The Book of Mormon
ein Musical besonderer Art ...
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Die Uraufführung dieses wirklich krassen Musicals fand am 24. März 2011 am Eugene O’Neill Theatre in New York City statt. Seitdem läuft The Book of Mormon dort durchgehend (mit kurzer Unterbrechung während der COVID-Zeit). Das heißt: über 15 Jahre Spielbetrieb – für ein Musical eine außergewöhnlich stabile Laufzeit.
Man würde die eigentliche Pointe dieses Stücks verkennen, wenn man es vorschnell als respektlose Religionssatire oder als bloße Broadway-Übertreibung ablegt. The Book of Mormon entfaltet vielmehr eine präzise Versuchsanordnung, in der die Religion an sich und zwar unter Extrembedingungen beobachtbar wird – nicht als erhabene Offenbarungsinstanz, sondern als ein menschliches Verfahren zur Stabilisierung von Weltverhältnissen, die aus den Fugen geraten sind. Der Ton ist grell, die Mittel sind grob, doch die Diagnose ist von erstaunlicher Schärfe.
Zu Beginn begegnet uns der Glaube in seiner exportfähigen Form: standardisiert, rhetorisch durchgeformt, missionarisch aufgeladen. Die jungen Prediger der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage” (Mormonen) treten auf wie Vertreter eines spirituellen Distributionssystems, das seine Inhalte weltweit replizieren möchte. Hier operiert Religion als ein geschlossenes System von Sätzen, deren Wahrheit nicht mehr geprüft wird, weil dieselbe intern bereits als institutionell abgesichert gilt. Man könnte sagen: Es handelt sich hier um eine Form theologischer Selbstimmunisierung, bei der Wiederholung die Funktion des Beweises übernimmt. In dieser Phase ist der Glaube eine Art sprachliche Maschine, die sich selbst antreibt.
Solche Maschinen geraten aber ins Stottern, sobald sie auf eine Wirklichkeit treffen, die sich nicht mehr durch wohlgeordnete Sätze beruhigen lässt. Die Missionsreise führt unsere Prediger als Helden nach Afrika. Diese Missionsreise jedoch exponiert die Prediger in einem Raum, in dem ihre heroische Selbstbeschreibung sofort zerfällt. In der Szenerie Ugandas erscheint das Leben dort nicht als interpretierbares Geschehen, sondern als Übermaß an Zumutung: Krankheit, Gewalt, Hunger. Diese Wirklichkeit bietet ein Reibungsfeld, wo die importierte Dogmatik sofort ihre Anschlussfähigkeit verliert. Die vorbereiteten Antworten der Missionare laufen ins Leere, weil die ortseigenen Fragen eine völlig andere Dringlichkeit besitzen. Hier zeigt sich, dass religiöse Sprache nur so lange funktioniert, wie sie nicht ernsthaft gefordert wird.
An dieser Stelle tritt nun die entscheidende Verschiebung ein. Einer der Missionare beginnt, die überlieferte Lehre nicht mehr zu reproduzieren, sondern sie zu verändern. Er ergänzt, verzerrt, erfindet. Was zunächst wie ein moralischer Defekt erscheint – das Lügenhafte, das Improvisierte –, erweist sich aber überraschend als produktiv. Die Geschichten, die er erzählt, sind faktisch unhaltbar, doch sie gewinnen eine eigentümliche Wirksamkeit. Sie treffen auf die Lebenssituation der Menschen, weil sie nicht mehr an der reinen Überlieferung hängen, sondern sich an den Bedürfnissen der Hörenden orientieren. Hier vollzieht sich eine Transformation: Religion wird von einer dogmatischen Struktur zu einer poetischen Praxis weiterentwickelt.
Man könnte diesen Moment als Geburt einer funktionalen Wahrheit beschreiben. Wahrheit ist nun nicht mehr das, was mit einem weltweit geltenden objektiven Ordnungsentwurf korrespondiert, sondern das, was im Leben der Beteiligten tragfähig ist. Die Frage verschiebt sich von „Ist das so geschehen?“ zu „Hilft uns diese Erzählung, weiterzuleben?“ In diesem Perspektivwechsel liegt die eigentliche Provokation des Stücks. Dieser Wechsel untergräbt die klassische theologische Hierarchie, in der Offenbarung und Autorität den Vorrang haben, und ersetzt sie durch das Kriterium der Wirksamkeit. Der improvisierende Missionar wird so – gegen jede kirchliche Ordnung – zum eigentlichen Theoretiker des Geschehens, weil er intuitiv versteht, dass Glaubenssätze nicht in erster Linie wahr, sondern brauchbar sein müssen.
Diese Einsicht bleibt jedoch nicht folgenlos für das Selbstverständnis der Figuren. Ein zweiter Missionar, welcher zunächst am System festhält, erkennt allmählich, dass seine Vorstellung von Glaube – als Belohnungsmechanismus, als Eintrittskarte in ein jenseitiges Paradies – an der Realität vorbeigeht. Die Erfahrung der Enttäuschung wirkt als Katalysator. Sie zwingt diesen Mann, den Glauben von seiner instrumentellen Funktion zu lösen und ihn neu zu bestimmen. Am Ende steht nicht mehr die Erwartung eines jenseitigen Lohns, sondern die Bereitschaft, im Hier und Jetzt wirksam zu werden. Die Mission verliert ihren Charakter als göttlicher Auftrag und gewinnt den eines gemeinsamen Projekts.
Damit verschiebt sich auch der Ort der Religion. Diese ist nicht länger an die Institution gebunden, die ihre eigeneReinheit überwacht, sondern entsteht dort, wo Menschen sich zusammenschließen, um ihre Lage zu verändern. Die offizielle Kirche erscheint im Stück als eine Instanz, die auf orthopraxische Korrektheit bedacht ist, während die eigentliche religiöse Dynamik außerhalb ihrer Kontrolle entsteht. Die beiden Missionare, die bleiben - obwohl sie zur Rückkehr aufgefordert worden sind - , handeln gegen die geltenden Regeln – und gerade darin kommen sie dem Anspruch ihres Glaubens näher als zuvor. Religion erscheint hier als ein Praxisfeld, nicht als ein Katalog von Wahrheiten.
Das Stück verweigert jedoch jede Form von harmonisierendem Abschluss. Die letzte Pointe besteht darin, dass die neu gewonnene Hoffnung die Not der ugandischen Realität nicht aufhebt. Die Not bleibt bestehen, die Krankheiten verschwinden nicht, die Gewalt ist weiterhin präsent. Der Unterschied liegt allein darin, dass die Menschen gelernt haben, ihre Situation anders zu deuten und gemeinsam zu ertragen. Die Erzählungen haben keine objektive Veränderung der Welt bewirkt, wohl aber eine subjektive Verschiebung dessen, wie und als was alles wahrgenommen wird.
In dieser Spannung liegt die eigentliche Aussage des Stücks. Religion wird weder als bloße Illusion entlarvt noch als absolute Wahrheit bestätigt. Sie erscheint vielmehr als eine Erfindung unter Druck – als ein kulturelles Werkzeug, das dort entsteht, wo Menschen gezwungen sind, mit unerträglichen Bedingungen umzugehen. Ihre Stärke liegt nicht in der Übereinstimmung mit einer transzendenten Ordnung, sondern in ihrer Fähigkeit, Sinn zu erzeugen, wo keiner vorgegeben und nicht einmal vorgesehen ist.
So gesehen ist The Book of Mormon weniger eine Satire auf den Glauben als eine Untersuchung seiner Funktionsweise. Es zeigt, dass religiöse Systeme nicht deshalb überleben, weil sie wahr sind, sondern weil sie gebraucht werden. Und es deutet an, dass ihre Zukunft davon abhängt, ob sie bereit sind, sich verändern zu lassen – nicht durch höhere Einsichten, sondern durch die Anforderungen der Wirklichkeit, die sie zu bewältigen suchen.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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