FREITAG, VOR EINS ...
Miteinander statt Einheitsbrei

Glaube und Heimat 40 vom 04. Oktober 2020

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. Und ich hab da von ihm schon ziemlich viel Gunst erfahren. Meine letzte Reise - sie ist eine knappe Woche her und ich kämpfe noch immer mit den resultierenden Temperatur- und vor allem Kulturdifferenzen - führte mich nach Zentralgriechenland. Genauer gesagt in die Regionen Makedonien und Thessalien. Eine wunderbare Ecke, die ich jedem nur herzlich empfehlen kann und in der sich die Frage nach Bergen oder Meer?  gar nicht erst stellt. Denn der Thermaische Golf bietet ebenso viel Freude, wie das Pieria Gebirge mit dem hochaufragenden Olymp.

Doch inzwischen bin ich wieder hier, habe eine erste Arbeitswoche hinter mir, beschäftigte mich in dieser unter anderem mit der Provinzposse um die Besetzung des Lutherhaus-Kuratoriums in Eisenach oder dem Themenjahr zu neun Jahrhunderten Jüdischem Leben, das am Donnerstag in Erfurt eröffnet wurde. Und während ich an dieser Kolumne schreibe, ploppt auf meinem Bildschirm die Kalendererinnerung auf. Tag der  Deutschen Einheit; morgen steht da. Eine Erinnerung, die ich eigentlich gar nicht bräuchte, scheint dieser Feiertag doch in jedem Jahr allgegenwärtig. Schon Wochen im Vorhinein berichten Fernsehmagazine über alle die großen Kleinigkeiten, die sich seit nun mehr 30 Jahren (nicht) verändert haben. In diesem Jahr bekommt die Autorin Valerie Schönian mit Bei uns heißt das Polylux  ihre eigene Radio-Kolumne und auch Glaube+Heimat-Chefredakteur Willi Wild hat in unserer aktuellen Kolumne Nun danket alle Gott einmal seine Gedanken zu 30 Jahren Einheit aufgeschrieben. 

Doch bei allem Verständnis für die individuellen Probleme vieler Menschen mit der Einheit unseres Landes und bei aller Begeisterung für Willy Brandts Aussage, dass jetzt das zusammenwächst, was zusammen gehört: In den Köpfen vieler Menschen ist die deutsche Einheit noch lange nicht angekommen.
Ein Beispiel? Aus Griechenland? Aber bitte sehr: Durch einen technischen Zufall hatten meine Reisebegleiterin und ich eine junge Deutsche kennengelernt. Sie ist 25 Jahre alt und stammt aus einer nordrhein-westfälischen Stadt mit Magnetschwebebahn. Sie sei umtriebig, offen und viel gereist. Erzählte sie zumindest. Vor allem durch Australien. Und sie war, wenn ich mich recht entsinne, auch nochmal in Bali. 
Aber auch wenn sie zweifelsohne Kängurus von Elefanten unterscheiden konnte und mit mehr oder minder interessante Geschichten aus den fancy Schlafsälen der hippen Hostels in Brisbane oder Sydney aufwartete, in Sachen Einheit sah es bei weniger gut aus. Den Osten kennt sie nicht. Abgesehen von einem Schulausflug nach Weimar sei sie noch nie in den Neuen Bundesländern gewesen. Dass Erfurt eine Landeshauptstadt ist, das irritierte sie (von welchem Bundesland überhaupt?) und dass es von Eisenach bis an die polnische Grenze etwas weiter als ein Steinwurf sei, das schockierte besagte Reisebekanntschaft. (Dass wir hier alles daran setzten, ihr nahezubringen, dass auch bei uns nicht alles schlecht ist, das versteht sich ja von selbst!)

Doch leider ist dieser Bericht kein Einzelfall. Immer wieder erzählen Menschen aus meinem Umfeld mir davon, dass auch 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution die Mauer in den Köpfen vieler Menschen (vor allem derer, die die Teilung gar nicht mehr miterlebten) weiterbesteht. Aber ich meine, es ist die gleiche Generation, an der es liegt, eben diese Kopfmauern weiter abzureißen, das Land zu einen und die Unterschiede zwischen den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern und den noch etwas frischeren zu minimieren. Von mir aus auch mit Autogesprächen in Griechenland.

In diesem Sinne wünsche ich nun einen erholsamen und festlichen Feiertag, ein schönes Wochenende und vor allem eine gute Lektüre unserer Kirchenzeitung!

Unsere Themen

  • 30 Jahre nach dem Mauerfall: Wie die Friedliche Revolution sich noch heute auf uns auswirkt
  • Bundesgartenschau Erfurt 2021: Richtfest für den Kirchen-Pavillon
  • Im Gespräch: Jenaer Kirchengemeinde sucht den Austausch mit Punks
  • Im Sommer der Bauer: Wie Kirche Jugendliche für Landwirtschaft sensibilisieren möchte
  • Jüdisches Leben: Seit neun Jahrhunderten gehören Juden zu Thüringen. Jetzt feiert der Freistaat das Jubiläum.
  • Im Steinbruch der Zeit: Die Franckeschen Stiftungen geben einen Einblick, wie die Geologie die Menschen und ihre Ansichten veränderte.

Außerdem

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Wenn Gletscher verschwinden

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Autor:

Paul-Philipp Braun aus Erfurt

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