Tücher wehen in der Luft
Burg und Fluss
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Merseburg, Naumburg, Röcken und Pobles. Das sind einige jener Orte, welche nicht nur der altgewordene Thgeologiestudent gern besucht. Da steht man dann vor diesem bekannten Rabenkäfig des Bischofs Thilo von Trotha, studiert die Zaubersprüche der am Fluss gelegenen Stadt Heinrich II. Macht in der weiten Halle des Naumburger Doms vor Uta und Gerburg staunend Halt und schaut südlich bei der Rudelsburg in den lieblichen Strom. Schließlich noch der Besuch bei dem Hammer-Philosophen, der in Röcken bei Lützen geboren wurde und dort auch begraben liegt. Unter schwerem Stein ruht dieser Mann, der dem Tod Gottes nachzudenken versuchte, - ruht dort aus von aller Denkarbeit, dass er nie wieder hervor dringe. Aber - der Geist von Bruder Fritz lebt längst unauslöschlich in den Labyrinthen aller wirklich philosophischen Gedanken. Und hat er diese ernste Wissenschaft nicht zur fröhlichen gemacht - zu dem gemacht, was sie heute ist? Nämlich ein staunendes, kritisch-entsetztes Fragen unter dem Blicke der Unendlichkeit. Auch ein kleiner Abstecher in das nahegelegene Pobles ist zu empfehlen, wo der Großvater Friedrich Wilhelm Nietzsches sein Pfarramt versah - denn von keinem anderen war eben die Rede, als von diesem - ist zu empfehlen. Dort stimmen wir, obwohl die Saale von diesem verschwiegenen Orte nun schon etwas weiter entfernt fließt, in das alte Volkslied „An der Saale hellem Strande” ein, das mit seiner Melancholie jeden einigermaßen empfindsamen Menschen zu Tränen rühren kann. In Pobles stehen wir an der spätgotischen Kirche St. Gangolf. Inzwischen ohne Dach, ohne Turmhaube - aber der Grabstein des alten Philosophen-Großvaters ist noch da, schief steht er auf der alten Mutter Erde wie ein unbezingbarer Krieger. Und - das ist eigenartig - der Name des Bücher schreibenden Enkels ist ebenfalls dort mit vermerkt. Beherzte Leute haben das von der Zeit zerfressene Gotteshaus dem üppigen Busch- und Baumwerk entrissen, haben es auf liebevolle Weise wieder vorzeigbar gemacht und für Alles das sogar ein Wort gefunden. Wofür? Für das, was dieser kleine Artikel beschreiben will. Das gefundene Wort heißt "Kaisersaschern" und führt uns in die nähere Brunnen- und Traumwelt Thomas Manns, der uns im Dr. Faustus-Roman "Altdeutschland" hat beschreiben wollen, liebevoll und zugleich mit dem kundig-ironischen Blick auf all die genialischen Menschen, die daselbst einmal gelebt, komponiert, gedacht und gelitten haben. Auch den entsetzlich schrecklichen tritonischen Missakkord hat der Mann von überseeischem Exil aus beschrieben. Das Fiasko mit dem das Ganze in den vierziger Jahren so elend geendet ist.
„Tücher wehen drüber hin”, so ähnlich lautet die letzte Zeile des Saale-Strand-Liedes. Und der schwarze Vogel, der damals den Ring gestohlen hatte, sitzt zu Merseburg an der Saale als Artgenosse inkarniert immer noch im Käfig. Kennt er die Auflösung böser Zaubersprüche? Und kennt er die Kraft der guten Segensworte für Volk, Vaterland und die ganze liebe Erde? Denn die Vögel müssen klug sein. Schwarze sowieso. Die Glocken des Domes indes lassen seit Jahrhunderten ihren Wohlklang über die träge fließenden Wasser verschweben und spiegeln die Türme der am Strande stehenden Gotteshäuser - freilich seitenverkehrt - in der heiligen Flut.
An der Saale hellem Strande
stehen Burgen stolz und kühn;
ihre Dächer sind zerfallen,
und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.
Zwar die Ritter sind verschwunden,
nimmer klingen Speer und Schild;
doch dem Wandersmann erscheinen
in den altbemoosten Steinen
oft Gestalten zart und mild.
Droben winken holde Augen,
freundlich lacht manch roter Mund;
Wandrer schaut wohl in die Ferne,
schaut in holder Augen Sterne,
Herz ist heiter und gesund.
Und der Wandrer zieht von dannen,
denn die Trennungsstunde ruft;
und er singet Abschiedslieder,
Lebewohl tönt ihm hernieder,
Tücher wehen in der Luft.
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„An der Saale hellem Strande“
Text: Franz Kugler (1826)
Melodie: Friedrich Ernst Fesca
Autor:Matthias Schollmeyer |
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