Glück und Leid

Ulrich Schacht ist ein grandioser Erzähler. In seinem Roman »Notre Dame« verwebt er eine Liebesgeschichte mit den politischen Ereignissen der Nachwendezeit.

Von Sabine Kuschel

Der deutsche Journalist Torben Berg ist mit dem Flugzeug unterwegs nach Paris. So beginnt der Roman, der viele autobiografische Elemente enthält. Anderthalb Jahre zuvor war Berg schon einmal in Paris – gemeinsam mit seiner Geliebten Rike. Auf dieser neuerlichen Reise lässt er in der Erinnerung auf Schritt und Tritt die leidenschaftliche Liebesbeziehung wiederaufleben zwischen ihm, dem verheirateten Mann und Vater einer Tochter, und Rike, seiner Liebsten, die ebenfalls in einer Beziehung lebt.
Torben Berg hat wie der Romanautor Erfahrungen mit der Diktatur. Er saß in der DDR als Dissident in Haft und war von der Bundesrepublik freigekauft worden. Das Ende der DDR sehnt er herbei. Nachdem 1989 die Mauer tatsächlich gefallen ist, fährt Berg von Hamburg als Journalist zur Recherche nach Leipzig, wo er Rike und ihrem Freund begegnet. Rike und Torben verlieben sich ineinander. Ausgerechnet in dem Moment, als Berg hofft, als Sieger der Geschichte in das politische Geschehen eingreifen zu können. Die Liebe wirft den in journalistischer Absicht in den Osten gereisten Berg aus der Bahn. Er kehrt nach Hamburg zurück und sucht nach der nächsten Gelegenheit, um schnellstmöglich wieder nach Leipzig fahren zu können. Sein Chef erteilt ihm zu wiederholtem Mal den Auftrag zur Recherche in Leipzig. Eigentlich will der Journalist die Stimmung des Aufbruchs im Osten einfangen, doch gepackt von der Leidenschaft, gerät seine berufliche Aufgabe ins Hintertreffen. Das Phänomen der Liebe reißt beide – Torben und Rike – aus ihrer bisherigen Wirklichkeit und stellt sie in einen neuen Sinnzusammenhang.
Torben ist verheiratet mit Karla, die im Roman als eine positive, charakterstarke Persönlichkeit dargestellt ist. Die Beziehung mit ihr ist für Torben eine starke Stütze, doch die Ehe scheitert. Rike und Torben ziehen zusammen. Aber ihre Beziehung entwickelt sich immer mehr zu einer komplizierten, verkrampften, destruktiven.
Es wechseln Szenen leidenschaftlichen Liebesglücks und solche, in denen die politischen Ereignisse reflektiert werden. Und immer wieder nimmt der Autor den Leser mit auf Reisen, zuletzt auf die Faröer Inseln, eine Tour, bei der Torben ohne Rike unterwegs ist.
Was zieht den Protagonisten erneut nach Paris? Und warum trägt das Buch den Titel »Notre Dame«? In der Kathedrale feiert der Protestant eine Messe in fremder Sprache mit und macht sich bewusst, dass ihm in dem Priester ein »geweihter Mensch« gegenübersteht, der über die Gabe verfügt, etwas, was immer wieder aufriss, zu verbinden, zu heilen. Als Torben Berg Notre Dame verlässt, tut er dies im Bewusstsein, den Trost der Vergebung empfangen zu haben.

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman, Aufbau Verlag, 431 S., ISBN 978-3-351-03586-0, 22 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

Adrienne Uebbing aus Weimar

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