Eckolstädter Jubiläum
Dürfen Pfarrer sich politisch engagieren?

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Am Vormittag des 10. Juni 1953 erfuhr Oberpfarrer Edgar Mitzenheim in seinem Pfarrhaus von den Beschlüssen des SED-Politbüros zur Erhöhung der Arbeitsnormen. Daraufhin ging er zum Vorsitzenden der örtlichen "Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe" (VdgB) und fragte, ob die Bauern nicht etwas unternähmen, denn "es sei jetzt an der Zeit“ etwas zu unternehmen. Am 12. Juni 1953 wiederholte der Pfarrer seinen Vorschlag und meinte, es solle eine Dorfversammlung einzuberufen werden. Dafür wurde eine Resolution verfasst. Am nächsten Tag erreichte die Eckolstädter die Nachricht, vier Bauern ihres Dorfes, die als Gegner der SED-Enteignungen inhaftiert waren, wurden aus der Haft entlassen. Viele aus dem Dorf empfingen sie am Ortseingang. Am Abend gab es dann eine Einwohnerversammlung, an der mehr als die Hälfte aller Einwohner teilnahmen. Nachdem die ersten vier Punkte der Tagesordnung zügig abgearbeitet worden waren, übergab der Vorsitzende der Bauernvereinigung das Wort an den Pfarrer.
Edgar Mitzenheim trug nun die Resolution vor (sie ist im Internet veröffentlicht!). Es war eine detaillierte und präzise Aufzählung dessen, was seit langem im Dorf kritisiert wurde, aber zugleich gefährlich war öffentlich zu artikulieren. Das Verlesen der Resolution begleiteten die Dorfbewohner mit Beifall und Bravorufen. Wenn es um Genossen der SED bzw. um die Regierung ging, vermerkt der Spitzelbericht, wurden Schmährufe laut. Zur Diskussion wollte niemand sprechen. Bis auf wenige Stimmenthaltungen wurde die Resolution angenommen.
Zwei Tage später, am 15. Juni, fuhren Pfarrer Mitzenheim und zwei weitere Vertreter des Dorfes entsprechend des Beschlusses der Einwohnerversammlung nach Berlin. Sie gingen zuerst ins DDR-Landwirtschaftsministerium, um dem Minister ihre Resolution zu übergeben. Danach fuhren sie weiter nach West-Berlin ins Flüchtlingslager. Sie durften zwar nicht in das Flüchtlingslager hinein, aber man schickte zwei Familien aus Eckolstädt zu ihnen an den Eingang. Mitzenheim unterrichte diese von ihrer Resolution und von den Entwicklungen in der DDR und forderte die Familien auf, recht bald nach Eckolstädt zurückzukehren. Die West-Berliner Polizei vermutete, Mitzenheim und seine Gefährten würden SED-Propaganda betreiben und nahm sie für zwei Stunden fest bis das Missverständnis ausgeräumt war. Am frühen Morgen des 17. Juni trafen die drei Männer wieder in Eckolstädt ein.
Tagsüber blieb es dann zunächst ruhig. Abends kehrten Pendler aus Jena zurück und berichteten vom Massenprotest in der Saale-Stadt. Einige Dorfbewohner fassten daraufhin Mut und zerstörten zuerst das Straßenschild "Karl-Marx-Straße". Dann gingen sie in das Büro des örtlichen SED-Funktionärs und warfen Papiere und Unterlagen aus dem Fenster auf die Straße. Mitzenheim versuchte, die Einwohner zu beruhigen. Am frühen Morgen des 18. Juni, als das Dorf noch schlief, kam eine Einsatzgruppe der Geheimpolizei ins Dorf und inhaftierten den Pfarrer und den VdgB-Vorsitzenden. Daraufhin läutete der Sohn des VdgB-Vorsitzenden die Glocken. So standen ca. 50 aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger gegen 5:00 Uhr morgens auf der Dorfstraße und debattierten. Als die Menge einen bekannten SED-Funktionär aus Apolda auf einem Motorrad erblickte, hinderten sie ihn an der Weiterfahrt. Sie teilten ihm unmissverständlich mit, er könne erst weiterfahren, wenn es eine Zusage gibt, dass die Inhaftierten freikommen. Die Idee, den Funktionär im Dorfteich zu ertränken oder ihn aufzuhängen, ließen die Dorfbewohner jedoch wieder fallen.
Kurz darauf fuhr ein PKW in den Ort. Darin saß ein im Dorf bekannter Polizist in Zivil. Er wollte den Befehl über den Ausnahmezustand aushängen. Dazu kam er aber nicht. Mehrere Dorfbewohner warfen sein Auto um. Seine Begleiterin, die in Eckolstädt allgemein als Stasi-Zuträgerin galt, konnte sich gerade noch vor der aufgebrachten Menge retten. Der Polizist zog seine Pistole, doch einer der gerade aus der Haft Entlassenen überredete ihn, sie nicht zu benutzen. Noch bevor die Bauern die Telefonleitungen des Dorfes kappten, gelang es dem Polizisten, seine Dienststelle in Apolda von den Vorgängen zu unterrichten.
Zwischen 9:00 und 10:00 Uhr traf schließlich ein Überfallkommando der Volkspolizei sowie eine Einheit der sowjetischen Armee ein. Sie beendeten den Aufstand in Eckolstädt. Danach wurden weitere vier Dorfbewohner verhaftet. Noch noch mehrere Wochen war das Dorf von Panzern umstellte und nur mit Sondergenehmigung konnten Eckolstädter ihr Dorf verlassen.
In einem öffentlichen Prozess verhängte das Gericht in Erfurt am 18. Juli 1953 eine sechsjährige Zuchthausstrafe gegen Edgar Mitzenheim. Die drei Mitangeklagten erhielten Haftstrafen von zwei Jahren, einem Jahr bzw. sechs Monaten. Mehrfach setzten sich Kollegen von Edgar Mitzenheim und auch sein Bruder, der Thüringer Bischof Moritz Mitzenheim, für eine Herabsetzung der Strafe ein. Die zuständigen Stellen lehnten jedoch alle Anträge ab. Im Juni 1956, drei Jahre vor Ablauf der Haftstrafe, kam Pfarrer Edgar Mitzenheim endlich frei. Dazu beigetragen hatte vermutlich, dass sich sein Bruder Bischof Mitzenheim öffentlich von ihm distanzierte und das Landeskirchenamt Edgar Mitzenheim in den Wartestand versetze und nicht wieder als Pfarrer arbeiten ließ. Oberpfarrer Edgar Mitzenheim verließ daraufhin die DDR, konnte aber nicht mehr als Pfarrer arbeiten.
Edgar Mitzenheim hat alles richtig gemacht: er hat die Kommunikation mit allen im Dorf - und sogar mit den drei Familien, die vor dem kommunistischen Terror in den Westen geflohen waren, gesucht. Er hatte sich für Deeskalation eingesetzt und die Petition zu den Inhabern der Macht getragen... Und er war ein begnadeter Prediger, der das Evangelium frisch heraus verkündete. Nun könnte man denken, wenn er in der DDR "verboten war", dann ist er heute bekannt, doch - weit gefehlt. Seine Kirche erinnert nicht an ihn. In Eckolstädt gibt es nicht am Pfarrhaus oder an der Kirche eine Gedenktafel in Würdigung des Pfarrers und seiner Gemeinde.
Wer das ändern möchte, melde sich bitte bei mir oder bei der Kirchgemeinde Eckolstädt.
Herzliche Einladung zur Feier der Ortsjubiläums, die am Freitag 21.08., 18:00 Uhr mit einem Festgottesdienst beginnt.

Autor:

Christian Dietrich

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