch nur Männern erlaubt, doch inzwischen sind auch mehr und mehr Frauen dabei. Vor allem beim maurischen Heer, das am späten Nachmittag Einzug hält. Farbiger, bunter, ausgelassener, kurz: exotischer zeigen sich die Orientalen, die vom weiblichen Zulauf zum Fest profitieren. Dominieren im christlichen Heer schwere Helme, Wappenschilde und Uniformen, tragen die Mauren Turban und Gewänder aus Samt und Brokat. Schwere Trommeln machen den Marschsound der einen aus, Janitscharenklänge die Musik der anderen. Tänzerinnen entführen den Zuschauer in eine andere Welt, die langsam von der Nacht verschluckt wird. Wenn schließlich der Mond über der Stadt steht, haben auch die Mauren ihre Quartiere bezogen.
Schon im frühen 15. Jahrhundert sind erste Feste in Erinnerung an die historische Schlacht nachgewiesen. Ab Ende des 18. Jahrhunderts dehnte sich das Fest mehr und mehr aus, gründeten sich immer mehr Gesellschaften, die heute in der Associació de Sant Jordi vereint sind, mit mehr als 30.000 Mitgliedern der größte Verein der Stadt.
Am zweiten Festtag rückt traditionell der Heilige Georg in den Mittelpunkt. Christen und Mauren, im bunten Reigen vereint, geleiten den Jungen durch die Altstadt – hinter ihm der Reliquienschrein mit einem Fingerglied des Heiligen und die Notablen der Region, vom Bischof bis zum Bürgermeister.
Anfang des 19. Jahrhunderts vollzogen die Alcoyaner mit der Figur des Heiligen Georg eine ikonografische Wende. Statt eines Drachens, den Sankt Georg der Legende nach einst mit der Lanze erstach, legte man dem Heiligen jetzt jene Mauren zu Füßen, die einst das katholische Alcoy einnehmen wollten. Im Hinterland der Costa Blanca mutierte Georg so vom Drachen- zum Maurentöter. Die Rolle ist im übrigen Spanien traditionell dem Heiligen Jakobus zugewiesen.
Krachend startet Alcoy in den letzten der vier Festtage, wenn die beiden Truppen um die hölzerne Burg auf der Plaza de Espana kämpfen. Langsam versinkt die Stadt im Pulverdampf. 2.500 Kilo Schwarzpulver werden in die Lüfte gejagt, schwere Waffen stressen die Trommelfelle. Spät abends aber hat die Schlacht ein Ende, erscheint hoch oben auf der Burg der kleine Georg auf einem weißen Pferd im mystischen Licht – so wie der Legende nach anno 1276.
Wie immer haben die Christen die Schlacht gewonnen, das Rollenspiel ist zu Ende. Auch der eine oder andere Pfarrer hat bei der Fiesta mitgemischt, nicht immer auf der Seite der Christen. Dass ein katholischer Priester ins Maurenkleid schlüpft, spricht für die Gemeinschaft stiftende Kraft des Spieles, aus dem die Alcoyaner ihre Identität schöpfen.
Je lauter, um so besser übrigens. Ab 2019 dürfen die Kombantanten statt bisher ein Kilo Schwarzpulver vier in die Luft jagen. Der Kampf dürfte dann zum Inferno werden.

Das wichtigste Fest des Jahres: Mehr als jeder fünfte Bürger der ostspanischen Stadt Alcoy ist bei den viertägigen Feierlichkeiten aktiv dabei.
Der Held: Welcher Junge den Heiligen Georg darstellt, wird in jedem Jahr per Los bestimmt.
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Online-Redaktion aus Weimar

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