Stiftskirche in Gernrode
Licht kommt aus dunkler Nacht
- Das Heilige Grab von Gernrode
- Foto: Foto: epd-bild/Frank Drechsler
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Die Stiftskirche in Gernrode am Harz gilt nicht nur als älteste stilecht erhaltene Kirche aus ottonischer Zeit in Mitteldeutschland. Zugleich beherbergt St. Cyriakus mit dem um 1100 entstandenen Heiligen Grab auch den ältesten Nachbau des Grabes aus der Jerusalemer Auferstehungskirche in Deutschland. Seit 1989 pflegt die Gemeinde zum Osterfest eine Tradition, die wohl auch bis in diese Zeit zurückreicht.
Von Thomas Nawrath
Von dieser langen Tradition sind zumindest Pfarrer Andreas Müller und Kantor Eckhart Rittweger überzeugt. Denn erst im Zusammenspiel mit dem Heiligen Grab macht die zu DDR-Zeiten wiederentdeckte Liturgie eines mittelalterlichen Osterspiels wirklich Sinn. Darauf deuten ihrer Ansicht nach auch einige althochdeutsche und lateinische Worte in der Liturgie hin, erklärt Müller.
In den Tagen unmittelbar vor dem Osterfest gab es mehrere Proben in der kühlen Stiftskirche. Dabei ging es vor allem um das rechte Schrittmaß, erläutert Kantor Rittweger. Und dass die Schritte mit dem Gesang im Einklang bleiben. Am Ostersonntag sind die Darsteller in lange, cremefarbene Gewänder mit roten Schärpen gekleidet. Wie vor 500 oder gar 900 Jahren.
Das Osterspiel beginnt noch in absoluter Dunkelheit um 6 Uhr in der Früh. Da ist die Kirche längst bis zum letzten Platz gefüllt. Vielleicht 300 oder noch mehr Menschen aus Nah und Fern wollen dabei sein, miterleben, wie die Finsternis Raum greift – ehe das göttliche Licht des Lebens aus dem Heiligen Grab hervorbricht.
Wenn die Sänger in Doppelreihen in die romanische Basilika einziehen, intonieren sie das mittelalterliche "Libera nos Domine" – Befrei uns, Herr. Das Miteinander hoher, klarer Frauenstimmen und der kräftigen Bässe der Männer hallt noch länger im dunklen Kirchenraum wieder. Es folgen die Lesung des Gottesknechtliedes aus dem Jesajabuch (Jesaja 52,13-53,12) und Orgelklänge zur Auferstehung.
Während Pfarrer Müller im weißen Gewand mit brennender Osterkerze aus dem Grab tritt, erschallt der Gesang des Kantors "Der Herr ist auferstanden!" – und die Gemeinde antwortet vielstimmig "Christus ist auferstanden!" Das Licht der Kerze wird darauf an zwei Engel weitergegeben, während die Darsteller des Osterspiels "Lumen Christi, Deo Gracias" – Licht Christi – Dank sei Gott" – intonieren und durch die gesamte Kirche wandeln.
Erst danach kommt die bekannte Begebenheit mit den Frauen am Grab, die sich noch sorgen, wer ihnen den Stein vom Grab wegwälzen wird. Als ihnen ein Engel begegnet und ihnen zuspricht "Fürchtet euch nicht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden." Schließlich kommen auch zwei der Jünger, um sich verwundert vom leeren Grab und den abgelegten Tüchern zu überzeugen.
- Das Osterspiel in Gernrode fußt auf einer mittelalterlichen Liturgie.
- Foto: Foto: Jürgen Meusel
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Während der Chor der Darsteller sich vor den Stufen zum Altar im Halbkreis versammelt, folgen der Kyriegesang, Fürbitten und das Vaterunser. Mit dem gemeinsamen Gesang "Laudate, Omnes Gentes" – Lobsingt, ihr Völker alle – wird schließlich die Lichtausteilung eingeleitet: Engel und Chor geben ihr Licht weiter an die vielen hundert Kerzen der Gottesdienstbesucher, sodass die Cyriakuskirche schnell im flackernden Kerzenlicht ganz eigentümlich aufstrahlt.
Mit der Aufforderung, das Licht der Auferstehung auch dorthin zu bringen, wo die beweinten Verstorbenen ruhen, zieht die gesamte Gottesdienstgemeinde mit brennenden Kerzen und dem Laudate-Gesang aus der Kirche zum nahe gelegenen Friedhof.
Das alte Osterspiel nimmt Alt und Jung gleichermaßen gefangen. Die Finsternis der Gottesferne nach Jesu Kreuzestod wird durch das gemeinsame Erleben in der nächtlichen Kirche ganz eindrücklich. Ebenso die Freude über die Ausbreitung des Lichtes als Zeichen für die Überwindung des Todes durch den auferstandenen Christus. Auch die Gemeinschaft beim anschließenden Osterfrühstück ist vielen Gästen wichtig.
Übrigens: Um das mehr als 900 Jahre alte Grab vor Beschädigungen durch die Feuchtigkeit unserer Atemluft zu schützen, hat die Gemeinde eine exakte 3D-Simulation des Grabinneren anfertigen lassen. So kann man sich die faszinierenden Details der Figuren im Grabinneren genau in Augenschein nehmen und so die Mystik des Heiligen Grabes nachwirken lassen. Der Herr ist auferstanden!
Autor:Online-Redaktion |
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