Forscher: Luther als Reiseprediger
Wortgewaltig und überzeugend

Eine Handreichung: So betrachtet der Kirchenhistoriker Roland M. Lehmann selbst seine Habilitation über Luthers Wanderpredigten.
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  • Foto: FSU Jena/Anne Günther
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Von Doris Weilandt

Roland M. Lehmann ist Kirchenhistoriker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und war lange Zeit Pfarrer am Naumburger Dom. In eigenen Predigten hat er sich viel mit theologischen Fragen beschäftigt, Bibeltexte veranschaulicht und Lutherlieder ausgelegt. „Die Predigt ist eine besondere Form der Rede, in der sie alle epischen und lyrischen Gattungen verarbeiten können; man kann eine Predigt als Brief, Erzählung, Gedicht oder Märchen gestalten“, sagt Lehmann im Interview. „Dabei können sie faszinierenderweise die Gefühle der Menschen direkt ansprechen, auch wenn sie in ganz andere virtuelle Welten eintauchen, vom Blick des Astronauten auf die Erde bis hin zu den Gedanken eines Tiefseetauchers am Meeresgrund“, so der Theologe.
Lehmann hat an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Theologie und Philosophie studiert. Den Ausschlag für die Wahl des Studienortes gab der Hallenser Systematiker Ulrich Barth. Unter dessen Betreuung als Doktorvater wurde er über „Die Transformation des Kirchenbegriffs in der Frühaufklärung“ promoviert. Seit acht Jahren arbeitet er als Kirchenhistoriker am Jenaer Lehrstuhl für Kirchengeschichte unter der Leitung von Christopher Spehr. Jetzt liegt seine Habilitations-Schrift „Reformation auf der Kanzel. Luther als Reiseprediger“ als Buch mit einem Umfang von über 600 Seiten vor.
An diesem Werk hat Lehmann fast ein Jahrzehnt gearbeitet. Anders als er selbst, hat der Wittenberger Reformator seine Predigten nicht verschriftlicht, sondern meist nur Bibelzitate auf Zettel notiert und davon ausgehend seine theologischen Gedanken entwickelt. Von den etwa 3000 Predigten, die Luther gehalten hat, sind rund 2000 überliefert. Mitgeschrieben wurden sie vor allem durch seinen Sekretär und Chronisten der Wittenberger Reformation, Georg Rörer. Dessen Aufzeichnungen kamen mit dem gesamten Nachlass an die Universitätsbibliothek Jena und sind in der Weimarer Luther-Ausgabe transkribiert.
Für seine Forschung interessierten den Jenaer Kirchenhistoriker insbesondere die Predigten Luthers, die er außerhalb Wittenbergs in Gottesdiensten hielt. Insgesamt sind 99 dieser Predigten und Kasualreden zu besonderen Anlässen wie Taufen und Hochzeiten inhaltlich überliefert. Von etwas mehr als der Hälfte hat Lehmann den Kontext rekonstruiert. Doch auch auf die Entwicklung des Reformators als Prediger geht er in seinem Buch ein: „Als junger Mönch hat Luther seine Grenzen bewusst ausgetestet. In seinen allerersten Versuchen predigte er noch sehr intellektuell-scholastisch, er konnte in dieser Phase aber auch hochemotional von der Kanzel sprechen“, so Lehmann. Später habe er es geschafft, die Schriftauslegung mit persönlicher Erfahrung und tagesaktuellen, regionalen Ereignissen zu verknüpfen.
Nach den Wittenberger Unruhen wollte Luther nicht nur durch Schriften, sondern auch durch Predigten sein Werk direkt unter das Kirchenvolk bringen. So reiste er 1522 als „Missionar“ durch ernestinisch-sächsische Gebiete, um seine reformatorischen Ansichten zu verbreiten. In Lehmanns Buch kann Luthers gesamtes Wirken als Prediger im mitteldeutschen Raum mit Angabe zu Ort, Zeit und Thema nachgeschlagen werden. Hierzu erstellte er erstmalig ein Register, das für die weiterführende Lutherforschung von großer Bedeutung ist. Er betrachtet seine Arbeit auch als Handreichung, die eigene regionale Reformationsgeschichte vor Ort zu entdecken. Viele Facetten kommen dabei zum Tragen: Luther als Streit-, Missions-, Umland- und Hofprediger.
Bis kurz vor seinem Tod hat Luther noch auf der Kanzel gestanden. Seine letzten Predigten hielt er in Eisleben. Dabei geht die Forschung davon aus, dass Luthers letztes Kanzelwort die „Vermahnung wider die Juden“ (1546) sei. Darin ermahnte er die Juden, Christus als ihren Messias anzunehmen und sich taufen zu lassen. Andernfalls drohe die Vertreibung. Lehmann widerspricht dieser gängigen Datierung: „Ich bin der Meinung, dass dies nicht Luthers letzte Worte auf der Kanzel waren“. Die „Vermahnung“ sei in einem Sammelband mit den anderen Eislebener Predigten als Anhang ganz am Ende abgedruckt worden. Deshalb entstand die Hypothese vom jüdischen Mahnwort als Luthers letzter Kanzelpredigt, was aber anhand von Luthers Briefwechsel widerlegt werden könne.

Lehmann, Roland M.: „Reformation von der Kanzel. Martin Luther als Reiseprediger“, Mohr Siebeck, 631 S., 978-3-161596902; 124,00 Euro

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