CHRISTI HIMMELFAHRT
VOM WIRKLICHEN SEIN DES SCHEINS
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es gehört zu den eigentümlichsten Szenen des Neuen Testaments, dass die Jünger nach der Himmelfahrt Christi zunächst nichts anderes tun, als in den Himmel zu starren. Der Herr ist ihren Blicken entzogen worden, und nun stehen sie da, wie Menschen, denen plötzlich die Mitte der Welt abhanden gekommen ist. Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte schildern diesen Augenblick mit auffallender Zartheit. Christus wird nicht einfach „weggenommen“, nicht wie ein Gegenstand aus dem Raum entfernt. Vielmehr entzieht er sich vor ihren Augen. Der Blick verliert ihn langsam. Der sichtbare Christus geht nicht abrupt ins Nichts über; er entschwindet.
Darin liegt eine tiefe Andeutung. Die Engel sagen nicht: Er ist fort. Sie sagen vielmehr: Er wird wiederkommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen. Dieses „Wie“ ist entscheidend. Wenn das Fortgehen ein langsames Entzogenwerden aus dem Gesichtskreis war, dann wird auch die Wiederkunft nicht das brutale Hereinbrechen eines Fremdkörpers in die Welt sein. Vielmehr wird das Verborgene erscheinen. Christus wird für die Augen sichtbar werden, wie er vor ihnen verschwand.
Das Wort „Schein“ erhält damit im Lukasevangelium überraschend Würde zurück. Die moderne Welt hat das Wort „Schein” meist nur negativ besetzt. Der Schein gilt als Täuschung, als Oberfläche, als bloße Illusion. Die Bibel denkt anders. Alles Große beginnt mit einer Erscheinung. Die Schöpfung selbst ist Erscheinung. Licht nicht Betrug. Der Sonnenschein ist keine Lüge, ebenso wenig der milde Schein des Mondes oder das kalte Zittern der Sterne über den nächtlichen Hügeln Thüringens. Der Schein ist die Weise, in der das Sein sich an uns verschenkt.
Einer der verborgenen Fehler unserer Epoche ist, dass sie nur noch dem Messbaren Wirklichkeit zutraut. Das Scheinbare wird verdächtigt, sobald es nicht sofort in etwas Festes übersetzt werden kann. Israel aber bewahrte die Gegenwart Gottes zunächst nicht in Kathedralen aus Granit auf, sondern in einem tragbaren Zelt. Dort wartete man auf das Göttliche - und deshalb war das das ganze Heiligtum. Das Zelt ist die Anti-Immobilie der Religion. Kein Monument ewiger Verfügungsmacht, sondern ein Zeichen der Vorläufigkeit. Man schlägt ein Zelt auf. Darin liegt Bewegung, Freiheit und auch Demut. Ein Zelt kann zusammengelegt werden. Es besitzt kein Fundament aus Beton und keinen Marktwert für geistige Spekulanten. Es lebt davon, dass Menschen sich entziehen können.
Das Christentum der Gegenwart wird lernen, wieder mehr Zelt zu sein. Der Glaube entstand unterwegs. Abraham wohnte im Zelt. Israel zog mit dem Offenbarungszelt durch die Wüste. Die Kirche ist ihrem innersten Wesen nach keine Immobiliengesellschaft mit sakralem Anstrich, sondern eine wandernde Gemeinschaft unter offenem Himmel. Wer am Himmelfahrtstag in der frisch erblühenden Landschaft Südthüringens wandert, wird verstehen, dass Glauben nicht das Besitzen einer fertigen Weltanschauung bedeutet. Er ist das Aufschlagen eines Zeltes aus Sinn in der Vergänglichkeit.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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