PHILOSOPHEN VORGESTELLT
Ortega y Gasset - AUFSTAND DER MASSEN

José Ortega y Gasset (WIKIPEDIA)

José Ortega y Gasset gehört zu jenen europäischen Denkern des 20. Jahrhunderts, die heute merkwürdig halb vergessen und zugleich halb bestätigt wirken. Der spanische Philosoph, geboren 1883 in Madrid, war kein Parteipolitiker im engeren Sinne, sondern ein Diagnostiker der geistigen Atmosphäre Europas. Sein berühmtestes Werk „Aufstand der Massen” erschien 1929 unmittelbar vor dem großen europäischen Absturz in Totalitarismus, Krieg und ideologischen Massenrausch. Ortega beobachtete damals etwas, das ihm gefährlicher erschien als einzelne Tyrannen. Er beobachtete den Aufstieg des „Massenmenschen“. Gemeint war damit nicht einfach „das Volk“, sondern ein Menschentypus, der die kulturellen und geistigen Voraussetzungen seiner eigenen Existenz nicht mehr versteht, sich aber gleichzeitig für vollkommen kompetent hält, über alles urteilen zu können. Genau darin sah Ortega die eigentliche Gefahr der Moderne.
Ein ganzes Jahrhundert trennt uns inzwischen von jener europäischen Zwischenkriegswelt, in der Ortega die Diagnose des sogenannten Massenmenschen essayistisch formulierte, was 1929 schließlich zum Erscheinen des Buches „Aufstand der Massen” führte. Die geistige Vorbereitung und die entscheidenden Vorlesungen und Beobachtungen stammen aus dem Jahr 1926.

Man wird zugeben: Die Diagnosen Ortegas besitzen heute beinah unheimliche Aktualität. Denn die moderne Demokratie des Westens war ursprünglich keineswegs als Herrschaft der bloßen Masse im Sinne „Unserer Demokratie” gedacht. Sie lebte vielmehr von einem feinen Gleichgewicht: Freiheit brauchte Bildung, Rechte brauchten Verantwortung, Mehrheiten brauchten geistige Formen. Demokratie war nicht einfach Mathematik. Sie war ein hochgespanntes kulturelles Ethos. Gerade dieses Ethos scheint jedoch gegenwärtig zerstört zu werden und zu zerfallen.

In Deutschland zeigt sich der Zerfall besonders eigentümlich. Die klassischen Massenparteien, die einst das politische Leben offenbar zu strukturieren vermochten, befinden sich nun selbst im Stadium der Auflösung. Sie hatten jahrzehntelang jene homogenen Großmilieus erzeugt, die Ortega bereits kommen sah: standardisierte Sprache, standardisierte Moral, standardisierte Empörung, standardisierte politische Reflexe. Der Bürger wurde immer weniger als verantwortlicher Einzelner verstanden, sondern zunehmend als verwaltbares Mitglied einer statistischen Kategorie. Parteien, Medienapparate und institutionelle Netzwerke und verdeckte NGOs verschmolzen schrittweise zu einem eigentümlichen System gegenseitiger Bestätigung. Opposition erscheint darin nicht mehr als notwendiger Bestandteil der Demokratie, sondern als moralischer Defekt.

Gerade hierin liegt das eigentlich Beunruhigende. Denn Demokratien sterben weniger dadurch, dass plötzlich Panzer auffahren. Sie sterben meistens dadurch, dass der geistige Raum der Unterscheidung verloren geht und austrocknet. Wo alles nur noch aus Zustimmung bestehen soll, entsteht jene bleierne Homogenität, die Ortega fürchtete. Dann herrscht nicht mehr politische Kompetenz, sondern Konformitätsdruck. Nicht nur der offene Terror vernichtet die Freiheit, sondern die stille soziale Erstickung .

An diesem Punkt berührt die politische Analyse des spanischen Intelektuellen - der übrigens (wie könne es anders sein) nicht unumstritten blieb - eine theologische Dimension. Der Mensch ist nämlich ein Wesen der Wahrheitssuche — und zugleich ein Meister der Selbsttäuschung. Seit Anbeginn der Geschichte tobt daher ein alter Bürgerkrieg, der niemals endet: der Krieg der Dummen gegen die Klugen. Doch die Sache ist komplizierter, als sie zunächst klingt. Denn die wirklich Gefährlichen sind selten jene schlichten Menschen, die ihre Grenzen ahnen, bzw. um sie wissen. Gefährlich werden jene, die sich gerade kraft ihrer Beschränktheit für überlegen halten. Die Dummheit besitzt eine eigentümliche metaphysische Aggressivität. Sie hasst jede Differenzierung, weil Differenzierung Mühe verlangt. Sie verachtet den Zweifel, weil Zweifel Demut voraussetzt. Sie liebt Parolen, weil Parolen das Denken zu ersetzen scheinen.

Die wirklich Klugen dagegen erkennt man oft daran, dass sie ihrer eigenen Klugheit misstrauen. Sie wissen, wie leicht der menschliche Geist sich verirrt. Sie kennen die Abgründe ideologischer Selbstgewissheit. Deshalb sprechen sie vorsichtiger, differenzierter, tastender. Gerade dadurch aber wirken sie in Zeiten der Massenaufwallung schwach oder unentschlossen. Der Dumme marschiert. Der Kluge zögert. Der Dumme vereinfacht. Der Kluge unterscheidet. Der Dumme hält seine Meinung für Wirklichkeit, weil viele dieser Meinung sind und sie auf Bannern und Transparenten vor sich her tragen und an ihre Häuser und Türme hängen lassen. Der Kluge ahnt, dass Wirklichkeit größer ist als schnelle und törichte Begriffe.

Vielleicht liegt genau hierin die Tragik aller politischen Geschichte. Denn Massengesellschaften bevorzugen fast immer jene Gedankenfiguren, die einfache Gewissheiten liefern. Der Preis dafür ist hoch: Der öffentliche Raum verliert seine geistige Tiefe. Sprache wird moralistisch. Denken wird verdächtig. Komplexität erscheint als Provokation. Und plötzlich lebt eine Gesellschaft von Schlagworten, und hält sich selbst damit für aufgeklärt.

Das ganze Ausmaß dieses uralten Dilemmas zeigt sich auf erschreckende Weise besonders deutlich bei Wahlumfragen und am Abend der sogenannten Wahlsonntage. Dort tritt die moderne Massendemokratie gleichsam liturgisch vor sich selbst hin. Millionen Menschen vollzogen denselben symbolischen Akt - und nennen es Volkssouveränität. Doch hinter der feindlich-feierlichen Fassade steht die ernste und verstörende Frage: Entschied hier wirklich das geistig freie Bürgertum, zu dem Ortega sich bekannte — oder eben eine von Angst und Gewohnheit emotionalisierte Masse, die Medienimpulsen und moralischen Reflexen auf den Leim kroch? Genau an diesem Punkt wird Ortega y Gasset unheimlich aktuell und bedrückend prophetisch.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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