Stachel im Fleisch nicht entfernen

Die »Judensau« – an der Wittenberger Stadtkirche
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Der Theologe Richard Harvey fordert die Abnahme der Wittenberger »Judensau« und stellt sich nun einer öffentlichen Debatte.

Katja Schmidtke

Käme man auf die Idee, Auschwitz abzureißen? Ist nicht gerade die Existenz des Ortes ein Stachel im Fleisch? Es mag ein gewagter Vergleich sein, den Jörg Bielig da ins Feld führte. Bielig ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von St. Marien in Wittenberg. Hier predigte Luther, hier begann die Tradition evangelischer Gottesdienste in deutscher Sprache, aber hier – hoch oben an der Südost­ecke des Chores, für den unwissenden Besucher kaum zu sehen – hängt seit siebenhundert Jahren ein antisemitisches Schmährelief, eine »Judensau«.
In den 1980er-Jahren begann eine kritische Auseinandersetzung mit diesem »beunruhigenden Erbe«, wie Stadtkirchenpfarrer Johannes Block sagt. 1988 wurde unterhalb der Plastik eine Gedenk- und Mahnplatte von Wieland Schmiedel und Jürgen Rennert eingeweiht. Kurz vor dem Reformationsjubiläum, zu dem auch Luthers dunkle Seiten wie sein Judenhass beleuchtet werden sollen, gewann die Debatte um die »Judensau« eine neue Aktualität.
Der Londoner Theologe Richard Harvey, messianischer Jude, fordert in einer Online-Petition, die Plastik abzunehmen. Mehr als 6 000 Menschen haben sich seiner Meinung angeschlossen und unterzeichnet. »Ich sage nicht: Zerstört die ›Judensau‹«. Aber nehmt sie ab, findet einen anderen Standort, erklärt und dokumentiert sie«, bekräftigte Harvey kürzlich auf einem Podium der Evangelischen Akademie.
Der charismatische Harvey ließ seinen Emotionen freien Lauf, würdigte aber auch die bisherige Auseinandersetzung. Die Petition, sagte er, sei aus seinem eigenen Schmerz entstanden. »Ich sah die Plastik, nahm im Schatten der Kirche Platz, ich weinte. Ich schrieb ein Klagelied, ich fühlte, etwas müsse getan werden.« Er sei weder politisch korrekt noch ein Bilderstürmer, aber eine antisemitische Schmähplastik an einem sakralen Ort, einem Ort, der Gott und seiner Anbetung geweiht ist – das beschmutze den Namen Gottes. Harvey betonte, an einem öffentlichen, profanen Ort sei die Plastik besser aufgehoben.
Dafür sprach sich auch Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter an der Akademie der Nordkirche, aus. Er schlug vor, in der Auseinandersetzung um die »Judensau« einen deutlichen Bezug auf Luthers antisemitische Schriften zu nehmen und die Schmähplastik in einen direkten Kontext zur Gedenkplatte zu stellen. Hentschel plädierte für die Abnahme von der Kirchenwand. »Und was soll dann dort hin? Übertünchen? So tun, als wäre nichts geschehen? Nein. Den Riss des Holocausts und die Mitschuld unserer evangelischen Kirche ist nicht zu heilen.« Der Riss solle vielmehr spür- und sichtbar sein, schlug Hentschel vor. Er hoffe, die vielfach von außen herangetragene Kritik werde nicht schlecht geredet als ein Versuch, Geschichte umzuschreiben.
Darum gehe es nicht, sagte Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Aber Erinnerung und Gedenken seien Prozesse. Was sich 1988 bewährt habe, kann sich möglicherweise heute nicht mehr aus dem Kontext erschließen.
Für den Erhalt an der Kirchenmauer sprach sich Sachsen-Anhalts Landeskonservatorin Ulrike Wendland aus. »Wir müssen das kulturelle Erbe bewahren, so chaotisch, unbequem und bösartig es ist, und es für nachkommende Generationen erhalten«, sagte sie. Selbst wenn man sich für eine Abnahme entscheide, bleibe die »Judensau« da. »Das Internet ist voller Bilder. Das Böse wird nicht vergehen.«
Eine Meinung, die auch Kirchenältester Jörg Bielig teilt. Wer die Plastik abnehme und sie nur museal betrachte, entfernt den Stachel aus dem Fleisch – der schmerzt, der aber wachhält.

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EKM Süd aus Weimar

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