PHILOSOPHEN VORGESTELLT
TIER UND TELLER

Der Göttinger Philosoph Leonard Nelson formulierte einen Gedanken, der heute zu den Grundüberzeugungen vieler Tierethiker gehört. Tiere, so sagt er, hätten ein eigenes Interesse am Leben. Und um zu entscheiden, ob sie Rechte besitzen, müsse man sich lediglich fragen, ob wir selbst bereit wären, von einem überlegenen Wesen als bloßes Mittel für dessen Zwecke benutzt zu werden. Leonard Nelson (1882–1927) war ein deutscher Philosoph, Mathematiker, Logiker und Sozialethiker. Er gehört zu den bemerkenswerten, heute aber vergleichsweise wenig bekannten Denkern des frühen 20. Jahrhunderts.

Nelsons oben kurz umrissener Gedanke besitzt Kraft. Er trifft das Gewissen. Er erinnert den Menschen daran, dass Macht allein kein Recht begründet. Wer stärker ist, gewinnt dadurch noch keine moralische Legitimation. Die Geschichte der Menschheit selbst ist voller Beispiele dafür, wie die Herrschaft des Stärkeren in Unrecht umschlug. Könnte nicht - gleich nachdem Sie diesen Beitrag gelesen haben -  tatsächlich ein noch mächtigeres Wesen erscheinen, das uns gegenüber dieselbe Stellung einnähme wie wir gegenüber den Tieren? Dann wären wir sein Futter ...

Die christliche Tradition hat die Sache anders gesehen. Sie hat nie behauptet, der Mensch sei deshalb höhergestellt, weil er stärker oder klüger wäre. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt nach ihrem Verständnis nicht in einer größeren Menge von Fähigkeiten, sondern in einer anderen Weise des Seins. Der Mensch ist das Wesen, das nach Wahrheit fragt. Er weiß um seine Sterblichkeit. Er kann beten. Er kann sich selbst zum Gegenstand seines Denkens machen. Er trägt Verantwortung. Er steht vor Gott.

Der biblische Satz von der Gottesebenbildlichkeit ist deshalb keine Auszeichnung, die der Mensch sich verdient hätte. Er bezeichnet eine Berufung. Der Mensch ist angesprochen. Er lebt nicht nur. Er weiß, dass er lebt.

Damit entsteht allerdings sofort eine zweite Einsicht, die in modernen Debatten oft verlorengeht: Wer die Sonderstellung des Menschen betont, erhält dadurch keinen Freibrief zur Grausamkeit.

Im Gegenteil.

Gerade weil der Mensch die Schöpfung verstehen kann, wird er ihr gegenüber verantwortlich. Die Bibel kennt kein Verhältnis des Tyrannen zu seinen Untertanen. Adam erhält den Auftrag, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Herrschaft bedeutet hier Fürsorge. Die Macht des Menschen ist treuhänderische Macht.

Das Tier besitzt nach christlichem Verständnis vielleicht kein personales Recht im selben Sinne wie der Mensch. Aber es besitzt Würde als Geschöpf Gottes. Es ist eher da, als der Mensch. Es ist gewollt, bevor es dem Menschen nützt. Es hat seinen Platz im Lobpreis der Schöpfung. Der Psalmist lässt Berge, Bäume, Vögel und Tiere gemeinsam den Schöpfer preisen.

Daraus ergibt sich eine Haltung der Ehrfurcht.  Die Geschichte Israels, die Praxis Jesu und die gesamte christliche Tradition beantworten diese Frage grundsätzlich mit Ja. Christus selbst nimmt am Passamahl teil. Die Apostel kennen keinen Vegetarismus als religiöse Pflicht. Die Kirche hat nie gelehrt, dass der Verzehr von Tieren an sich unmoralisch sei.

Die eigentliche Frage lautet: Wie darf er es tun? Hier beginnt das Gewissen sich zu melden. Eine Kultur, die Tiere lediglich als Produktionsmittel betrachtet, verletzt etwas Wesentliches. Wer Lebewesen auf bloße Waren reduziert, verlernt allmählich auch den Blick für die Geheimnisse des Lebens überhaupt. Die industrielle Massentierhaltung ist deshalb nicht einfach ein technisches oder wirtschaftliches Problem. Sie ist ein geistliches Problem. Sie verrät eine Sicht der Welt, in der alles nur noch Material für Bedürfnisse wird. Der Mensch meint, er darf Tiere essen. Aber - er darf nie vergessen, dass er Geschöpfe isst.

Zwischen einem Jäger, der nach alter Weise ein Wildtier erlegt und dessen Leben achtet, und einer anonymen Industrieanlage liegen Welten. Nicht die Tatsache des Tötens allein entscheidet über die Moralität einer Handlung. Entscheidend ist das Verhältnis zur Wirklichkeit, aus dem sie hervorgeht.

Zurecht ist oft darauf hingewiesen worden, dass die moderne Welt an einer tiefen Krise leidet: Sie verliert die Fähigkeit, die Schöpfung als Gabe zu sehen. Wo alles nur noch Objekt wird, verroht der Mensch innerlich. Das gilt gegenüber der Natur, gegenüber Tieren und schließlich auch gegenüber Menschen.

Der Gedanke Nelsons enthält daher eine wichtige Mahnung. Das Tier ist kein Ding. Sein Leben ist kein wertloser Rohstoff. Sein Leiden ist moralisch relevant.

Freilich folgt daraus nicht, dass Mensch und Tier auf derselben ontologischen Ebene stehen.

Der Mensch besitzt eine einzigartige Stellung innerhalb der sichtbaren Schöpfung. Gerade deshalb trägt er eine einzigartige Verantwortung für alles Lebendige. Die Würde des Menschen und die Achtung vor dem Tier wachsen aus derselben Wurzel: aus dem Glauben an einen Schöpfer, der beide gewollt hat.

Wer Tiere isst, steht daher vor einer Aufgabe, die weit über Ernährung hinausgeht. Er muss lernen, Dankbarkeit mit Maß zu verbinden. Das Tischgebet der alten Christen erinnert an eine Wahrheit, die heute leicht vergessen wird: Auch das Fleisch auf dem Teller war einmal Leben.

Eine Kultur, die diesen Gedanken verliert, verliert mehr als nur ihre Ehrfurcht vor den Tieren. Sie verliert ihre Ehrfurcht vor der Schöpfung selbst. Wer das begriffen hat - wirklich und leibhaftig begriffen hat - wird seine Ernährungsgewohnheiten umstellen. Erst zaghaft. Und eines Tages mit allen Konsequenzen. Und is(s)t damit auf dem richtigen Weg.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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