Nur wer genießen kann, weiß, worauf er verzichtet

Lebenskunst: Gelingendes Leben in der Nachfolge Jesu

Von Thomas Dienberg

Mit dem Wort Askese verbinden viele Menschen Leistungsfrömmigkeit, Selbstheiligung, Abtötung, unterwürfigen Gehorsam oder heroischen Verzicht. Doch wird das der Askese Jesu und einer christlichen Askese nicht gerecht. Askese ist eine wichtige Dimension christlichen Lebens und vor allem der Nachfolge Jesu.
Jesus war kein strenger Asket, und sein Verzicht war jeweils, ganz alttestamentarisch, bezogen auf die Vorbereitung wichtiger Feste und Zeiten.
Er zog sich immer wieder zurück in die Einsamkeit zum Fasten und zum Gebet, um sich vorzubereiten, zu läutern und sich wieder auf die Quelle des Lebens zu konzentrieren. Doch anders als Johannes der Täufer fällt er eher durch Lebenslust als durch eine enthaltsame Lebensweise auf. Er steht ganz in der jüdischen Tradition des Fastens und des Verzichts, doch gleichzeitig weiß er, dass es weitaus wichtiger ist, sich in die Grundhaltungen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung einzuüben, als die Vorschriften und Rubriken kleinlich zu befolgen und dabei den Nachbarn, der Hilfe benötigt, zu übersehen. Askese und Verzicht ohne den liebenden Blick ist eine heuchlerische Askese, ebenso ist eine Askese, die missmutig und traurig macht, keine Askese in der Nachfolge Jesu. Askese will befreien, Verzicht will zu einem gelingenden Leben beitragen. So ergeben sich im Hinblick auf Jesu Lebenspraxis einige wichtige Impulse für eine Theologie der Askese heute.
Im Übrigen ist auch das griechische Wort »askein« in seiner Grundbedeutung Wegweisung für eine Theologie der Askese, bedeutet es doch »üben« oder »sich einüben in Etwas«. Das hat mit Anstrengung und Mühe zu tun, aber auch mit Lebens- und Beziehungsgestaltung. Nimmt man Jesu Lebenspraxis in diesem Kontext von Einübung ernst, dann geht es in einer Theologie der Askese um den Versuch, die Beziehungsgestaltung zu Gott zu beleuchten und einzuüben, vor allem in den jeweiligen durchaus zeitbedingten Formen, die nicht dem Formalismus dienen sollten, sondern eine Hilfe für die gelingende Nachfolge Jesu im Lebensalltag, und damit der Beziehungsgestaltung zu Gott, darstellen. Verzicht ist dabei wichtig, hilft er doch, sich zu fokussieren, den Blick auf das Wesentliche des Lebens wiederzugewinnen und die Sinne erneut zu sensibilisieren. Ein anderer wichtiger
Aspekt einer Theologie der Askese, auch auf Basis der Praxis Jesu, ist die Mystik. Jesus hat sich mit Fasten, Verzicht und Gebet für die Begegnung mit seinem Vater vorbereitet. Askese ist ihm dafür ein wichtiges Hilfsmittel. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil sind Mystik und Askese unglücklicherweise immer wieder getrennt betrachtet worden. Eine Theologie der Askese heute muss aber beide Aspekte berücksichtigen und kann ohne eine fundierte Theologie der Mystik nicht existieren. Mystik und Askese gehen in der Lebenspraxis der Nachfolge und in der Theologie Hand in Hand. Von daher ist eine Theologie der Askese, die in der katholischen Lehre zur »Theologie der Spiritualität«, einem Fach innerhalb der Praktischen Theologie, gehört, weitaus mehr als eine Theologie des Verzichts und Maßhaltens – es ist eine Theologie der Christlichen Lebenskunst mit u. a. folgenden Inhalten: Selbstbeherrschung, Weltverantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Gemeinschaft, Solidarität, Verantwortung und statt Weltverneinung Weltbejahung. Askese leben bedeutet dann, die Leidenschaft und Lust am Leben wachzuhalten. Nur wer genießen kann, weiß, worauf er verzichtet. Daher sollen noch einige wichtige Dimensionen einer Theologie der Askese, die sich mit dem Leben beschäftigt, benannt werden.
Sie können gleichzeitig auch der Reflexion des eigenen geistlichen Lebens dienen.
Askese leben bedeutet, sich immer wieder in die Verantwortung für und Solidarität mit dem Nächsten einzuüben. Askese leben bedeutet, auf Distanz zu gehen, loszulassen und sich bewusst durch Verzicht und Maßhalten auf das im Leben zu besinnen, was wirklich wichtig ist und trägt.
Askese leben bedeutet, wie Jesus, Formen, die nicht dem Leben dienen, aufzubrechen.
Askese leben schließlich bedeutet, sich einzuüben in die Realitäten des Lebens: die Schwachheit, die Niederlagen und Krisen, den Tod. Das ist eine ungeheure Lebenskunst.
Darin sind dann Verzicht und Maßhalten wichtige Dimensionen, aber immer unter dem Aspekt des gelingenden Lebens der Nachfolge Jesu.

Der Autor ist Professor für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

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Online-Redaktion aus Weimar

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