DER SPRINGENDE GOTT
DAS SIND WIR NICHT
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Das sind wir gar nicht. Und doch begegnen wir ihnen überall: auf Flyern, Werbeplakaten und Internetseiten. Junge Menschen springen gleichzeitig in die Luft. Und ein Fotograf hat sie genau im richtigen Augenblick eingefroren, oder eine künstliche Intelligenz hat den Augenblick überhaupt erst erschaffen. Alle lachen. Alle besitzen das gleiche makellose Gebiss. Es gibt keine Müdigkeit, keine Krankheit, keine Schwerkraft. Die Gesichter scheinen aus einer Welt zu stammen, in der Alter ein Gerücht und Sterblichkeit eine längst überwundene Legende ist.
Ob diese Zähne von Jugend an sorgfältig gepflegt wurden oder später durch Implantate ersetzt worden sind, ob die Krankenkasse – Verzeihung, die Gesundheitskasse – oder ein erheblicher Eigenanteil für ihre Makellosigkeit aufkam, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Entscheidend ist etwas anderes: Hier soll uns das Bild des Menschen eingebläut werden, der gar nicht mehr aus der Wirklichkeit der Sterblichen stammt. Er gleicht eher einem entfernten Nachkommen jener seligen Götter, die über den Wolken in ewigen Spaziergängen dahin schreiten.
Was lehrt uns das?
Es lehrt uns zunächst, dass der Mensch niemals einfach nur der Mensch sein möchte. Er genügt sich nicht mehr als jenes Wesen, das auf langem und umständlichem Wege schrittweiser Evolutionssprünge hervorgegangen ist, aus Einzellern, Fischen, Säugetieren und auf diese Weise schließlich zu jenem Wesen wurde, das sich voller Stolz Homo sapiens sapiens nennen zu dürfen meint, und glaubt, ein vernünftiger Mensch zu sein …
Der vernünftige Mensch möchte nicht mehr im Tierreich zu hause sein.
Gewiss weiß er – seit Sigmund Freud und vielen anderen –, welche dunklen Kräfte unter der sehr dünnen Schicht von Zivilisation wirken. Er weiß um seine animalischen Triebe, Ur-Ängste, Machtgelüste und verzweifelten Begierden. Er weiß, dass unter dem Firnis der Kultur noch immer ein erstaunlich viehisches Wesen vegetiert. Aber zugleich hat sich dort oben in seinem Kopfe, beinahe an der Grenze zum Himmel, etwas entwickelt, das ihn über alles andere erheben kann: der Neokortex. Jenes Organ, mit dem er addieren, subtrahieren, Differentialgleichungen lösen und sogar Logarithmen verstehen kann – vorausgesetzt, er hatte einen geduldigen Mathe-Lehrer.
Und nun beginnt die Verwechslung. Der Mensch hält sich nicht mehr nur für vernünftig. Er hält sich für gottähnlich. Vielleicht nicht für Gott selbst, aber doch für einen kleinen, sterblichen Gott. Einen Gott im Praktikum. Einen unvollendeten Gott, der sich noch im Werden befindet und dessen größte Sehnsucht darin besteht, seine eigene Endlichkeit endlich vergessen zu können.
Darum springt er. Der springende Mensch ist auf dem Foto der Fast-Gott. Im Sprung scheint die Schwerkraft aufgehoben zu sein. Für den Bruchteil einer Sekunde gehört der Sterbliche nicht mehr ganz der Erde aber fast schon ganz dem Himmel an. Genau dieser Augenblick wird fotografiert, vervielfältigt und millionenfach verbreitet. Das Bild verkündet eine stille Botschaft:
Seht her. So müsst ihr sein. Kommt zu uns. Reiht euch ein. Lacht wie wir. Springt wie wir. Dann werdet auch ihr vergessen, dass ihr sterblich seid. Die Werbung verkauft heute nicht mehr nur Produkte. Sie verkauft Anthropologien. Sie verkauft Menschenbilder. Früher lehnte eine üppige Blondine an der Motorhaube eines VW Carman Gia. Sex sells … das war einmal. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute steht der stolze Besitzer dieses (in der Tat unübertroffenen) Oldtimers nicht mehr neben seinem Automobil, sondern er hält den Zündschlüssel in der Hand und springt dabei aufs Possierlichste. Das gefährlichste Menschenbild ist jenes, das den Menschen glauben macht, er müsse nur ausreichend lächeln, ausreichend konsumieren, smart kommunizieren und ausreichend leicht werden, springend – dem Himmel nahe zu kommen.
Daneben stehen jene anderen Gestalten der Geschichte. Die Stoiker. Die Wüstenväter. Die alten Säulenheiligen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Auch sie wollten nach oben. Aber sie sprangen nicht. Sie wussten, dass Höhe nicht durch einen gewaltigen Satz entsteht, sondern durch eiserne Geduld und Disziplin des zappeligen Körpers. Einer von ihnen stand jahrzehntelang auf einer Säule. Er benötigte kaum noch etwas. Fromme Pilger brachten ihm das Notwendigste zum Leben. Und seine Notdurf verrichtete er von der Säule herab – er schiss sozusagen auf die Welt – und wurde dafür verehrt. Er musste nicht lächeln. Er musste sich nicht inszenieren. Seine Höhe bestand gerade darin, dass sie niemanden beeindrucken wollte, außer sich selbst. Und hier reicht er dem Springer von heute die Hand – und der ihm.
Ja – auch heute richten sich unsere Blicke wieder nach oben. Nicht mehr auf die Art der Säulenheiligen. Sondern wir schauen in den Hochglanzprospekten auf imaginierte Versammlungen junger Leute, die eben gerade besondere Gottesdienste besuchen, sich an innovativen Projekten beteiligen, spektakulären Flusstaufen beiwohnen und religiöse Veranstaltungen planen, die vor allem eines versprechen: Erlebnis.
Mitunter heiraten Menschen bereits im freien Fall. Sie springen mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug ab, und irgendwo zwischen Himmel und Erde schreit ihnen ein Pfarrer – der zu diesem Behufe seinerseits eine Fallschirmausbildung absolvieren musste – mit flatternden Backen (Wangen) den Trausegen zu. Man muss sich diese Symbolik einmal vor Augen führen.
Der Mensch glaubt, dem Himmel näher zu sein, wenn er den Boden verlässt. Dabei beginnt jede Religion am Anfang mit dem Gegenteil. Der Mensch wurde aus Erde gemacht. Er lebt auf der Erde. Er kehrt zur Erde zurück. Das ist keine Demütigung, sondern macht seine Würde aus.
Nicht gut ist es, wenn der Mensch die Verbindung zu Mutter Erde aufgibt, um mit dem Himmel eins zu werden. Der springende Gott – das sind wir nicht. Wer die Erde verachtet, von dem wendet sich auch der Himmel amüsiert ab. Er ist keine Fluchtrichtung. Kein Luftraum für Träume grenzenloser Selbststeigerung. Wer den Himmel besitzen will, verliert ihn. Wer die Erde verlässt, findet sich nirgendwo wieder.
Freilich – der Geist der Selbsttäuschung ist alt. Und nun wollen wir es zum Schluss noch richtig übertreiben. Den Namen jenes ehemaligen Engels brauchen wir an dieser Stelle nicht zu nennen. Jeder kennt ihn. Einst durfte er das Himmels-Licht tragen. Nach seinem bestürzenden Fall lebt er auf der Erde heute davon, uns Menschen einzureden, wir könnten selbst Licht werden, wenn wir im Moment künstlich erzeugter Blitze immer noch ein bisschen höher springen, als uns gut tut …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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