500 Jahre Reformation – ein schwieriges Datum in Polen

Von Jens Mattern

Im polnischen Senat entbrannte in der vergangenen Woche ein hitziger Streit – denn anlässlich der Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation sollten polnische Protestanten gewürdigt werden.
»Der Senat der Republik Polen verlangt danach, die polnischen Protestanten zu ehren, die mit am religiösen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Antlitz unseres Vaterlands wirkten«, so der Titel des Beschlusses. Die Resolution wurde von Tadeusz Kopiec eingebracht, der der Regierungspartei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) angehört.
Czeslaw Ryszka, ebenfalls der nationalkonservativen PiS zugehörig, hatte jedoch viele Einwände. Eine Würdigung der Reformation sei eine »Mitwirkung an der größten Spaltung der Kirchengeschichte«: »Der Protestantismus hat nicht mehr viel mit dem Christentum zu tun. Das ist eine Art neue Religion, die sämtliche Dogmen der katholischen Kirche in Frage stellt.«
Die Abstimmung war dementsprechend – 40 Abgeordnete waren dafür, 27 dagegen, 17 enthielten sich.Wie ist das zu erklären? Geehrt wurde immerhin Mikolaj Rej, der Gründer der polnischen Literatur (1505–1569), der zum Calvinismus übergetreten ist. Doch heute gilt allgemein: Ein Pole ist gleich ein Katholik. Die gerade mal 70 000 Lutheraner machen innerhalb der 39 Millionen Einwohner von den Zahlen her nicht viel aus, ganz zu schweigen von den 3 000 Reformierten. Über 90 Prozent der Bevölkerung bekennt sich zur römisch-katholischen Kirche.
Der Protestantismus wurde durch die Gegenreformation Ende des 16. Jahrhunderts stark zurückgedrängt, und später mit dem Bekenntnis von Okkupanten verbunden: Schweden
(17. Jahrhundert), darauf folgten die Preußen, die durch die Aufteilung Polens wieder Lutheraner in den Westen ins Land brachten. Auch in der kommunistischen Volksrepublik wurde diese Konfession als »typisch deutsche Konfession« und somit nahe am Nationalsozialismus verbrämt.
»Der Spuk des Luthertums östlich von Oder und Neiße ist beendet«, so der erste polnische Primas August Hlond kurz nach dem Krieg. Der Erzbischof wird noch heute für seine »Rekatholisierung und Repolinisierung« von Schlesien, Pommern und Masuren in rechten polnischen Kreisen geehrt. Noch heute gibt es Protestanten in Polen, die sich ungern offen zu ihrer Konfession bekennen. Dass Jerzy Buzek, der 1997 bis 2001 als Premier das Land regierte, der »Evangelisch-Augsburgischen Kirche« angehört, dass Polens bekanntester Skispringer lutherischen Glaubens ist, weiß das Gros der Polen nicht. Die Resolution zur Reformation kann dem nun etwas entgegensetzen; in ihr sind evangelische Geistliche, Wissenschaftler und Künstler aufgeführt – und für den derzeitigen Patriotismus besonders wichtig: polnische Militärs, die sich bei der Landesverteidigung verdient gemacht haben. Zu ihnen gehört General Wladyslaw Anders, einer der wichtigsten polnischen Generäle des Zweiten Weltkriegs, der auf Seiten der Briten kämpfte.
In der katholischen Kirche wie in der Politik herrschen unterschiedliche Meinungen, wie mit dem Jubiläum umzugehen ist. Während Staatspräsident Andrzej Duda eine Aufnahme in ein »Ehrenkomitee« der polnischen Lutheraner zu den Reformations-feierlichkeiten im Oktober ablehnte, willigte Wojciech Polak, Erzbischof und Primas Polens, zur Überraschung vieler Katholiken ein.

Autor:

EKM Süd aus Weimar

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.