Weißensee
Lesung Lothar Rochau

Vor 45 Jahren war Lothar Rochau für viele junge Christen eine wichtige Orientierung. Aufgewachsen ist er im thüringischen Weißensee. Sein Vater war Ortsparteisekretär der SED. In der Kleinstadt hatte auch Oskar Brüsewitz als Schuhmacher gearbeitet. Als Christen diskriminiert wurden, erklärte er den Genossen, warum er nicht an der Wahl teilnahm: „Ich habe schon gewählt: Jesus Christus.“
Der Sohn des Parteisekretärs, Lothar Rochau, suchte seinen eigenen Weg. Langhaarig trampte er durchs Land, begeisterte sich für Blues und ließ sich taufen. 1973 begann er seine Ausbildung zum Diakon in Neinstedt im Harz. Wie viele andere wurde er durch die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz vor 50 Jahren ermutigt, seinen Glauben mutig zu bekennen. Nach Ausbildungsstationen in Erfurt und Eisenach wurde Rochau 1977 als Diakon für die Jugendarbeit in Halle-Neustadt angestellt. Dort entwickelte er eine „offene Jugendarbeit“, die bald über den Stadtteil hinauswirkte. Werkstätten, Andachten und Konzerte nahmen die Sehnsüchte der Jugendlichen ernst und eröffneten ihnen eigene Handlungsspielräume. Sie waren wie Oasen in der Wüste. Die SED-Führung versuchte, diese zu zerstören – und fand dabei auch Unterstützung in der Kirche. Dem Jugenddiakon wurde gekündigt und Lothar Rochau wurde kurz darauf von der SED inhaftiert. Während der Haft wurden er und seine Familie zur Ausreise gedrängt.
Nach dem Fall der Mauer – noch 1989 - kehrte Rochau nach Halle zurück, erhielt von seiner Kirche jedoch keine Anstellung. Er wurde Jugendamtsleiter der Stadt Halle.
Seine Geschichte im Konflikt zwischen der SED-Diktatur und einer Kirche, die sich seinem Bildungs- und Missionskonzept widersetzte, wurde zu einem wichtigen Teil der Erinnerung an die SED-Diktatur und an die Beschädigung von Kindern und Jugendlichen in der DDR. Es hat lange gedauert, doch inzwischen hat seine Kirche anerkannt, dass sie ihm gegenüber in mehrfacher Hinsicht schuldig geworden ist.
Nun hat Lothar Rochau an den Gemeinderat seiner Heimatstadt den Antrag gestellt, eine Straße nach Oskar Brüsewitz, der in Weißensee seine Berufung zum Pfarramt gefunden hatte, zu benennen. Doch im Dezember 2025 teilte ihm die Stadtverwaltung lapidar mit, dass im Gemeinderat keine Einigung darüber erzielt werden konnte.
Lothar Rochau kommt erneut in die Stadt, in der er 1952 geboren wurde, und liest aus seinen Erinnerungen „Marathon mit Mauern“.
Sonntag, 13. September, 18:00 Uhr
ASB Bildungs- und Begegnungszentrum Weißensee
Anmeldung: info@meinweissensee.de

Autor:

Christian Dietrich

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