Blickwechsel von Jens Mattern
Polens Katholiken und die Pandemie

Die Marienkirche in der Krakauer Altstadt überragt den Hauptmarkt und zählt zu den Wahrzeichen der Stadt.
  • Die Marienkirche in der Krakauer Altstadt überragt den Hauptmarkt und zählt zu den Wahrzeichen der Stadt.
  • Foto: Foto: Alina Braha / pixabay
  • hochgeladen von Adrienne Uebbing

Frau Elzbieta schaut durch die innere Glaspforte der „Himmelfahrt des Herren“-Kirche in Warschau und zählt die anderen betagten Frauen, die auf den Bänken sitzen. „Es dürfen nur fünf Personen sein, die Polizei kontrolliert das manchmal“, meint sie. Es gelten derzeit strenge Auflagen für den Kirchenbesuch in Polen. Frau Elzbieta hält das für übertrieben, vor allem da ihre Kirche so groß ist.
Diese Regelungen wurden am 20. April gelockert. Die nationalkonservative Regierung hat beschlossen, dass jeder Person im Kirchengebäude ein Platz von 15 Quadratmetern zugestanden werden muss. Jedoch besteht weiterhin Maskenpflicht, nur bei der heiligen Kommunion darf die Bedeckung abgenommen werden.
Doch wer darf hinein, bei der Messe, und wer nicht? „Jede Pfarrei regelt das anders“, so Blazej Wegrzyn, ein junger Priester, der sich gerade zuvor von einem jungen Ehepaar mittels Ellbogenberührung verabschiedet hat. Es gebe Verlosungen im Internet, Anmeldungen, oder die Leute stünden eben an.
Wegrzyn hat im Februar sein weiterbildendes Studium in Rom unterbrochen, um in einer anderen Kirche in Warschau auszuhelfen. Die Corona-Krise sieht der Geistliche auch als Chance, etwas Neues in den Kirchen aufzubauen, um auf die Wichtigkeit der Sakramente zu schauen, was sie uns heute noch bedeuten.
Die Römisch-katholische Kirche in Polen, der über 90 Prozent der Bevölkerung angehören, ist durch das Wegbleiben der Gläubigen auch finanziell angeschlagen, da der "Klingelbeutel" einen nicht unwesentlichen Teil der Finanzen ausmacht.

„denn Christus verbreitet weder Seuchen noch Viren“

Und es gibt zudem ein theologisches Problem – inwieweit hilft der Glauben gegen das Virus? Andrzej Dziega, der Erzbischof von Stettin, hatte im März noch die Gläubigen aufgefordert, in das Weihwasser zu fassen und die Mundkommunion zu nehmen, „denn Christus verbreitet weder Seuchen noch Viren“.
Auch Tadeusz Guz, Theologieprofessor der katholischen Universität Lublin, erklärte über den einflussreichen religiösen Fernsehsender „Trwam“, dass in der Messe kein Virus verbreitet werden kann.
„Die Gnade nivelliert nicht die Natur“, entgegnet Priester Adam Jaszcz, der Sprecher der Erzdiözese Lublin, und forderte von Guz eine Korrektur der Aussage, was dieser bislang verweigert.
Dass die Wissenschaft gegenüber dem Glauben das letzte Wort haben soll, das gefällt vielen Katholiken in Polen nicht. Auch für den verehrten Johannes Paul II. war die Abkehr vom mittelalterlichen Menschen, dessen Denken und Leben von der Lehre der Kirche bestimmt war, eine Sünde.
Vielleicht nicht von ungefähr beherbergt Polen nach Italien die meisten Exorzisten, über hundert sollen es sein. Und sie haben ihre öffentlichkeitswirksamen Helfer: die Filmemacher Maciej Bodasinski und Lech Dokowicz, der als Kameramann bereits für alle großen deutschen TV-Stationen wirkte. Sie sind vor allem durch die Aktion „Rosenkranz an die Grenze“ international bekannt geworden, als 150 000 Polen verteilt an den Landesgrenzen für den Frieden in der Welt beteten sowie dafür, dass ihr Land von der Aufnahme muslimischer Flüchtlinge verschont werde. „Gott lässt sich nicht endlos beleidigen“, meinen sie nun und erklären die Pandemie als „Tor der Gerechtigkeit“, durch das die Menschheit hindurchmüsse.

Autor:

Adrienne Uebbing aus Weimar

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