Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt
Kraft, Liebe, Besonnenheit
- Der Magdeburger Domplatz kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung. Im Hintergrund der Landtag von Sachsen-Anhalt.
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Sonntagmorgen in Köthen. Die Sonne wärmt den Marktplatz. Die Kirchengemeinde hat zum Kantatengottesdienst anlässlich der Bachfesttage in die St. Jakobskirche eingeladen.
Von Willi Wild
Vielleicht ist es genau das Richtige, den Wahlsonntag mit etwas Schönem, Ermutigendem zu beginnen. Wer weiß, was kommt.
Schon der Lehrtext der Herrnhuter Brüdergemeine scheint auf diesen Tag vorzubereiten: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Tim1,7) Dazu dann noch die Musik des „fünften Evangelisten“ aus der Bachkantate 30, „Freue dich, erlöste Schar, freue dich in Zions Hütten! Dein Gedeihen hat itzund einen rechten, festen Grund“.
Kirchenpräsident Karsten Wolken meinte: „Es ist, als spräche Gott zu uns.“ Die Zachäusgeschichte lag dem Predigttext zugrunde. Es geht um Umkehr, in Bewegung sein, um Ankommen und in Verbindung bleiben. Themen, um die es vor der Wahl ging, die am Wahlsonntag eine Rolle spielen und die nach einem Auftrag klingen, der über den 6. September hinausweist.
Ortswechsel. In der Magdeburger Innenstadt sieht man am Nachmittag nur vereinzelt Menschen. Auf dem Domplatz, wo am Vortag noch bis zu 15 000 Menschen ein Demokratiefest gefeiert haben, wird eine Aktion vorbereitet. „Wir bleiben bunt“ steht auf großen Lettern zu lesen. Cafés haben die Stühle rausgestellt. Dazwischen Polizei. Der Eingang zum Landtag ist vorsorglich abgesperrt. Der Dom auf der gegenüberliegenden Seite ist geöffnet.
Bis auf den letzten Platz besetzt ist der „Orgelpunkt“ um 16 Uhr. Anna Haberkorn (Klarinette) und Norbert Düchtel (Orgel) musizieren. Ein Ruhepunkt zur Einkehr und dem stillen Gebet. Die Resonanz sei immer so gut auf die Reihe am Sonntagnachmittag, erklärt Helga Fiek, Vorsitzende des Domgemeindekirchenrates. Die Prädikantin führt die Besucher in die Veranstaltung ein. Mit Blick auf die Landtagswahl liest auch sie den Mutvers des Lehrtextes aus dem Timotheusbrief.
Ob denn der Dom nach 18 Uhr für Menschen, die sich zum Gebet oder Andacht versammeln wollen geöffnet sei? „Leider nicht“, meint Helga Fiek. Aus Sicherheitsgründen und wegen Personalmangels habe man sich entschieden, den Dom um 18 Uhr zu schließen. Am Tag nach der Wahl gebe es aber Gelegenheit zum Abendgebet. Andere Kirchen wurden indes geöffnet. In Köthen hatte die Kirchengemeinde um 18 Uhr zum gemeinsamen Wahlabend ins Foyer der St. Jakobskirche eingeladen. Um 20 Uhr gab es dann die Möglichkeit zur Andacht und zum Gebet.
Bis 18 Uhr hatte sich dann der Magdeburger Domplatz gefüllt. Die Spannung bis zur ersten Hochrechnung war spürbar. Kamerateams, Polizisten, Aktivisten von DGB, Greenpeace, Bündnis „Soziales Magdeburg“ und „Omas gegen Rechts“, Passanten, ein Mann mit einer Deutschlandfahne. Als das Ergebnis der Hochrechnung bekannt wurde, erst mal betretenes Schweigen. Aus dem Protestbus „Adenauer SRP+“ vom „Zentrum für Politische Schönheit“ kommt Sirenengeheul und Rauch einer Nebelmaschine.
EKM-Landesjugendpfarrer Peter Herrfurth will sich von dem Wahlergebnis nicht entmutigen lassen: „Hoffnung gibt mir, dass Menschen hier zusammenhalten. Was mir Mut macht, ist, dass wir im Bündnis ‚Sachsen-Anhalt weltoffen‘, bei dem ich mitwirke, mit über 300 Organisationen gemeinsam unterwegs sind, obwohl wir zum Teil konträre Ansichten haben.“
Auf der Magdeburger Messe startet pünktlich zur ersten Hochrechnung das Karussell der Spitzenkandidaten. Bei ARD, ZDF, MDR, RTL und diversen Radiostationen geben sich die Politiker die Klinke in die Hand. EKM-Landesbischof Friedrich Kramer soll im „ARD Brennpunkt“ auf das Wahlergebnis aus Sicht der Kirche reagieren. „Dass wir nicht besonders fröhlich sind, sieht man mir an“, kommentiert er den Wahlausgang. „Aber wir sind da, wir bleiben da, wir sind in jedem Dorf, die Kirche bleibt im Dorf, und wir werden uns für gemeinschaftliches Miteinander einsetzen“, so Kramer im TV.
Im Anschluss an das Interview betont der Leitende Geistliche gegenüber der Kirchenzeitung, dass die Werte der Kirche auch jetzt nicht zur Wahl stünden. „In mir spüre ich gerade Ernüchterung, aber auch Kampfeslust und Trotz, so wie es heute im Lehrtext der Losungen geschrieben steht.“ Christen seien andererseits zur Feindesliebe aufgefordert und müssten menschlich im Umgang bleiben.
Autor:Willi Wild |

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