PASSIONSGESCHICHTEN (14)
VON DEM PALMZWEIG

Palmzweig - Kirche zu Reinsdorf (bei Wittenberg)

Mit pünktlicher Verspätung zum und nach dem Palmsonntage nun doch noch dieser winzige Zweig - aufgelesen in der Kirche zu Reinsdorf - einem kleinen Dorf nahe Wittenbergs, wo sie alle waren: Luther, Melanchthon, Cranach, Ebner, Reinhold, Rheticus, Bugenhagen, Kepler. Leute, die in jener Zeit, als Europa in einen nördlichen protestantischen Teil und einen südlich-katholischen zerbrechen musste, Wahrheit suchten und versuchten, deren ewige Fiktion nach eigenem Gusto sich zuzurichten.
Die Zeit ging darüber hinweg - es kam schließlich der Dreißigjährige und zerstörte viel - mancherorts alles. Dann nahte die fröhliche Zeit des Barock. Nach dem großen Krieg schmückte man (manchmal Hals über Kopf, aber immer mit bewährten Motiven aus der Vergangenheit) die vielfach verlassen daliegenden und für Jahrzehnte zerstörten Kirchen neu mit Bild und Skulptur aus.

Solche Palmwedel - wie oben dargestellt - sollen dem in Jerusalem einziehenden Jesus zugewinkt haben - und die weichen Hufe des Esels zertraten sie nicht, sondern schritten leichtfüßig darüber hinweg. Ja - ein Hauch Ägypten mutet uns an, wenn wir die Reinsdorfer Kirche betreten - winzig ihr Haus, im Osten ganz  angefüllt mit Rankenschleierwerk goldener Phantasievegetation. Mag sogar sein, dass sich das Schwimmkörbchen Moses daraus noch hervorziehen lässt und der kleine Bube einen freundliche anschaut, wenn wir den Deckel seines Kahns aufschlagen. Aus den Palmen ruft er uns zu: „Ich werde auch euch eines fernen Tages aus der Gefangenschaft ziehen lassen, wie ehemals die Kinder Israel.”  Nicht in die Freiheit - denn die gibt es nicht. Es reicht meistens, aus der Gefangenschaft zu entkommen. „Aus der Gefangenschaft” ist schon genug „Freiheit.” Mit mehr kann der Mensch ohnehin nichts anfangen, ohne erneut Sklavereien zu verschulden.

Ein reines Goldzweiglein haben wir in Reinsdorf aufgehoben und nehmen es nachdenklich mit in die Tage bis Ostern. Dann verbrennen wir es im Osterfeuer und lassen es als Rauch aufsteigen, zusammen mit dem Rauch des Dornenreifs vom Haupte Christi, der das Feuer krönen soll. Denn daraus steigt der Vogel Phoinix auf, wie die Ägypter raunten. Und alles wird neu. Aber das ist schon eine andere Geschichte und die gehört erst in die Nacht von Karsamstag zu Ostersonntag …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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