Nägel
Zahl & Winkel

Die Eigenart der christlichen Bildtradition wird auch dort besonders interessant, wo sie mit Hilfe von Zahlen Tiefe, Breite und Höhe der Heilsgeschichte sichtbar macht. Das Geheimnis des Glaubens wurde stets auch mit bestimmten Maßen und Proportionen zu ordnen versucht.

Die Frage nach dem Winkel etwa, mit dem die Arme des Gekreuzigten sich ausbreiten oder die Anzahl der Nägel, mit denen der Leib Christi am Kreuz befestigt ist – drei oder vier –, mag auf den ersten Blick nur wie ein antiquarisches Sonderproblem erscheinen. In Wahrheit aber berühren solche Details tiefere Schichten der theologischen Denktradition und Besonderheiten der Frömmigkeitsgeschichte. Unterschiede in der Theologie, Anthropologie und geistigen Bildsymbolik werden nicht selten an Winkelstellung der Arme des Gekreuzigten und Anzahl der gebrauchten Nägel ablesbar.

Die ältere Tradition, insbesondere im Bereich der byzantinischen Ikone und der romanischen Plastik, kennt zumeist die Darstellung mit vier Nägeln. Hände und Füße sind jeweils einzeln fixiert, der Leib erscheint damit automatisch geordnet und wie "an sich selbst angelehnt" und auf jeden Fall majestätisch  ruhend. Damit  wird ein Christus sichtbar, der nicht in Schmerzen „zerfällt”, sondern das Kreuz wie einen persönlichen Hintergrund trägt.. Jedenfalls wird der Körper nicht vom Folterinstrument überwältigt, sondern verlebendigt die grausame Welt, an die er fixiert wird. Die Vierzahl der Nägel fordert eine bestimmte Haltung von Beinen und Füßen und ist mehr als eine rein rechnerische Angabe. Sondern sie verweist auf die Ordnung der Schöpfung selbst – auf die vier Himmelsrichtungen zum Beispiel, die vier Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer als umfassende Struktur des materiellen Kosmos und die vier Evangelien. In diesem Sinn erscheint der Gekreuzigte als der, bei dem die Welt ihre Mitte finden könnte. Die Kreuzigung wird dabei jedoch nicht verharmlost, wohl aber in eine größere kosmische Ruhe eingebettet: Sie ist Durchgang, nicht bloßes Ereignis der Zerstörung. Die Nagelwunden des Auferstandenen, der immer mit seinen Wunden dargestellt wird, wirkt dabei zurück auf die Haltung während der Kreuzigung.

Demgegenüber tritt dann im westlichen Hochmittelalter (12.Jahrhundert) die Kreuzigungsdarstellung mit drei Nägeln zunehmend hervor. Jetzt sind die Füße übereinandergelegt, ein einziger Nagel durchdringt sie beide. Der Leib verliert dabei die statuarische Ruhe, gerät in schwierige Balance und zermürbende Spannung, in Schräglage, in sichtbares Leiden. Hier spricht sich eine andere Frömmigkeit aus: die des mitleidenden Betrachtens, der inneren Teilnahme an Schmerz und Passion. Die Dreiheit verweist zugleich natürlich unübersehbar auf das trinitarische Geheimnis, das ebenso geistige Spannung in höchstem Grade erfordert, wenn man ihr gedanklich nachspüren will. In dieser Verdichtung von vier zu drei zeigt sich eine neue Akzentuierung: Das Leiden wird nicht mehr von der kosmischen Ordnung her verstanden, sondern in seiner existentiellen Schärfe wahrgenommen. Der Christus patiens tritt hervor – der leidende, verletzliche, dem Schmerz ausgesetzte Herr. Nicht mehr der Christus Pantokrator, dem die Welt zu eigen ist - sondern Christus Patiens, der dem Schmerz anzugehören hat.

Es wäre verkürzt, die beiden hier kurz erläuterten Darstellungsformen lediglich als kunsthistorische Varianten zu betrachten. In ihnen spiegelt sich vielmehr jene Spannung, welche auch im Denken der Moderne bewusst geblieben ist. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die Dreiheit als Struktur des Geistes eine eigentümliche Geschlossenheit besitzt, die zugleich eine Gefahr birgt: die Gefahr einer allzu glatten Vollendung. Die Trias – so ließe sich mit Jung sagen – ist das Reich der Idee, der begrifflichen Harmonie. Sie neigt dazu, das Unstimmige der stoffgewordenen Weltdinge auszublenden.

Nach Jung gewinnt erst die Vierzahl die Bedeutung von „Ganzheit”, nicht im Sinn einer harmonischen Abrundung, sondern als Einbeziehung des Ausgeschlossenen ins Ganze. Die Vier ist schwerer, widersprüchlicher, erdverbundener. Sie trägt in sich das Moment des Widerstands, des nicht-aufgehenden Restes. In dieser Perspektive erscheint die Spannung zwischen drei und vier nicht als Zufälligkeit, sondern als Ausdruck eines grundlegenden anthropologischen Problems. Gemeint ist die Versuchung, die Wirklichkeit vorschnell in geistig geschlossene Systeme zu bannen, und die Not, das Widerständige, Dunkle, Unverfügbare mitdenken zu müssen.

Überträgt man solche Einsichten auf die Ikonographie der Kreuzigung, gewinnt das Detail der Nägelzahl eine unerwartete Tiefe. Die Darstellung mit drei Nägeln kann als eine Verdichtung gelesen werden, die das Geschehen unmittelbar in das Licht des trinitarischen Geheimnisses stellt und zugleich die Qual, dem Gottesgedanken inmitten der Schmerzen nachzugehen, Schmerzen - die nun nicht nur den Menschen, sondern auch Gott selbst als Unveränderbaren, leidlos Allmächtigen betreffen. Diejenige mit vier Nägeln hingegen hält die Verbindung zur geschöpflichen Ordnung offen, zur Welt, in die hinein sich die Inkarnation vollzieht. Beide Perspektiven sind nicht gegeneinander auszuspielen. Sie bezeichnen vielmehr zwei notwendige Dimensionen desselben Mysteriums. Der mit drei Nägeln gekreuzigte Mann ist schwerer auszuhalten, als es beim Vier-Nagel-Christus durchaus möglich ist.

In diesem Zusammenhang wäre auch noch an die Tradition der „Fünf-Wunden-Frömmigkeit” zu erinnern, die seit dem Mittelalter eine eigene Geschichte entfaltet hat. Unabhängig davon, ob drei oder vier Nägel dargestellt werden, bleibt die Zahl der Wunden konstant: Hände, Füße und die durch die Lanze geöffnete Seite. Diese Fünfzahl entzieht sich einer einfachen Zuordnung. Sie steht gleichsam quer zu den Systemen von Drei und Vier. In ihr wird deutlich, dass das Geschehen der Passion sich nicht restlos in symbolische Ordnungen einfügen lässt. Die fünfte Wunde (an der Seite des Corpus Christi) wäre sozusagen die Quintessenz einer Quaternität, die von Händen und Füßen gebildet wird. Sie ist mehr als nur ein Zeichen, sondern genau jene Stelle, an der das Transzendente den Leib irdischer Immanenz berührt, und das „göttlich Genannte” sich in der Verletzlichkeit des Menschlichen offenbart - zumal aus dieser Wunde Blut und Wasser austreten (Joh 19,34), welche beiden Substanzen seit früher Zeit mit dem Sakrament des Altars und dem der Taufe assoziiert wurden.

So zeigt sich, dass die Frage nach der Anzahl der Nägel theologisch nicht in einer eindeutigen Entscheidung aufgelöst werden muss, wenn aber auch kunstgeschichtlich sich manches ermitteln ließe. Die Frage nach der Anzahl führt vielmehr an einen der Brennpunkte des christlichen Glaubens selbst, welcher sich weder in der geschlossenen Harmonie des theologisch-philosophischen Gedankens noch in der bloßen Faktizität eines brutalen Geschehens erschöpft. Das Kreuz steht im Schnittpunkt beider Bewegungen: Es gilt dem, der seinem Glauben beherzt nachzudenken geneigt bleibt, als Ort der göttlichen Selbstmitteilung und zugleich der äußersten Wirklichkeit menschlichen Leidens.

Gerade darin liegt eine bleibende Herausforderung. Der Glaube war nie eine Flucht in Systeme, die alles zu erklären behaupten, sondern das Aus- und Durchhalten innerhalb herausfordernder Wahrheiten, die größer sind als jede ihrer Deutungen. Die Zahlen drei und vier mögen helfen, diese Wahrheit zu betrachten. Und werden von der Fünf überboten. Die Anzahl der Wunden, die ein Mensch einst erlitten haben wird, sagt mehr über ihn aus als alle Erfolge, von denen er sich einbildet, sie seien seinem Konto zuzuschreiben.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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