Blickwechsel
Bulgarien: Evangelisch in der Minderheit

Die evangelische Christin Ani Georgieva kocht in der Suppenküche der Gemeinde.
  • Die evangelische Christin Ani Georgieva kocht in der Suppenküche der Gemeinde.
  • Foto: Susann Eberlein
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Es dampft aus den großen Behältern und duftet nach Essen. Ani Georgieva hat heute eine Gemüsesuppe und gefüllte Paprika gekocht, dazu wird Brot gereicht.

Von Susann Eberlein

Gerade bereitet sie die Essensausgabe durch das Fenster im Gebäude in der Solunska-Straße, nur wenige Schritte vom prächtigen Vitosha-Boulevard mit Cafés, Restaurants und Geschäften entfernt, vor. Gut 50 Menschen kommen jeden Werktag, um sich eine warme Mahlzeit in ihre mitgebrachten Behälter schöpfen zu lassen. Sie zählen zu den sozial Schwächsten in der Stadt, sind arm und oft auch krank, manchmal verwaist.

Die soziale Küche ist eine Initiative der Ersten Evangelischen Kirche in Sofia. Einige, aber nicht alle Menschen, die gegen 12 Uhr ihr Mittagessen abholen, sind Teil der Kirchgemeinde. „Ich liebe Menschen und möchte ihnen helfen. Mit ganz einfachen Gerichten“, sagt Köchin Ani Georgieva über ihr Engagement. Blagovest Nikolov ist der Pastor der Ersten Evangelischen Kirche. Seit 20 Jahren ist der 64-Jährige im Dienst der Gemeinde, die sich zur kongregationalistischen Kirche zählt – eine Strömung, die Unabhängigkeit und Entscheidungsgewalt der einzelnen Gemeinde, der Kongregation, betont. Sie hatte ihren Ursprung in England und entwickelte sich nach Konflikten mit der anglikanischen Staatskirche vor allem in Amerika.

Die Erste Evangelische Kirche in Sofia wurde 1864, als Bulgarien noch Teil des Osmanischen Reichs war und unter fremder Herrschaft stand, von amerikanischen Missionaren gegründet, die nach Sofia kamen, um das Evangelium zu predigen. Die ersten Gottesdienste wurden in den Wohnungen und Häusern der Gemeindemitglieder abgehalten, bis die Mittel für den Kirchenbau dank externer Förderer aufgebracht waren. „Damals befand sich die Fläche am Rande der Stadt. Jetzt ist die Kirche mitten im Zentrum“, sagt Pastor Nikolov über die 1889 fertiggestellte Kirche.

Mit 1,2 Prozent der Bevölkerung zählt das evangelische Christentum zur Minderheit im Land auf der Balkanhalbinsel. „Das sind nicht viele, aber unsere Kirche wird von vielen Menschen anerkannt“, sagt Blagovest Nikolov. In Bulgarien dominiert das orthodoxe Christentum, über 80 Prozent der Menschen gehören ihm an. Gut 12 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, 0,5 Prozent Katholiken, 0,1 Prozent Juden. Die bulgarische Verfassung garantiert Religionsfreiheit, hebt das orthodoxe Christentum aber als traditionelle Religion hervor. Ein noch Ende 2018 geplantes restriktives Religionsgesetz, das vor allem die Religionsfreiheit von Minderheiten eingeschränkt hätte, wurde vom Parlament gekippt.

Zwischen den Zeilen zeichnet Pastor Blagovest Nikolov das Bild der traditionellen, ja rückständigen orthodoxen Kirche. „Sie bleiben in der Geschichte stehen und möchten nichts verändern. Wir hoffen hingegen auf eine Entwicklung und möchten christliches Leben im Alltag präsentieren, verständlich für moderne Menschen“, sagt er. Um nah bei den Menschen zu sein, setzt die Kirchgemeinde auf kulturelle und soziale Projekte. Auf die Buchhandlung mit Café gleich neben der Kirche zum Beispiel, die zum Austausch über Gott und die Welt einlädt, auf Bibelgruppen oder auf die Arbeit mit der Jugend. Und eben auch auf die soziale Küche, die hungrige Mägen stillen – und dem ein oder anderen den Weg in den Gottesdienst ebnen soll.

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