Serie »Buga, Bibel und Botanik« (17)
Muttermilch auf der Distel

Am 15. August feiert die Christenheit ein Fest, das etwa so alt ist wie Weihnachten. Je nach Gegend nennt man es „Mariä Himmelfahrt“ oder „Heimgang Mariens“. In der evangelischen Kirche ist dieses Fest weitgehend vergessen. Welch wichtige Rolle Maria in den früheren Jahrhunderten für die Menschen spielte, wird noch heute an vielen Pflanzennamen deutlich.
Die Mariendistel mag als Beispiel solcher Verehrung dienen. Präparate dieser Pflanze fehlen auch heute in keiner Apotheke. Von der Mariendistel erzählt man sich folgende Legende: Als die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten Rast machte, stillte die Mutter ihren Sohn. Dabei fielen einige Tropfen Milch auf diese Pflanze. Die weißen Flecken darauf sieht man noch heute.
Oder betrachten wir den Frauenmantel. Mantel – dieses Wort bedeutete noch im 18. Jahrhundert einen ärmellosen Umhang. Der Frauenmantel hat seinen Namen durch Abschleifung erhalten. Ähnlich wie bei der Frauenkirche lautete der ursprüngliche Name „geweiht unser lieben Frau“, gemeint ist Maria. Die Blattform wird mit dem überwurfartigen Mantel verglichen, mit dem Maria schon im frühen Mittelalter als „Schutzmantelmadonna“ dargestellt wird. „Mariae Tränen“ nennt man die kleinen Tropfen, die golden glänzend an den gezähnten Blatträndern austreten.
Die bekannteste Marienpflanze dürfte jedoch die Madonnenlilie sein. Jahrhundertelang durch das Christentum als heidnisch abgelehnt, machte die Lilie schließlich im Mittelalter „Karriere“. Wieso? Im biblischen Buch Daniel lesen wir von Susanna, die von zwei lüsternen Männern begehrt wird. Als sie sich gegen deren Übergriffe wehrt, beschuldigen beide sie verleumderisch des Ehebruchs. Doch die Scharlatane werden überführt und Susanna kommt frei. Wegen ihrer Unschuld und Reinheit gilt sie als Vorläuferin Mariens. Und weil man Susanna wörtlich als „die Lilie“ übersetzt, war die passende Blumensymbolik schnell gefunden. Um die Unschuld Mariens zu betonen, wurde diese Blume in der Kunst übrigens oft ohne Stempel und Staubfäden dargestellt.
Wenn Sie eine Erdbeerpflanze genau betrachten, können Sie eine botanische Besonderheit beobachten: Die Pflanze blüht und fruchtet zur gleichen Zeit. Diese Eigenschaft machte sie zur Marienpflanze. Denn für die mittelalterlichen Menschen war dies ein Hinweis auf die jungfräuliche Mutterschaft Mariens.
So hatte die Marienverehrung großen Einfluss auf den Umgang mit Pflanzen und auf ihre Namensgebung. Die Häufigkeit, mit der christliche Pflanzennamen gebräuchlich sind, variiert je nach Frömmigkeitsstil und Landstrich. Überlegen Sie doch einmal, welche „frommen Pflanzen“ Ihnen bekannt sind!

Gartenpfarrer Johannes Schmidt

Autor:

Online-Redaktion

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