ADIEU
Abschied und Musik

Hauptmann und Soubrette unter dem Kreuz Christi

Es gibt einen Punkt, an dem zwei scheinbar ungleiche Texte sich einander zuzuneigen beginnen. Als erstes das geistliche Bekenntnis in der Arie 65 aus der Matthäuspassion und zweitens ein salonhaftes Abschiedslied. Beide sind sauber getrennt durch Rang, Form und Anspruch. Aber unter „musikalischer Einwirkung“ nähern sie sich uns ähnlich. Man müsste nur genauer hinhören wollen - und das eigene Empfinden ernst nehmen.

Die Arie „Mache dich, mein Herze, rein“ aus der Matthäus-Passion, komponiert von Johann Sebastian Bach, spricht eine Sprache der inneren Sammlung. Das Herz wird angesprochen, nicht als sentimentales Organ, sondern als Ort der Entscheidung. „Ich will Jesum selbst begraben“ – das ist kein bloßes Gefühl, sondern ein Entschluss, eine Bewegung des ganzen Menschen bis hinab in das Mysterium des Todes. Hier wird Abschied nicht als Verlust, sondern als Übergang gedacht, als Einwilligung in eine Begegnung, die zugleich kultisch und existentiell ist. Das Subjekt tritt von seinen Alltagsgewohnheiten zurück, um an einer größeren Wirklichkeit teilzuhaben.

Und dann die andere Musik: „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“. Ein Lied, das im Raum der Operette oder des Salons zirkuliert, leicht, beinahe flüchtig, und doch durchzogen von einer Wehmut, die sich nicht einfach wegironisieren lässt. Hier spricht das Herz als Ort der Einsicht, bekannte Bindungen enden lassen zu müssen. Der Abschied ist persönlich, zart, fast kokett – und dennoch unwiderruflich. Der Geliebte geht, und mit ihm verschiebt sich die Ordnung der Welt, wenigstens für die Dauer des Liedes.

Man ist natürlich versucht, die beiden Lieder mit ihren Texten streng voneinander zu scheiden: hier die Theologie, dort die Unterhaltung; hier das Heilige, dort das Sentimentale. Aber diese Trennung hält nur so lange, wie man die Texte beim ersten Lesen überfliegt. Sobald sie gesungen werden, beginnt etwas anderes.

Die Musik – und hier berühren sich der frühe Nietzsche und Richard Wagners Überlegungen zur Sache in wohltuender Konvergenz – ist keine bloße Verzierung des Wortes, sondern dessen Verwandlung. Sie zwingt die Zeit seines Erklingens und die Dauer der Töne in eine gemeinsame unauflösbare Form, sie dehnt, verdichtet, wiederholt, steigert. Was im Text nur gesagt wird, wird in der Musik erlebtes Ereignis. Und dieses Erleben ist von eigentümlicher Gewalt: Es greift tiefer als das begriffliche Verstehen, es organisiert die Affekte, es zwingt das Innere zur Eigenschwingung.

Nietzsche hat es so zu verstehen gewagt: Hier spricht das Dionysische, jene vor-begriffliche Macht, die den Menschen aus seiner Vereinzelung löst und ihn in einen Strom hineinbittet, der älter ist als jede Moral. Und der Abschied im Operettenlied ist dann nicht mehr bloß ein kleiner, privater Schmerz, sondern eine Variation jenes großen Motivs des Verlustes, das das Leben selbst immer durchziehen wird. Die gemeinte Arie bei Bach ist nicht nur Ausdruck lutherischer Frömmigkeit, sondern eine andere Gestalt jenes gleichen Stroms – gebändigt, geordnet und in die Form des Kultus gebracht.

Richard Wagner wusste wohl, dass die Musik das im Text eingeschlossene Drama erst eigentlich hervorzubringen vermag. Nicht der Text „Ich will Jesum selbst begraben“ ist entscheidend, sondern die Weise, wie er erklingt: getragen, ernst, von einer Harmonik, die den Hörer in einen Raum eintreten lässt, in welchem der Tod nicht mehr bloß Negation ist, sondern gespannte Erwartung. Ebenso im scheinbar leichten Lied: Die Melodie im 12/8-Takt, hebt den Abschied aus dem bloß Faktischen heraus und macht ihn zu einem Ereignis, in dessen Bedeutung man zugleich hinein und wieder heraus schreitet.

Und hier, an dieser Stelle, lässt sich die Einsicht formulieren, wie Musik nicht einfach Emotion ist, sondern eine Weise der Wahrheit. Sie erschließt eine Dimension des Wirklichen, die dem bloßen Begriff verschlossen bleibt, ihn selbst aber umschließt. Wenn das Herz sich „rein macht“, dann geschieht das nicht nur durch einen Willensakt für eine Handlung, sondern durch ein sich passiv geschehendes Überlassen – und diese Einstimmung ist musikalisch. Gerade auch, wenn die Geliebte „Adieu“ sagt, wird dieses Wort erst in der Melodie das, was es ist: ein Loslassen, das zugleich ein Festgehalten-Bleiben werden darf …

So kommt es, dass beide Stücke – das geistliche und das weltliche – auf denselben Saiten unserer Seele spielen. Sie rühren an jene Zone im Menschen, in der Abschied nicht nur Verlust, sondern Form gewinnt. Die Musik zwingt die Zeit, sich als „Herzensdauer” offenbaren zu wollen (wie wollte man das anders mit Worten ausdrücken?).
Die Musik hält die entfliehenden Augenblicke fest und verewigt sie in den Arealen der lebendigen Erinnerung. Jedes Mal, wenn die Arie 65 der Matthäuspassion erklingt, wird der Karfreitag gegenwärtig; jedes Mal, wenn das Operettenlied sein „Adieu”hören lässt, kehrt der Abschied zurück, als Erinnerung und damit als Ereignis. Und wenn man es selber singt - die Arie oder das Adieu (bzw. beides!) erhebt sich die stille und unheimliche Macht der Musen Euterpe, Melpomene und Polyhymnia: Sie heben das Vergangene aus der Vergangenheit heraus und setzen es in die lebendige Gegenwart als lebendiges Wesen ein, als wäre es jetzt. Und vielleicht liegt genau darin das Verbindende der beiden auf den ersten Blick so ungleich erscheinenden Texte. Diese zeigen beide, wie wir Menschen Wesen sind, die Abschiede nicht einfach hinnehmen müssen, sondern sie gestalten dürfen – und dass die Musik jenes Medium bleibt, mit welchem diese Gestaltung ihre tiefste und wirksamste Form findet.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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