Erinnert: Pfarrer Michael Dorsch
„Weinen ist eine Menschheitssprache“
- Pfarrer Michael Dorch +
- Foto: M. Dorsch
- hochgeladen von Online-Redaktion
Von Thomas A. Seidel
„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte ...“
So beginnt Ostern. Und so begann die diesjährige, die letzte Oster-Predigt von Michael Dorsch. Ich, und viele andere aus seinem Freundes- und Verwandtenkreis, werden sich immer wieder aufs Neue über seine geistlichen Grüße gefreut haben, zu Ostern oder auch an Weihnachten: Das sind sprachlich wunderbare Perlen: Perlen theologischer Reflexion, frommer Poesie, existenziellen Nachdenkens, die unser Herz und unseren Verstand ansprechen.
Soweit ich mich erinnere, bin ich Michael Dorsch das erste Mal Anfang der 1970er-Jahre begegnet, in der Marienkirche in Werdau/Sa., meiner Heimatstadt und der seiner wunderbaren Frau Angelika, geb. Hübner. Er war zu dieser Zeit Student in Leipzig. Irgendwann sind wir beide mit unseren Familien in Thüringen heimisch geworden, haben uns allerdings nur selten gesehen. Das hat sich in den zurückliegenden dreißig Jahren geändert. Dafür danke ich ihm, dem Bruder und Freund, und dem dreieinigen Gott!
Michael Dorsch wurde am 3. November 1943 in Fraureuth, unweit von Werdau, geboren, als 5. Kind des Pfarrers Erich Dorsch. Zur Oberschule hat der „Arbeiter- und Bauernstaat“ das „Intellektuellen-, Bürger- und Pfarrerskind“ nicht zugelassen. Nach dem Abschluss der 10. Klasse der „Polytechnischen Oberschule“ arbeitete er von 1960 bis 1961 als Briefträger bei der Deutschen Post. Von 1961 bis 1968 studierte er evangelische Theologie am Theologischen Seminar Leipzig und war danach noch von 1968 bis 1972 Repetent (Assistent) bei Prof. Dr. Ulrich Kühn. Sein Vikariat absolvierte er in Weimar und Denstedt bei Weimar von 1972 bis 1974. Denstedt war von 1975 bis 1979 auch seine erste Pfarrstelle, bevor er 1979 nach Jena ging, um dort, bis 1985, als geschätzter und beliebter Studentenpfarrer zu wirken. Anschließend übernahm er, bis 1991, die freigewordene Stelle an der Jenaer Friedenskirche und war im Anschluss daran, von 1992 bis 1997 Superintendent in Jena. Michael hat sich, auch und gerade durch seine Behutsamkeit, als kraftvoller Theologe erwiesen.
Friedrike Spengler berichtet davon, wie der Jenaer Pfarrer mit seiner Nachdenklichkeit ihren jugendlichen Aktivismus und den ihrer Kommilitonen im Trubel der Umbruchszeit 1989/90 in gute Bahnen führte. Gleiches habe auch für die späten 90er-Jahre gegolten. Im „Politischen Salon“ bei Klaus-Peter Hertzsch gelang es ihm, seine Gedanken und Fragen stets in den konkreten politischen Raum der Zeit hineinzustellen. „Seine Gesellschaftskritik war leise Rebellion und dennoch unüberhörbar“, erinnert Friederike.
So nimmt es nicht wunder, dass Michael Dorsch ab 1992 in der thüringischen „Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der Vergangenheit“ mitwirken durfte. Zum 1. September 1997 berief ihn der Landeskirchenrat als Rektor des Predigerseminars der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (ELKTh). Dieses Amt hatte er bis zum Ruhestandseintritt, am 30. April 2007, inne.
Abgesehen von einigen Begegnungen in den aufregenden Monaten der Friedlichen Revolution und Wende 1989/90 in Jena, wurde mir erst in den späten 1997er-Jahren, in Eisenach, und dann vor allem in Neudietendorf, eine äußerst intensive und fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Rektor und ein Zusammenleben mit dem Nachbarn und Freund im „Weißen Haus“ im Hof des Zinzendorfhauses geschenkt. Michael Dorsch war ein inspirierender Teamplayer. Ich erinnere mit Freude die vielfältigen Formen des Zusammenwirkens von Evangelischer Akademie Thüringen, deren Leitung mir damals oblag, und den Studienleitern des Predigerseminars, den Vikarinnen und Vikaren, und auch denen des Pädagogisch-Theologischen Zentrums.
Dass ich Michael für den Vorstand der Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte e.V., für den Leitungskreis des Forums "Offene Kirche in Thüringen" und für den Freundeskreis der Evangelischen Akademie gewinnen konnte, war ein echter Gewinn: für die beteiligten Mitstreiter und die inhaltliche Arbeit. Die „Studientage des Predigerseminars“ der ELKTh, von seinem Vorgänger mit Blick auf das belastete Erbe des Predigerseminars in der Eisenacher Bornstr. 11 (als Ort des deutsch-christlichen „Entjudungsinstituts“) initiiert, setzte Dorsch mit Energie und Sachverstand fort. Dafür konnten couragierte Amtsbrüder, wie Ricklef Münnich, Timotheus Arndt und junge zeithistorisch Forschende, wie Susanne Böhm oder Tobias Schüfer, oder auch die Leiterin der Alten Essener Synagoge Edna Brocke, gewonnen werden.
Wenn ich an die „Beinahe-Insolvenz“ der ELKTh Ende der 1990er-Jahre und die Einsetzung einer „Perspektivkommission der Synode“ denke, wird mir klar, dass ohne jenes, von heiterer Gelassenheit getragene Wirken von Michael Dorsch „Gefahr im Verzug“ gewesen wäre. Möglicherweise hätte die Arbeit jener heterogenen Gruppe nicht funktioniert. Und vielleicht wäre die Arbeit am „Perspektivpapier“ – „Für eine beteiligungsoffene Gemeindekirche“ – nicht so erfolgreich gelungen. Seine Andachten, jeweils am Beginn der Sitzungen, bildeten einen geistig-geistlichen Teppich, eine Art spirituellen Tanz-Boden, über den wir, berührt und angeregt, gehen konnten.
Sehr gern und lebendig erinnere ich die Zusammenarbeit mit Michael Dorsch und Frank Hiddemann zu einer von den Bischöfen Christoph Kähler und Axel Noack erbetenen Handreichung zum Thema „Zukunft kirchlicher Bestattung“. Beim Zusammenwachsen der vormaligen Teilkirchen (der ELKTh und der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, EKKPS) in den Jahren 2005 bis 2009 gäbe es einige Dinge, die erkennbar und gelegentlich auch schmerzlich in unterschiedlicher Weise gewichtet und gestaltet wurden. Die (erlaubte oder untersagte) Nutzung von Kirchen für sog. weltliche Trauerfeiern zählte dazu. Obgleich der Gemeindedezernent Christian Fuhrmann in der letzten Phase der Texterarbeitung involviert war, wurde unser Entwurf letztlich nicht „abgerufen“. So fand der Beitrag dann Eingang in Georgiana-Band 2 „Tod, wo ist dein Stachel? Todesfurcht und Lebenslust im Christentum“*. „Dann war´s doch nicht umsonst!“, kommentierte dies der Ruheständler Dorsch, mit einem schalkhaften Lächeln.
Die Trauer über den Verlust der geliebten Gefährtin, ihr Tod am 5. Juni 2021, hat Michael, in Schüben, immer wieder einmal, durchgeschüttelt. Wenn wir uns in den zurückliegenden Jahren in Jena oder Weimar, in unregelmäßigen Abständen, zum Abendessen trafen, war diese Schmerzerfahrung ein Thema, neben vielen anderen, auch heiteren Dingen. Dann rannen ein paar Tränen über seine Wangen. „Weinen ist eine Menschheitssprache“, sagte er einmal. Und ich war zu Tränen gerührt, als ich diesen Satz in seiner „Osterpredigt, April 2026“ wiederfand. In diesem Text kommt Michael immer wieder, retardierend, in Wort-Kreisen, suchend, auf Marias Tränen zurück:
„Marias Weinen fließt zwischen ihr, der Lebenden, und ihm, dem Totgeglaubten.
Weinen ist wie ein Fluss zwischen Hier und Dort und zwischen Lebenden und Toten.
Tränen sind wie Worte, Sprache vor aller Sprache.
Tränen kommen aus tiefer Freude. Tränen kommen aus dem Leiden.“
Am 10. Juli 2026 ist er gestorben, hinübergegangen, nach Hause, wie Novalis auf die Frage „Wohin wir gehen“ formulierte. Ich finde, die Predigt-Perlen von Michael Dorsch verdienen es, gesammelt und veröffentlicht und gelesen zu werden – damit „der Fluss zwischen Hier und Dort“, zwischen uns und ihm, weiter fließen kann, in Zeit und Ewigkeit.
* Thomas A. Seidel | Ulrich Schacht (Hg.): „Tod, wo ist dein Stachel? Todesfurcht und Lebenslust im Christentum“, GEORGIANA. Neue theologische Perspektiven, Bd. 2, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2017, ISBN: 978-3-374-05003-1
Autor:Online-Redaktion |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.