Zensur von höchster Stelle

Ausschnitt aus dem Originalmanuskript des Artikels der G+H-Redaktion über den offenen Brief des Kirchenbundes.
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  • Foto: G+H-Archiv

Rückblick: Vor 40 Jahren durfte die Kirchenzeitung nicht erscheinen

Von Gottfried Müller

Die Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz vor 40 Jahren setzte ein Signal nach zwei Seiten. Altbischof Axel Noack schrieb am 14. August in dieser Zeitung: »Die Kritik von Oskar Brüsewitz galt nicht nur dem SED-gelenkten Staat. Er sorgte sich ebenso darum, ob unsere Kirche in ihrem Reden und Handeln entschlossen genug sei. Mit seinem Tod entflammte dazu eine kontroverse Debatte.«
In diese Debatte waren auch die Kirchenzeitungen in der DDR einbezogen. Wie konnte es auch anders sein! Als Teil der ganzen Kirche gehörten auch sie zu denen, die das Geschehen von Zeitz als Mahnung verstanden, über ihre Arbeit im Auftrag des Evangeliums und im Dienst an der Gemeinde tiefer nachzudenken, und wenn es nötig wurde, entschlossen zu handeln.

Als Frucht solchen Nachdenkens hatte auch die Konferenz der im DDR-Kirchenbund vereinten Kirchenleitungen am 11. September 1976 einstimmig einen »Brief an die Gemeinden« beschlossen. Er sollte am 19. September in den Gottesdiensten verlesen werden und eine Woche später in den Kirchenblättern erscheinen.

»Glaube + Heimat« sah sich wie auch die anderen Kirchenzeitungen in der DDR in der selbstverständlichen Pflicht, den Brief des Kirchenbundes zu veröffentlichen. Doch bereits die markante Eingangspassage des Schreibens ließ Konflikte mit den staatlichen Aufsichtsorganen erwarten. Wörtlich hatten die Autoren geschrieben: »Wir alle sind betroffen. Aus dieser Betroffenheit werden Anfragen laut: an unsere Kirchen, ob in ihnen das Zeugnis von Jesus Christus nicht unentschlossen und ängstlich ausgerichtet wird; an die Kirchleitungen, ob sie die tatsächlichen Sorgen und Nöte der Gemeinden, Pfarrer und Mitarbeiter entschieden genug aufnehmen und vertreten; an Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeinden, ob sie einander tragende Gemeinschaft gewähren; an staatliche Organe, ob Glaubens- und Gewissensfreiheit, besonders für junge Menschen, wirklich Raum bekommt; an die Behandlung des Vorganges in der Öffentlichkeit, wie sie zusammenstimmt mit Wahrhaftigkeit und der Würde des Menschen.«

Solche Fragen auch an den Staat zu stellen, wollte die SED nicht zulassen. Noch weniger Verständnis brachte sie für die entsprechenden Antworten auf. Und so trat ein, was von Anfang an zu befürchten war: Der Brief durfte nicht erscheinen. Doch das für solche Eingriffe zuständige DDR-Presseamt scheute sich, im Umfeld der Brüsewitz-Tragödie selbst die Verantwortung für das Verbot zu übernehmen.

So kam es zur Aufführung einer Zensurposse: Der Leiter der Geraer Volkswachtdruckerei, die für die Endherstellung von »Glaube + Heimat« zuständig war, stoppte auf Anweisung »von oben« die Produktion und teilte der Redaktion mit, die klassenbewussten Arbeiter hätten sich geweigert, den staatsfeindlichen Brief der Kirche zu drucken. Er rate, ihn durch einen unverfänglichen Artikel zu ersetzen. Er werde dann dafür sorgen, dass »Glaube + Heimat« trotz Druckverzugs noch rechtzeitig ausgeliefert werde.

Die Redaktion war jedoch der Meinung, dass der Zensureingriff in Anbetracht der offenen Krise in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche für jedermann bemerkbar bleiben sollte und lehnte das Angebot der SED-Druckerei ab. Dem angeblichen »Streik« der Betriebsbelegschaft widersprechend nahm sie es hin, dass die »Glaube + Heimat«-Ausgabe Nr. 39 vom 26. September 1976 ersatzlos wegfiel und auch später nicht nachgeliefert wurde. Sie vertraute einer Diktaturerfahrung: Wenn Worte verboten werden, vermag auch ihr Fehlen eine deutliche Sprache zu sprechen.

Gottfried Müller

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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