Weinstock und Reben
Dionysos und Christus

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Es gehört zu den interessanten Spannungen des Neuen Testaments, dass es seine tiefsten Wahrheiten nicht in abstrakten Begriffen, sondern in Bildern ausspricht, die viel älter sind als jede reflektierte Theologie und tiefer reichen als jede begriffliche Analyse. Wenn Christus sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15,1), dann spricht er in einer Sprache, die bereits lange vor ihm im religiösen Gedächtnis der Menschheit verankert gewesen ist. Der Weinstock ist kein zufälliges Bild; er gehört zu jenen Ursymbolen, in denen sich Leben, Fruchtbarkeit, Ekstase und Vergänglichkeit zugleich bündeln.
Im alten Kult des Dionysos erscheint der Wein als Medium einer eigentümlichen Transzendenz. Der Mensch trinkt, und indem er trinkt, verlässt er sich selbst; die Grenzen des Individuums lösen sich auf, das Ich wird durchlässig, ja es scheint, als ob eine andere Macht Besitz vom Menschen ergreift. Der vom Wein ermöglichte Rausch wird zum Gleichnis einer göttlichen Berührung. Doch bleibt diese Berührung ambivalent: Sie ist Erhebung und Entgrenzung, aber ebenso Verlust der Gestalt, Auflösung in das Formlose. Der Weinstock im dionysischen Kontext ist immer ein Symbol der Überfülle des Lebens gewesen und zugleich seiner Gefährdung. Fruchtbarkeit schlägt um in Maßlosigkeit, Leben in Zerstreuung; die Rebe bringt Frucht, aber sie kennt kein Maß, sie wuchert.

Hier setzt das Wort Jesu ein – und es wirkt zunächst wie eine Übernahme desselben Bildes, ist in Wahrheit aber eine radikale Umkehrung seiner Bedeutung. „Ich bin der wahre Weinstock.“ Dieses kleine Wort „wahr“ trägt die ganze Last der Unterscheidung. Es bedeutet nicht bloß: Ich bin auch ein Weinstock, sondern: In mir wird das Bild selbst in seine Wahrheit zurückgeführt. Der dionysische Weinstock entgrenzt das Leben; der christologische Weinstock ordnet es. Dort führt der Saft der Rebe in den Rausch, hier wird er zum Träger einer Beziehung. Die Rebe existiert nicht mehr als Ort der Selbstauflösung, sondern als Teilhabe an einer personalen Wirklichkeit.

Der entscheidende Satz lautet: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Das ist kein moralischer Appell, sondern eine ontologische Aussage. Der Mensch ist nicht einfach ein eigenständiges Wesen, das sich gelegentlich religiös ergänzt; er ist von seinem Grund her Beziehung. Wie die Rebe keinen eigenen Lebensstrom besitzt, sondern nur den des Weinstocks empfängt, so ist menschliches Dasein Teilnahme. Damit widerspricht dieses Bild der modernen Selbstdeutung, welche Autonomie als Selbstgenügsamkeit versteht; die Rebe ist gerade dort sie selbst, wo sie nicht aus sich selbst lebt.

Und die Rede vom Weingärtner führt ein weiteres Moment ein, das im dionysischen Kult keinen Platz hatte: die Unterscheidung. Fruchtbarkeit allein genügt nicht. Es gibt Frucht, die bestehen kann, und solche, die ins Leere wächst. Deshalb wird gereinigt, geschnitten, auch weggenommen. Diese Sprache ist hart und entzieht sich jeder sentimental-moralischen Abschwächung. Reinigung bedeutet hier nicht moralische Perfektion, sondern Freilegung des Wesentlichen. Das Überflüssige wird entfernt, damit das Leben sich konzentriert; der Schnitt am Weinstock ist kein Widerspruch zur Liebe, sondern ihre konkrete Gestalt im Bereich des Werdens.

In dem großen Bild „Christus im Olymp” von Max Klinger wird diese Spannung in eine eindringliche Szene übersetzt. Christus erscheint unter den Göttern des Olymp, also gerade dort, wo der dionysische Geist seine Heimat hat. Doch er erscheint nicht als einer unter vielen. Seine Gegenwart verändert den alten Raum des Olymps; die Götter wirken nicht mehr souverän, sie werden durchsichtig, als ob ihre Macht in Frage gestellt wäre – nicht durch Gewalt, sondern durch Wahrheit. Klinger zeigt keine triumphale Überwältigung, sondern eine stille Verschiebung der Wirklichkeit. Der Olymp bleibt, aber er verliert seine Selbstverständlichkeit. In diesem Sinne ist Christus nicht der Gegner des Dionysischen, sondern dessen Erfüllung und zugleich dessen Gericht. Er nimmt die Sehnsucht nach Leben, nach Ekstase, nach Überschreitung auf, aber er führt sie aus der Unbestimmtheit in die Form der Beziehung zurück.

Der zentrale Imperativ des Textes aus dem Johannesevangeliums lautet: „Bleibet in mir.“ Dieses Bleiben ist keine statische Ruhe, sondern eine dynamische Verwurzelung. Es meint nicht Stillstand, sondern Dauer in der Bewegung; die Rebe wächst, gerade weil sie bleibt. Philosophisch gesprochen ist das Sein des Menschen kein isoliertes Subjektsein, sondern ein In-Sein, ein Sein, das nur im Mit-Sein seine Wahrheit findet. Das Bleiben ist daher kein Rückzug aus der Welt, sondern die Bedingung dafür, in der Welt überhaupt wirksam zu sein. „Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht“ – und diese Frucht ist nicht primär moralische Leistung, sondern Ausdruck eines gelingenden Seins.

Der Text verschweigt nicht die Möglichkeit des Abbruchs: die verdorrte Rebe, das Feuer. Diese Bilder sind schwer erträglich, weil sie dem modernen Bewusstsein, das jede endgültige Unterscheidung vermeiden möchte, entscheidend widersprechen. Doch das gehört zur inneren Logik des Bildes. Eine Rebe, die nicht dem Wachstum verbunden ist, lebt nicht einfach anders; sie lebt gar nicht. Das Feuer ist kein äußerliches Strafmittel, sondern die Konsequenz eines Lebens, das sich von seiner Quelle getrennt hat.

So führt das Bild vom Weinstock in eine Theologie der Teilhabe. Leben erscheint nicht als Besitz, sondern als Empfang; Fruchtbarkeit nicht als Leistung, sondern als Folge der Verbindung. Der dionysische Mensch sucht die Ekstase, um sich zu verlieren, der christliche Mensch empfängt das Leben, um sich selbst zu finden. Zwischen beiden steht das Bild des Weinstocks – einmal als Symbol der Entgrenzung, einmal als Gestalt der Wahrheit. Darin liegt seine bleibende Kraft: dass es den Menschen nicht auf sich selbst zurückwirft, sondern ihn hineinzieht in eine Wirklichkeit, die größer ist als er selbst und zugleich sein innerster Grund.

Max KLinger: Christus im Olymp (in der Mitte Christus mit Psyche und Dionysos mit dem Weinkelch)
Autor:

Matthias Schollmeyer

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