Ägypten: Krieg gegen den Terror

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig.
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Verfolgte Christen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ruft jährlich dazu auf, am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere) für bedrängte und verfolgte Christen zu beten. Schwerpunkt der Fürbitte diesmal ist die Situation der Christen in Ägypten.

Von Julia Gerlach

Sonntagmorgen in der Kirche zur Heiligen Maria in Kairo direkt am Nil. Die Sonne glitzert auf dem träge dahinfließenden Strom. Weihrauch mischt sich mit den Resten des Morgennebels. »Für mich ist dies ein magischer Ort und einer, an dem ich mich sicher fühle, trotz allem«, sagt Marina G., eine junge Frau mit zwei Kleinkindern an der Hand. Die reich verzierte Kirche ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und auch auf der Terrasse am Nil drängen sich die Betenden.
Die ägyptischen Kopten sind eine Abspaltung der Griechisch-Orthodoxen Kirche. Viele Lied- und Gebetstexte sind auf Koptisch, einer Sprache, die dem Pharaonischen ähneln soll. Die Predigt allerdings hält der Priester im ägyptischen Dialekt, dass die Gläubigen ihr folgen können.
Es sind aufmunternde Worte. Er bittet die Gläubigen, Geduld zu haben und die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufzugeben: »Wir müssen zusammenstehen und an unserem Glauben festhalten. Es ist eine Zeit der Prüfung und wir dürfen jetzt nicht nachlassen«, dringt die warme Stimme des Priesters durch den Lautsprecher. »Er weiß, was uns bewegt«, sagt Marina G. »Mich tröstet es und tatsächlich sind wir alle einmal wieder eng zusammengerückt. Wir verkriechen uns hier hinter unseren Mauern«, ergänzt sie. In den vergangenen Jahren habe sie manchmal Hoffnung gehabt, dass sich das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen in Ägypten doch noch verbessern könnte, doch derzeit ist sie eher pessimistisch.
Tatsächlich war das vergangene Jahr 2017 besonders blutig. Im Februar riefen radikale Gruppen, die auf der Sinai-Halbinsel gegen Regierungstruppen kämpften, zum Kampf gegen die Christen auf: Sieben Menschen wurden ermordet und Hunderte Christen flohen daraufhin in andere Teile Ägyptens. Kurz darauf, am Palmsonntag, kamen bei einem Doppelanschlag auf eine Kirche in Tanta und die Sankt-Markus-Kathedrale von Alexandria mindestens 70 Menschen ums Leben.
Hinzukommen unzählige Zwischenfälle: Angriffe auf Häuser und Geschäfte, Vertreibungen einzelner Familien aus oberägyptischen Dörfern, Ermordungen. Immer wieder flammt die Gewalt auf. Oft reicht ein Gerücht, dass etwa die Christen dort heimlich eine Kirche bauen, und schon kommt es zu Übergriffen.
Kirchbau ist eines der umstrittenen Themen. Seit Jahrzehnten fordern die ägyptischen Christen ein neues Gesetz, dass sie legal Kirchen bauen können. Im vergangenen Jahr wurde ein solches Gesetz verabschiedet, allerdings geht es vielen Christen nicht weit genug. Das letzte Wort für die Baugenehmigung haben die lokalen Gouverneure und sie können – wenn sie den sozialen Frieden in Gefahr sehen – auch »nein« sagen. Das Gesetz gilt als Geschenk des Präsidenten Abdelfattah al-Sisi an die Christen. Das allerdings macht die Sache besonders schwierig.
Ein Rückblick: Seit Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Christen in Ägypten. Abhängig ist dies von der Politik der jeweiligen Regierung – Seit 1952 regiert am Nil das Militär fast durchgehend. Eine Rolle spielt auch die Stärke der islamistischen Bewegungen, die gegen die Regierung kämpfen und die Christen oft angreifen, nicht nur, weil sie andersgläubig sind, sondern auch, um die Regierung international in Verruf zu bringen.
2011 in den Tagen der Revolution auf dem Tahrirplatz in Kairo passierte etwas, was viele nie für möglich gehalten hätten: Christen und Muslime standen Seite an Seite, beteten und demonstrierten zusammen.
Mit dem Sturz von Mubarak wurden die Angriffe auf Christen schlimmer denn je und als 2012 mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder zum Präsidenten gewählt wurde, hatten die Christen Angst. Deshalb unterstützten viele von ihnen Abdelfattah al-Sisi, der 2013 Mursi absetzte. Es kam zu extrem blutigen Racheakten. Mehr als 100 Kirchen und christliche Einrichtungen wurden im August 2013 angegriffen. Die neue Regierung ging mit großer Härte gegen die islamistische Bewegung vor und die Gewalt eskalierte. Je brutaler der Kampf, desto stärker gerieten auch die Christen ins Visier. Mehrfach hat der sogenannte Islamische Staat »IS« gedroht, ägyptische Christen zu töten.
Schwierige Zeiten für die Christen am Nil. Dabei hat das Christentum in Ägypten uralte Wurzeln. Im Jahr 60 gründete der Evangelist Markus in Alexandria die erste Kirche. In vielen Kirchen Ägyptens finden sich Bilder der Heiligen Familie, die auf der Flucht vor König Herodes mit einem Esel nach Ägypten zog. Diese Flucht spielt für die ägyptischen Christen eine wichtige Rolle und es gibt zahlreiche Pilgerstätten, die hierzu im Bezug stehen. So wurde auch die Kirche der Heiligen Maria am Nil auf einer Grotte erbaut, in der Maria und Josef mit ihrem Baby gerastet haben sollen. Im Vorbeigehen bekreuzigen sich die Gläubigen.

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig.
Prägend für die koptischen Christen bis heute: die Flucht der Heiligen Familie. Hier ein Mosaik in der Hängenden Kirche im koptischen Viertel Misr al-Qadima in Kairo.
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Online-Redaktion aus Weimar

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