HILDBURGHAUSEN
DIE BILDER DER CHRISTUSKIRCHE (1)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Noch ein Bild zum Thema „Mariae Verkündigung”. Das hier gezeigte Gemälde kann in der Christuskirche zu Hildburghausen betrachtet werden. Es stammt aus der ehemaligen Hofkirche des Hauses Sachsen-Hildburghausen und gelangte später über die Neustädter Kirche (Apostelkirche) an seinen heutigen Ort. Das Gemälde gehört zu jenen Darstellungen der Verkündigung, in denen das Geheimnis nicht durch dramatische Bewegung, sondern durch die Ordnung einfacher Gesten sichtbar wird. Alles strebt nach oben, und doch geschieht nichts gewaltsam Entrückendes. Auch fällt der Himmel nicht in die Welt ein; vielmehr öffnet sich die Welt dem Himmel.
Ein Engel tritt von links her aus der Unsichtbarkeit kommend in die Sichtbarkeit ein. Seine Füße bleiben im Wolkendunst verborgen, als gehörten sie bereits nicht mehr der Schwerkraft dieser Welt an. Die großen Flügel erinnern daran, dass hier einer erscheint, dessen Heimat eigentlich nicht im Sichtbaren liegt. Die erhobene rechte Hand weist nach oben. Sie verweist von sich selbst weg auf den Ursprung der Botschaft, die es zu überbringen gilt: „Du wirst …” Die Linke trägt eine weiße Feldlilie. Gerade diese Blume verbindet Himmel und Erde: Ihre Wurzeln krallen sich im Boden fest, aber die Blüte öffnet sich dem Licht von oben. Die Lilie gilt als Bild jener Reinheit, die nicht zur Weltflucht verführt, aber vollendete Durchlässigkeit für das Göttliche in Aussicht stellt.
Soviel zum Engel. Maria dagegen kniet auf dem Boden. Ihr bloßer Fuß berührt unmittelbar die Erde. In ihr ist nichts Schwebendes, nichts Entrücktes. Gerade die Erdverbundenheit dieser jungen Frau macht beide zu empfangenden Wesen – Maria und die Erde. Die rechte Hand der Frau ruht auf der Brust, als wolle sie das eben gehörte Wort mit Herz und Seele aufnehmen. Die Linke berührt fast noch das geöffnete Buch, aus dem sie gelesen hat. Die Hand schwebt über dem Text, als ob sie die Buchstaben, die darin stehen mögen, zu einer Komposition dirigieren, die aus dem Wort Gesang macht, aus dem literarischen Satz die Partitur einer Sonate. Zwischen Schrift und Herz, zwischen Verheißung und persönlicher Zustimmung in Leidenschaft, vollzieht sich der Ur-Augenblick von Menschwerdung. Marias gesenkter Blick richtet sich nicht ins Leere. Er betrachtet die Erde, die nun bald zum Ort göttlicher Gegenwart werden soll.
Zwischen beiden Gestalten – Engel und Maria – erhebt sich die Säule. Sie trägt einen Architrav und ist die Tempelachse. Denn der Raum, in dem die Begegnung von Mensch und Engel geschieht, trägt doppelte Bedeutung. Er ist Wohnhaus – und Heiligtum zugleich. Auf dieser Säule und damit auf Maria selbst stützt sich der Himmel ab. Gott sucht seine Wohnung bei den Menschenkindern. Auch der Engel erscheint gleichsam als Tempeldiener, denn er bringt nicht sich selbst, sondern das göttliche Wort zur Geltung.
Auch ein Fenster hat der Maler – wir kennen seinen Namen nicht – im Hintergrund erscheinen lassen. Das Fenster ist ein Bild im Bilde und öffnet den Blick in eine ferne und orientalisch anmutende Stadtlandschaft. Deren Türme steigen in den Himmel auf – offenbar ohne den Hochmut Babylons wiederholt haben zu müssen. Bäume umsäumen einen verschlungenen Pfad und ein großes Tor lädt zum Eintritt in die Phantastik einer ganz anderen Welt ein, wo tausendundeine Geschichte erzählt wird – und das Leben zum Fest werden könnte, wenn man es denn wollen würde … Diese Landschaft ist mehr als Kulisse. Sie ist Verheißung. Die Botschaft des Engels bleibt also nicht im verborgenen Zimmer eingeschlossen. Sie öffnet den Blick auf die ganze Welt, die durch dieses unscheinbare Geschehen irgendwie eine neue Mitte empfängt.
So entsteht eine Komposition von großer theologischer Dichte. Alles weist nach oben: der Finger des Engels, die Lilie, die Säule, die Türme der Stadt und selbst der lichte Himmel hinter dem Fenster. Doch ebenso deutlich weist alles nach unten: Marias kniender Leib, ihr nackter Fuß auf dem kalten Stein und das Buch auf dem Pult, das zugleich als Gebetsbank dient. Lesen ist die Fortsetzung des Gebets mit anderen Mitteln … Gerade diese Verbindung von Himmel und Erde vermittels der Lektüre eines Buches bleibt Thema der Verkündigung. Das Ewige tritt dem Irdischen zur Seite, und erhebt es. Der Himmel wird uns Erdlingen dadurch groß, dass er sich hin und wieder eine Absteige auf Erden sucht – und findet. In Maria begegnen sich diese Wirklichkeiten. In so vielen Bildern gemalt und in schönen Liedern besungen. Gott sei Dank – Ave Maria!
Autor:Matthias Schollmeyer |
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