Wie der angstgeplagte Luther zu einer neuen Gotteserkenntnis kam

Lesenswert: Die Biografie macht verständlich, dass die Reformation von einem Menschen ausgehen musste, der kompromisslos glaubte

Von Jürgen Israel

Die meisten neueren Lutherbiografien legen Wert darauf, den Reformator als Teil einer Bewegung darzustellen, die die Kirche als reformbedürftig erkannte. In dem schwungvoll geschriebenen Buch von Joachim Köhler werden besonders die seelischen Voraussetzungen Luthers gründlich herausgearbeitet. Ohne unangemessen zu psychologisieren, erklärt der Verfasser die existenziellen Ängste des jungen Luther aus dessen Erfahrungen mit dem leiblichen und dem himmlischen Vater, mit seinen ersten Lehrern: Hilflos fühlte er sich dem Jähzorn des Vaters und der Grausamkeit der Schulmeister ausgeliefert.
Der Vater finanzierte sein Studium und war dadurch der Ansicht, selbstverständlich über die Zukunft des Sohnes bestimmen zu dürfen. Der sollte Jurist werden und das väterliche Geschäft voranbringen. Als er ins Kloster eintrat und Priester wurde, empfand es der Vater als Ungehorsam. Für den Sohn zürnte im Zorn des Vaters der himmlische Vater mit. Angst scheint das vorherrschende Lebensgefühl des jungen Martin Luther gewesen zu sein: Gott war fern und vom Schicksal der Menschen unbewegt. Die ihn repräsentierende und verwaltende Kirche schien mehr an gnadenloser Strenge und am Bestrafen der Sünder interessiert als an deren Erlösung.
Bereits als Luther ins Erfurter Kloster eintrat, wurde Jan Hus von vielen Mitbrüdern als Verfechter einer Glaubensreform verehrt und zugleich als Beispiel dafür beklagt, wie die Kirche mit Andersglaubenden umging.
Der Generalvikar des Ordens, Johann von Staupitz, brachte dem jungen geängstigten Augustinermönch Luther einen Gott nahe, der nicht strafte, sondern verzieh, der die Menschen liebte und an ihrem Schicksal Anteil nahm. Zeitlebens hat sich Luther zu Staupitz bekannt, »durch den das Licht des Evangeliums in seinem Herzen aufzuleuchten begann«. In ihm sah er den eigentlichen Auslöser seines reformatorischen Durchbruchs. Zum ersten
Mal erlebte er einen väterlichen Menschen, der tatsächlich an ihm interessiert war, der seine Nöte ernst nahm. Staupitz verhalf ihm nicht nur intellektuell zu einem neuen Verständnis von Gottes Vater-Sein, sondern ihm gelang es auch, dass Luther Vaterliebe überhaupt für möglich hielt. Der Autor bezeichnet ihn als »Reformator vor dem Reformator«.
Den Durchbruch zu einer neuen Gottes­erkenntnis, die Einsicht, dass allein Gott maßgebend war für den Menschen und nicht der Papst, nicht der Kaiser und nicht der Staat, und dass der Mensch keinen Vermittler zwischen sich und Gott braucht, erlebte Luther als lebensrettende Befreiung. Fühlte er sich vorher der Verzweiflung über die eigene Sündhaftigkeit ausgeliefert, von der ihn auch die Beichte nicht entlastete, konnte er sich nun im vollen Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit der Liebe Gottes überlassen.
Dieses Befreiungserlebnis steht im Mittelpunkt des Buches, und der Leser kann es bewegt miterleben. Indem der Autor Luthers innere Kämpfe eindrücklich darstellt, macht er deutlich, dass die zeitgenössische Kirche nicht »unmittelbare Schuld« an dessen »innerer Hölle« trug, ihn aber nicht entlasten konnte.
Es wird verständlich, dass die Reformation von einem Menschen ausgehen musste, der kompromisslos glaubte, dem sein Seelenheil wichtiger war als alles andere, der seine Sündhaftigkeit nicht beschönigte und der dringend nach Erlösung verlangte. Ihm ging es nicht um irdische Karriere, sondern um seine ewige Erlösung. Dass von weltoffenen Humanisten, »die einen neuen, lebensfrohen Geist in die Welt« brachten, und von reformwilligen Geistlichen die Grundlagen für eine Erneuerung der Kirche gelegt worden waren, ermöglichte die Durchsetzung von Luthers Reformation. Als erster Befreiter verhalf Luther seinen Zeitgenossen und späteren Christen zu einer lebensbejahenden, in Christus begründeten Freiheit. Dies klar, begründet und verständlich darzustellen ist das große Verdienst dieses lesenswerten Buches.

Köhler, Joachim: Luther! Biographie eines Befreiten. Evangelische Verlagsanstalt, 405 S.,
ISBN 978-3-374-04420-7, 22,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

Adrienne Uebbing aus Weimar

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