Ins Leben zurückgefunden

Kerstin bildet sich in der Universitätsbibliothek weiter
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Jedes Jahr am 22. März wird an die Situation von Menschen erinnert, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Viele sind angewiesen auf Schutz, praktische Hilfe und Solidarität.

Von Andreas Boueke

Die schlanke, durchtrainierte Frau ist mit ihrem Fahrrad unterwegs. Vor der Kirche wartet sie auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie hat eine Vorliebe für sportliche Kleidung in dezenten Farben. Im Sonnenschein des Sonntagmorgens macht sie den Eindruck, als habe sie ihr Leben im Griff. Doch das täuscht. »Hier auf dem Kirchplatz erscheint mir alles sehr hell und sehr licht«, sagt sie, während sie ihr Fahrrad abschließt. »Ich merke, dass mir der Gedanke an den Gottesdienst Freude macht und dass ich einmal nicht diesen Geist neben mir herlaufen habe, dieses Unsichtbare, das droht, mich zu ertränken.«
Die Frau mit kurz geschnittenen Haaren ist Mitte vierzig. Sie lässt ihren Blick über den Platz schweifen, immer aufmerksam, was um sie herum geschieht. »Mein Name ist Kerstin. Ich tue mich sehr schwer damit, meinen Nachnamen zu sagen. Im Rahmen einer Traumatherapie lerne ich langsam, mich mit meiner Geschichte zu identifizieren. Nach und nach erkenne ich, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen, und dass es viele Menschen gibt, die helfen.«
Vor dem Kirchenportal wird Kerstin per Handschlag vom Pastor der Stiftsgemeinde Schildesche in Bielefeld begrüßt. Hermann Rottmann ist Opferschutzbeauftragter des Kirchenkreises Bielefeld.
Gut gelaunt setzt sich Kerstin auf eine der hölzernen Bänke und schaut sich in der neugotischen Saalkirche um. Tags zuvor war ihre Stimmung noch trüb: »Es passiert manchmal, dass ich eine Phase habe, in der die Wogen des Misstrauens über mir zusammenschlagen. Dann sehe ich alles nur noch schwarz und fühle mich einsam.«
Vier Monate sind vergangen, seit Kerstin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen hat. Sie bemüht sich, die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Beziehung mit einem gewalttätigen Mann zu überwinden: »Er hat mir alles genommen. Ich hatte tatsächlich niemanden mehr, der zu mir stand. Aber das braucht man. Man braucht Menschen, die dastehen und schützen, bedingungslos schützen.«
Vom Altar aus begrüßt der Pastor seine Gemeinde. Kerstins Augen strahlen. Sie murmelt: »Ich hatte schon gedacht, dass ich den Zugang zum Glauben verloren habe. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.«
Nachdem ein Verbrechen aufgeklärt wurde, fokussiert die öffentliche Aufmerksamkeit meist die Täter. Über sie berichten die Medien, um sie dreht sich das Gerichtsverfahren. In der Kirche bekommen sie die Möglichkeit, wieder mit Gott ins Reine zu kommen. Und die Opfer? Opferschutzbeauftragter Rottmann ist der Meinung, Kirche und Gesellschaft müssten mehr leisten: »Die Opfer sind über lange Zeit zu kurz gekommen. Wir müssen sie mehr in den Mittelpunkt unserer Hilfsangebote rücken. Die Täter sicherlich auch, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber wir haben einen Nachholbedarf, was die Opfer angeht.«
Kerstin schaudert, wenn sie sich an die erlebte Gewalt erinnert. »Er hat mich extrem geschlagen. Mein Hals hat geknackt. Ich weinte immer und habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte nur: ›Im Bett ist das erlaubt.‹«
Kerstin hat Hilfe gesucht und sie gefunden. So ist es ihr gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen: »Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich einige ganz wichtige Personen gefunden habe, die sich wie ein Kreis um mich geschlossen haben. Dazu gehört auch die Polizei und das Gericht. Die haben mir geglaubt. Ohne diese Unterstützung hätte ich keine Chance gehabt aus diesem Morast, aus dieser totalen Kontrolle herauszukommen.«
Pastor Rottmann ist ein kräftiger, großer Mann, der viel lacht und im Urlaub gern in den Süden fährt. Seine Haut ist braungebrannt. In der Gemeinde ist er beliebt und gilt als Frohnatur. Es gelingt ihm, seine fröhliche Haltung auch dann zu bewahren, wenn er sich dem Grauen des Lebens zuwendet. Er hat Erfahrung im Umgang mit Verbrechensopfern, als Telefonseelsorger, als Seminarleiter und in vielen persönlichen Gesprächen. »Das erste ist, den Menschen Sicherheit zu geben«, sagt er. »Manchmal ist es auch gut, mit ihnen zu beten. Es geht ums Zuhören, die ganzen Klagen, die Verzweiflung. Das braucht Zeit.«
Wenn ein Mensch akut therapeutische Hilfe braucht, kann Pastor Rottmann auch schnell einen Termin mit einer Fachärtzin für Psychiatrie und Psychotherapie besorgen.
Kerstins Leben war geprägt von Gewalt. Der Leidensweg begann schon in der frühesten Kindheit: »Ich bin die Erstgeborene. Eigentlich wollte mein Vater unbedingt einen Jungen. Deshalb hat er weggeschaut, als ich schwer missbraucht wurde, über einen sehr langen Zeitraum, von einem Verwandten. Dieser Cousin war für meinen Vater wie ein Sohn. Man fühlt sich so lebensunwürdig. Als wenn man keine Daseinsberechtigung hat.«
Über diese ganzen Zusammenhänge kann sie erst jetzt in der Traumatherapie sprechen. Es wird noch lange Zeit dauern, bevor ihre psychischen Wunden verheilt sind. Sie hat gerade erst begonnen, sich in einem eigenständigen Alltag ohne Bedrohung zurechtzufinden. Aber sie erlebt immer öfter Momente, in denen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blickt: »Das ist wie eine Wiedergeburt. Als würde ich nochmal auf die Welt kommen und nochmal ganz neu anfangen. Das Gefühl, Opfer zu sein, ist auch ein Ausdruck einer Krise des Glaubens: des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten und des Glaubens an Gott. Erst seit Kerstin wieder lernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, fasst sie neues Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen in Gott. »Ich habe erlebt, dass mir geholfen wird, und ich weiß jetzt, dass es für mich nie zu spät ist, mein Glück zu suchen.«

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