ELF
ALEA IACTA EST
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Die Soldaten saßen im Staub. Es war heiß. Der Wind kam vom Hügel und trug den Geruch von Blut und Eisen mit sich. Einer hatte einen Becher. Drei Würfel lagen darin. Das Gewand lag neben ihnen. Es war nicht zerrissen. Das war der Grund, warum sie würfelten.
„Drei Würfel“, sagte einer.
„Ist gut“, sagte ein anderer.
Er schüttelte den Becher. Die Würfel klackten hart. Er warf sie auf den Boden. Sie rollten kurz und blieben liegen.
Elf.
„Wieder“, sagte der mit der Narbe.
Sie nahmen die Würfel auf. Einer wischte sie am Mantel ab, als könnten sie schmutzig sein. Dann warf er.
Elf.
Niemand lachte. Einer sah zum Kreuz hinauf. Der Mann dort bewegte sich kaum noch. Aber sein Kopf hing so, als würde er sie sehen.
„Noch mal“, sagte der Erste.
Sie warfen.
Vier, fünf, zwei.
Dann vier, sechs, eins.
Dann wieder anders. Aber es blieb elf.
„Das ist nicht richtig“, sagte der mit der Narbe.
„Ist nur Glück“, sagte ein anderer. Aber er klang nicht sicher.
Sie wechselten den Werfer. Jeder durfte werfen. Jeder hoffte. Keiner gewann. Es blieb bei elf. Immer elf.
Der Staub legte sich auf die Würfel. Die Sonne ging weiter. Einer spuckte aus. Einer fluchte leise. Sie warfen weiter, weil sie nicht wussten, was sie sonst tun sollten. Irgendwann hörten sie auf. Das Gewand lag noch da. Keiner nahm es. Sie gingen weg.
Am Morgen des ersten Tages der Woche war es still. Die Felsen waren kalt. Die Leinentücher lagen im Grab, ordentlich. Der Stein war weggerollt.
Er ging den Weg zurück. Auferstanden und ganz allein.
Das Gewand lag noch dort. Es hatte den Tau der Nacht angenommen und war angenehm kühl. Die drei Würfel lagen im Staub, als hätten sie gewartet.
Er hob das Gewand auf. Dann nahm er auch die Würfel. Er hielt sie einen Moment in der Hand, als wüsste er, was sie getan hatten.
Dann ging er weiter.
Später, nach den Tagen und den Worten und dem Weggang, besuchte er mit den elf Jüngern die Frau des Zwölften. Judas. Uhr Haus war klein. Sie hatte nichts Besonderes dort. Nur die Dinge, die man behält, wenn alles andere weg ist.
Er sagte ihr, sie solle sich nicht fürchten. Ihr Mann sei nicht verloren. Er habe Arbeit. Eine schwere Arbeit. Unten.
Sie weinte nicht. Sie hörte nur zu.
Dann legte er die drei Würfel in ihre Hand.
„Behalte sie“, sagte er.
Frau Judas legte die drei Würfel in ein Kästchen. Neben Ohrringe und Ringe und die kleinen Dinge, die man anfasst, wenn man sich erinnern will. Manchmal nahm sie sie heraus.
Sie würfelte nicht oft. Aber wenn sie es tat, fielen sie ruhig.
Elf.
Immer elf.
Sie wusste nicht viel über Zahlen. Aber sie wusste, dass einer fehlte. Und dass dieser eine nicht verloren war.
Wo die Würfel heute sind, weiß keiner. Dinge gehen verloren. Oder sie werden weitergegeben, ohne dass jemand es merkt. Wenn du würfelst und es wird elf, kannst du daran denken. Es waren drei Würfel. Sie haben sich geweigert, anders zu fallen. Und tun es heute noch.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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