»Gott lebt. Gott helfe uns!«

In dem Jahr, in dem an Heinrich Böll erinnert wird, der am 21. Dezember 2017 hundert Jahre alt geworden wäre, erschienen seine Kriegstagebücher aus den Jahren 1943–1945.

Von Christoph Kuhn

Böll hat den Krieg wie Unzählige seiner Generation am eigenen Leibe durchleben müssen – durstend, hungernd, in Kälte und Hitze, von Ungeziefer geplagt, verdreckt, verzweifelt, verwundet, dem Tode nah, in Gefangenschaft am Ende, davongekommen – deshalb hatte und hat er uns viel zu sagen. Als Klartext in Vorträgen und Ansprachen, in seinen Briefen von der Front; in eben diesen Kriegstagebüchern, die vor 1943 sind verlorengegangen. Und künstlerisch gestaltet in Erzählungen, Romanen, Hörspielen, Bühnenstücken: Nachkriegsliteratur, oft auch recht abfällig als Heimkehrer- und Trümmerliteratur bezeichnet – das klingt verstaubt, moralinsauer. Nie wieder Krieg! – ein frommer Wunsch, aber nicht wenige Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Bölls Generation waren fromm im besten Sinne des Wortes und blieben es trotz der Erlebnisse, die sie vom
Glauben hätten abbringen können.
Den besten Texten dieser Zeit ist Moral inhärent, nicht angeheftet, weil die Haltung, sie zu schreiben, auf eigner Erfahrung basierte. Sechs Jahre lang war Böll Soldat. Er führte Tagebuch an der Front, im Lazarett und in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Es sind Notizen zu Aufenthaltsorten, zur Landschaft, zum Wetter, Stoßgebete, Befindlichkeiten: »Kälte, Elend, Einsamkeit.« »Das Gejammer der Verwundeten und Sterbenden.« »Apokalyptische Zustände«. »Das absolute Elend.« Immer wieder schreibt er den Namen seiner Frau Anne-Marie, ruft Gott an und seine Mutter. Notiert seine Träume vom Nachhausekommen.
Je nach Standort gibt es aber auch gelegentliche Spaziergänge, Postempfang, Besuche von Kinos, Buchhandlungen, Cafés, Kirchen, Kneipen, heiß ersehnte Urlaube. Doch Verzweiflung überwiegt. »Willkür, ich ertrage es nicht mehr lange!« »Ich sterbe langsam ab.« »Ich stelle fest, dass ich ungläubig bin, zu keiner Begeisterung und Freude mehr fähig.« Kurz vor der Entlassung schreibt er: »Ich habe Angst vor dem Leben und stelle fest, dass ich die Menschen hasse!«
Fast wären die Texte nicht publiziert worden. Der Herausgeber, Heinrich Bölls Sohn René Böll, schreibt im Vorwort, sein Vater habe eine Veröffentlichung »nie in Betracht gezogen …« Lange und reiflich hätten Familien- und Nichtfamilienmitglieder überlegt, ehe sie sich doch dazu entschlossen – »abwägend, dass diese Aufzeichnungen zwar sehr persönlich, aber nie intim sind …« Persönlich, privat, intim? Gut, dass sie der Nachwelt erhalten blieben!

Böll, Heinrich: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943 bis 1945, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 351 S., ISBN 978-3-462-05020-2, 22,00 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

EKM Süd aus Weimar

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