HILDBURGHAUSEN
DIE BILDER DER CHRISTUSKIRCHE (2)

2Bilder

Es gibt Bilder, die historische Ereignisse darstellen. Und es gibt Bilder, die zusätzlich etwas über das Wesen der Zeit verraten wollen. Das hier gezeigte Gemälde aus der ehemaligen Hofkirche des Hauses Sachsen-Hildburghausen und jetzigen Christuskirche gehört dazu. Es will nicht nur betrachten lassen, was sich nach dem Bericht der Apostelgeschichte auf dem Berg des Abschieds ereignet hat. Es stellt vielmehr die Frage, wie ein Geschehen, das sich vor beinahe zweitausend Jahren vollzog, Gegenwart werden kann. Genau hier liegt die eigentliche Theologie des Bilds.

Auf den ersten Blick scheint die Komposition traditionell und einfach zu sein. Links steht die Schar der Apostel. Ihre Blicke folgen Christus, der über ihnen ihrer Wirklichkeit entzogen wird. Alles ist Bewegung nach oben. Die Erde verliert ihren Mittelpunkt. Der Mittelpunkt wandert dorthin, wohin Christus geht.

Rechts dagegen steht eine einzelne Frau. Sie gehört sichtbar nicht zum Kreis der Jünger. Ihre Kleidung verrät eine andere Zeit. Vielleicht handelt es sich um die Herzogin Charlotte (sie hat elf Kinder geboren) oder die Stifterin des Bildes – jedenfalls ganz bewusst in die heilsgeschichtliche Szene von Christi Himmelfahrt hineingenommen. Gerade dadurch geschieht etwas Überraschendes.

Die bekannte Geschichte wird unterbrochen.

Zwischen den beiden Bildhälften verläuft ein eigentümlicher Riss. Er trennt nicht nur die Figurengruppen. Er trennt die Jahrhunderte. Links befindet sich die biblische Vergangenheit. Rechts die Gegenwart des Malers und seiner Auftraggeber. Der Maler hätte beide Gruppen leicht zu einer einzigen Szene verschmelzen lassen können. Stattdessen bewahrt er die Trennung sorgfältig. Gerade dadurch macht er sichtbar, was jede christliche Existenz kennzeichnet: Niemand kann einfach Augenzeuge der Heilsgeschichte werden. Zwischen Golgatha und uns, zwischen Ostern und unserem Leben, liegt tatsächlich der garstige Graben der Historie.

Und dennoch endet das Bild nicht beim Riss.

Die ausgestreckten Hände der Apostel überschreiten ihn bereits. Die Hände strecken sich aus, als wollten sie den Augen nachhelfen. Sie reichen gleichsam in unsere Welt hinein. Ihre Gebärden bilden Brücken. Sie verbinden Zeiten, ohne sie zu vermischen. Dem Glauben des Betrachters wird geholfen – es wird die Geschichte nicht aufgehoben – etwas durchdringt die unterschiedlichen Zeiten.

Und über diesem Riss schwebt Christus – allen gleichermaßen entzogen werdend.

Er gehört keiner der beiden Seiten mehr ausschließlich an. Er verlässt die Welt der sichtbaren Geschichte und entzieht sich zugleich jeder bloß historischen Einordnung. Genau darin liegt das Geheimnis der Himmelfahrt. Christus verschwindet nicht aus der Welt. Er verändert vielmehr die Weise seiner Gegenwart. Der Abschied von seiner sichtbaren Gestalt ist die Voraussetzung einer neuen Nähe.

Hier erinnert das Bild unwillkürlich an das Wort aus dem Johannesevangelium: Noli me tangere – »Halte mich nicht fest.« Maria Magdalena sollte den Auferstandenen nicht festhalten, weil die alte Weise des Besitzens zu Ende gegangen ist. Liebe darf sich nicht in Festhalten verwandeln. Sie muss loslassen lernen, damit sie den anderen neu – und erst so wirklich neu empfängt.

Etwas von dieser Bewegung scheint auch hier auf. Christus löst sich sichtbar aus der irdischen Sphäre. Aber gerade während er sich entzieht, richtet sich sein Blick auf die Frau mit dem Kind. Die eigentliche Verbindung entsteht nicht durch Berührung, sondern durch Blick und Hingabe.

Und nun geschieht das Erstaunlichste des ganzen Bildes. Die Herzogin streckt ihre Hände Christus nicht entgegen. Sie hält ihm vielmehr ein Kind entgegen. Diese Geste ist keine zufällige höfische Beigabe. Sie besitzt beinahe sakramentalen Charakter. Das Kind ruht noch völlig passiv auf ihren Armen. Es blickt nicht selbst. Es entscheidet nichts. Es argumentiert nicht. Es wird getragen. Darin liegt eine zu Herzen gehende Wahrheit.

Der Mensch begegnet Christus ursprünglich nicht als der selber irgendwie Handelnde, sondern als einer der – von anderen gegeben – Empfangene. Jeder Glaube beginnt damit, dass man durch jemanden oder etwas hingetragen wird.

Vielleicht geht die Symbolik noch tiefer. Das Kind ist nicht nur ein reales Kind. Es wird zum Bild jenes innersten Menschen, den wir gewöhnlich hinter unseren Rollen verborgen halten. Jeder trägt ein solches inneres Kind in sich: den ungeschützten Ursprung, die Fähigkeit zu vertrauen, die noch nicht von Berechnung beherrscht wird. Die Herzogin – wir wollen sie so nennen – bringt nicht ihren Besitz dar. Sie bringt sich selbst dar, und zwar in jener Gestalt, in der der Mensch vor Gott überhaupt nur erscheinen kann. Vielleicht will man sogar sagen, dass diese rätselhaft hohe Frauengestalt mit dem herzoglichen Wesen sich selbst beziehungsweise ihre Seele als Bild einer ursprünglichen Unschuld dem zum Himmel Reisenden „hinterherhält“.

So wird also die rechte Bildhälfte zur stillen Auslegung des Evangeliums: Wer in das Geheimnis der Himmelfahrt eintreten will, muss sich selbst als Kind bringen – mit anderen Worten – jeglicher Macht entsagen.

Während links die Apostel mit ausgestreckten leeren Händen noch zu greifen suchen und mit ihren Armen rudern, geschieht rechts die eigentliche Antwort. Dort wird nicht mehr gegriffen. Dort wird dargeboten. Das Seelen-Kind wird Christus gleichsam dargebracht, als wollte der Maler sagen: Was den Gottessohn in den Himmel davon trägt, das helfe nun auch unsere Menschhaftigkeit zu trage

Selbst der Hund unten links im Bild erhält in diesem Zusammenhang Bedeutung. In der abendländischen Ikonographie wohnen in der linken unteren Bildzone häufig die noch ungeordneten Kräfte der Natur. Tiere hier an diesem Platze erinnern an den Menschen, soweit er noch ganz Instinkt ist. Doch auch dieser Hund wendet sich vom Geschehen nicht ab. Er schaut in das Geschehen hinein. Auch die Kreatur wird in die Bewegung der Erlösung hineingenommen. Nicht nur der Mensch wartet auf Vollendung. Die ganze Schöpfung richtet ihren Blick auf Christus, der eben im Begriff ist, erhöht zu werden.

So entsteht eine eigentümliche Kreisbewegung. Die Apostel reichen unserer Gegenwart über den Riss die Hand. Die Herzogin gibt das Kind aus ihrer Hand. Der Hund richtet sich auf. Christus aber verbindet alles, indem er sich entzieht – und diese alle zu sich zu ziehen scheint. Gerade in seiner Entfernung wird er zum Mittelpunkt aller Beziehungen.

Vielleicht liegt hierin die tiefste Aussage dieses bemerkenswerten Himmelfahrtsbildes. Es erzählt nicht nur von einem Aufstieg in den Himmel. Es zeigt, wie der Himmel beginnt, die Zeiten miteinander zu verbinden. Vergangenheit und Gegenwart bleiben verschieden, aber sie werden von ausgestreckten Händen zu berühren versucht. Darum endet der christliche Glaube niemals im bloßen Erinnern. Er lebt davon, dass jede Generation das eigene Kind, den eigenen Anfang, die eigene Gegenwart unter den Blick des Himmelfahrenden stellt. Dann wird aus einer alten Geschichte ein gegenwärtiges Heilsgeschehen.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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