Woher kommt das Böse?

Vaterunser: Ende vorigen Jahres stieß Papst Franziskus eine Debatte um die vorletzte Bitte an: »und führe uns nicht in Versuchung.« Der Papst hält dies nicht für eine gute Übersetzung und plädiert für eine Umformulierung. Dazu eine theologische Erörterung.

Von Christoph Kähler

Papst Franziskus hat mit seiner Anfrage an die Bitte aus dem Vaterunser »und führe uns nicht in Versuchung« eine Verzweiflung beim Namen genannt, die diese Formulierung bei vielen Menschen aufruft. Sie möchten sich an dem biblischen Satz »Gott ist Liebe« (1. Johannes 4,16) festhalten und zweifeln daran, dass der himmlische Vater Menschen in Versuchung bringt. Sie können sich dafür auch auf den Satz aus dem Jakobusbrief berufen: »Gott selbst versucht niemand« (1,13).
Besser träfe es die Formulierung: »Lass uns nicht in Versuchung geraten«, so Franziskus in seinem Interview im italienischen Sender TV 2000. Dabei bezog er sich auf eine Änderung des ökumenischen Vaterunsers in Frankreich, wo diese Bitte bisher wirklich ungenau und unglücklich übersetzt war. Die französischen Katholiken beten: »Lass uns nicht in die Versuchung eintreten.«
Die Debatte ist nicht neu, weil ja fürchterliche Erfahrungen der Versuchung oder der Anfechtung Menschen zu allen Zeiten betreffen. Bereits Luther geht im Kleinen Katechismus auf solche Fragen ein und schreibt in seiner Erklärung: »Was ist das? Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott wolle behüten und erhalten, auf dass uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und ander(e) große Schande und Laster; und ob wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.«
Dennoch zweifle ich daran, dass eine Umformulierung das Grundproblem löst, dem jeder Mensch in seinem Leben begegnet: »Woher kommt das Böse (das anderen oder mir jetzt zustößt)?« Diese Frage gehört zu den ganz wenigen Fragen, die sich immer wieder in Lebenskrisen und angesichts von ungeheuren Verbrechen aufdrängen, die aber mit Erklärungen nicht beantwortet werden können, sondern erlitten und erduldet werden müssen. Luther fordert darum im Katechismus praktisch dazu auf, sich selbst ernsthaft zu prüfen und verantwortlich zu leben. Dazu sollen die Ursachen des Bösen in unserer Umgebung gesucht und womöglich abgestellt werden.
Aber der Reformator weiß auch, dass es das Böse, den »Teufel« gibt: »… groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist.« Gott lässt dessen Wirken zu, so wie auch der vom Papst vorgeschlagene Satz lautet: »Lass uns nicht in Versuchung geraten.« Deswegen wird – jedenfalls im Matthäusevangelium – die sechste durch die siebte Bitte erläutert: »sondern erlöse uns von dem Bösen«.
Doch mit einer einfachen Umformulierung der sechsten Bitte ist die verzweifelte Frage: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« nicht beantwortet – weder für Jesus am Kreuz noch für andere Menschen, die zu Unrecht leiden und sterben. Sie wird für die verzweifelten Jünger zu Ostern erst in der Erfahrung der Auferstehung des Gekreuzigten beantwortet. Für uns und alle Menschen dürfen wir mit Luthers Worten hoffen, »dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten«. An dieser Hoffnung möchte ich mich festhalten, auch wenn sie sich in diesem Leben nicht völlig erfüllt.
Wie eng jedoch göttliches Wirken und die Versuchung zusammengehören können, mag die Versuchungsgeschichte nach Matthäus 4 und Lukas 4 zeigen, wo Jesus Christus vom (Heiligen) Geist in die Wüste geführt wird, »damit er von dem Teufel versucht würde«. Christus besteht als Sohn Gottes diese Proben, doch seine Bitte in Gethsemane wird sich nicht erfüllen: »Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber« (Matthäus 26,39).
Aber der Schluss dieses Gebetes: »doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!« bringt das tödliche Geschick Jesu mit dem Willen Gottes zusammen. Von diesem Gott bekennt Hanna im Gebet: »Der Herr tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf« (1. Samuel 2,6). Mit ihr sprechen Juden und Christen bis heute von einem Geheimnis, das unseren Horizont übersteigt.
Bisher haben wir angedeutet, wie umfassend die Lebensfragen und theologischen Überlegungen sind, die sich mit der sechsten Vaterunser-Bitte verbinden. Angesichts der mit einer veränderten Übersetzung nicht zu beruhigenden Fragen wenden wir uns der Prüfung zu, ob die bisherige deutsche Übersetzung fehlerhaft ist. Das ist nicht der Fall, der griechische Wortlaut ist eindeutig. Die Bitte richtet sich an Gott; das Tätigkeitswort meint ein »Hineinbringen«. Die gefürchtete Situation ist eine »Versuchung«, »Prüfung« oder »Probe«.
Dazu muss man allerdings wissen, dass das Neue Testament an vielen Stellen den Satan beziehungsweise den Teufel als »Versucher« bezeichnen kann. In Matthäus 4,3 tritt »der Versucher« herzu. Diesen Zusammenhang sollte man sprachlich nicht verdecken. So haben schon die ersten deutschen Bibeln die sechste Bitte mit denselben Worten aufgezeichnet, die wir bis heute miteinander sprechen, wie zum Beispiel die Mentelin-Bibel von 1466. Auch Luther hat von seinem September-Testament 1522 an bis zur letzten Ausgabe keinen Anlass gesehen, diese Formulierung in seiner Übersetzung anders wiederzugeben.
Das gilt bis heute für sehr viele wichtige deutsche und auch für andere Bibelübersetzungen, etwa die Zürcher Bibel von 2007, die katholische Einheitsübersetzung von 1980 und von 2016 oder die klassische englische King-James-Version von 1611 (»lead us not into temptation«). Am ehesten könnte man noch mit der Basis-Bibel die Formulierung wagen: »und stelle uns nicht auf die Probe«.
Andere moderne Übertragungen fügen dem Text etwas hinzu und erläutern ihn durch diese Erweiterungen, die nicht im griechischen Text stehen. Das gilt etwa für die Bibel »Gute Nachricht« 1997: »… lass uns nicht in Gefahr kommen, dir untreu zu werden« oder die »Bibel in gerechter Sprache«:
»… führe uns nicht zum Verrat an dir«. Als Anleitung zu einer Auslegung kann das hilfreich sein, verengt aber zugleich das Verständnis auf eine Möglichkeit.
Nun gab es früher Überlegungen, ob ein aramäischer Wortlaut Jesu von den ersten Christen unangemessen, ja falsch übersetzt worden sein könnte. Solche Spekulationen scheitern schlicht daran, dass der griechische Wortlaut ganz gewiss keine individuelle Übersetzung am heimischen Schreibtisch mit Urheberrechten eines Autors war, sondern sich in zweisprachigen Gemeinden vollzog, die solche Übersetzungen noch von weiteren Gemeindegliedern kontrollieren und verbessern lassen konnten.
Dass solche Veränderungen durchaus angebracht wurden, erweist sich etwa an Lukas 11,4 a, wo der Wortlaut im Griechischen etwas von Matthäus 6,12 abweicht. Solche Theorien, nach denen wir heute antiken Autoren nachweisen könnten, was sie eigentlich hätten übersetzen müssen, werden von der Fachwissenschaft nicht mehr vertreten.
Wir beten heute das Vaterunser in einem Wortlaut, wie er 1970 zwischen den deutschsprachigen Kirchen vereinbart wurde. Dabei wurden auch Veränderungen an dem Text vorgenommen: »… sondern erlöse uns von dem Übel« wurde zu »… sondern erlöse uns von dem Bösen«. Solche Korrekturen waren damals sinnvoll, um einen gemeinsamen Text zu finden, den alle deutschsprachigen Christen kennen und gemeinsam beten können. Sie trugen zugleich dem veränderten Sinn deutscher Ausdrücke Rechnung.
An diesem Text heute etwas zu ändern bedarf guter Argumente und einer überzeugenden neuen Formulierung. Ob eine solche zugleich dem Griechischen angemessene und die Frömmigkeit leitende neue Fassung der sechsten Bitte gefunden werden kann, bezweifle ich. Es bedarf wohl doch eher der Auslegung, also eines ausführlichen Gesprächs zwischen Christen, die sich gegenseitig in Anfechtungen wahrnehmen, zuhören und trösten wollen. Letztlich führt uns die Debatte, die Papst Franziskus angestoßen hat, in das Gespräch über unsere Gottesbilder und ihre biblischen Bezüge. Und wer wollte da an ein Ende kommen?

Der Autor war bis 2001 Professor für Neues Testament an der Universität Leipzig, danach Landesbischof der thüringischen Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Er leitete das von der Evangelischen Kirche in Deutschland in Auftrag gegebene Projekt »Lutherbibel 2017«.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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