Radikal auf Christus ausgerichtet

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir einen der reformatorischen Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.

Von Peter Zimmerling
Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.
Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«
Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«
Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott.
Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«
In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.
Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.
Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

EKM Süd aus Weimar

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